Pfingstkirchen in AfrikaIm Namen des Erfolgs

Die pentekostalen Bewegungen haben in Nigeria enormen Zulauf und politischen Einfluss. Statt sie zu belächeln oder zu bekämpfen sollte die katholische Kirche in einen Austausch mit ihnen treten. Von den oralen Traditionen und den modernen Verkündigungswegen könnte sie sogar lernen.

Gläubige feiern Liturgie
© KNA-Bild

Religion und Politik gehören eng zusammen. Das gilt besonders in Nigeria, dem bevölkerungsreichsten Land Afrikas, dessen hochkomplexe religiöse Prägung die Geschicke des Landes beeinflusst und dessen leidvolle politische Geschichte ein friedliches Zusammenleben der Religionen und Konfessionen erschwert. In jüngster Zeit kommt dabei den vielfältigen neuen religiösen Bewegungen eine wachsende Bedeutung zu. Im Christentum spielt besonders der Pentekostalismus eine immer größere Rolle.

Die etablierten Kirchen trauen der pentekostalen Bewegung weder eine konsistente Theologie zu noch eine institutionelle Dauer. Doch diese ist längst keine belächelte Randerscheinung mehr. Vielmehr treten pentekostale Kirchenvertreter selbstbewusst und bestimmend auf und sehen sich dabei bestätigt von ihren Erfolgen, etwa dem massiven Zulauf. Hochrangige Politiker zeigen sich als pentekostale Christen, und pentekostale Kirchenführer nehmen offen Einfluss auf politische Entwicklungen. Mit diesem neuen Selbstbewusstsein tun sich die etablierten Kirchen und besonders die römisch-katholische Kirche schwer.

Vor einigen Monaten organisierten die katholische Bischofskonferenz Nigerias und Missio Aachen im Auftrag der Deutschen Bischofskonferenz eine Tagung in Abuja, Nigeria, bei der es um eine erste Verhältnisbestimmung von katholischer Kirche und pentekostalen Kirchen ging und um eine Begegnung von Vertreterinnen und Vertretern beider Seiten.

In den vergangenen Jahrzehnten haben sich die pentekostalen Bewegungen und Kirchen weltweit rasant ausgebreitet, sodass sie heute schätzungsweise 500 Millionen Anhänger haben. Hinzu kommen noch jene Christen, die innerhalb der etablierten Kirchen eine pentekostale Spiritualität pflegen, etwa in der

„Charismatischen Erneuerung“ innerhalb der katholischen Kirche. „Die pentekostale und charismatische Spiritualität ist ein post-denominationales Phänomen, das die Erfahrung des Heiligen Geistes wertschätzt, bekräftigt und fördert“, sagt der pentekostale Theologe Kwabena Gyadu aus Ghana.

Die Verquickung mit politischen Zielen macht anfällig für Korruption

Die pentekostalen Kirchen werden in Nigeria gerne mit Klischees belegt: Sie seien spontan, emotional, partizipativ und besonders auch für Frauen wenig hierarchisiert, aber auch individualistisch, fremdfinanziert, gewinnsüchtig und theologisch unreflektiert. Auch wenn bestimmte Phänomene diese Klischees nahelegen, gehen sie doch an der Wirklichkeit vorbei und übersehen die Entwicklungen, die die pentekostalen Kirchen und Bewegungen in den letzten Jahren genommen haben.

Bereits frühere Untersuchungen haben darauf hingewiesen, dass die weitaus meisten pentekostalen Kirchen keineswegs von ausländischen, etwa amerikanischen Institutionen bezuschusst werden, sondern sich vollständig aus Mitteln der Mitglieder finanzieren. Auch verfolgen sie keine rein individualisierte Ethik, sondern setzen sich durchaus für politische Ziele ein und beten zum Beispiel für den friedlichen Ablauf von Wahlen oder eine gute Amtsführung gewählter Politiker. Diese „Spiritualisierung der Politik“, wie es der britische Theologe Richard Burgess nennt, birgt aber auch Gefahren, etwa wenn durch Prophezeiungen Einfluss auf Wahlen genommen wird oder wenn in einem unhinterfragten Triumphalismus afrikanische Traditionen abgewertet oder gar andere Religionen wie der Islam zum Feind stilisiert werden.

Eine Verquickung mit politischen Zielen macht den Pentekostalismus zudem anfällig für Korruption, zumal wenn pentekostale Führungspersönlichkeiten für die Präsidentschaft kandidieren. 2014 etwa musste die katholische Kirche ihre Mitarbeit an der „Christian Association of Nigeria“ aussetzen, weil deren damaliger Präsident und Führer einer pentekostalen Kirche, Pastor Ayo Oritsejafor, für die Kandidatur des christlichen Präsidentschaftskandidaten unter Abwertung aller muslimischer Politiker und Gläubigen geworben hatte.

Die oft beschworene Partizipation der Laien birgt außerdem die Gefahr ständiger Fragmentisierung und Aufsplitterung („break away churches“), wie dies in der Kirchengeschichte auch in allen etablierten Kirchen immer wieder passiert ist. Um dem entgegenzuwirken, versuchen manche pentekostalen Kirchenführer, autoritative und patriarchale Leitungsstrukturen einzuführen.

Auch wirtschaftlich gehen die pentekostalen Kirchen neue Wege. Es wird nach wie vor ein Evangelium des Wohlstands („prosperity gospel“) propagiert, das auf der triumphalistischen Grundannahme basiert: Gott wird Wohlstand und Gesundheit jenen gewähren, die an ihn glauben. Nach Ansicht des Schweizer Theologen Andreas Heuser zeichnet sich hier allerdings ein Paradigmenwechsel ab: Es bleibt nicht beim Predigen, sondern die Gemeinschaft hilft ihren Mitgliedern konkret, die Armut zu überwinden. Dabei steht die Selbstmotivation des Gläubigen im Vordergrund. Darüberhinaus gibt es aber auch konkrete soziale Projekte.

Diese Form des Pentakostalismus ist durch die Verbindung von Spiritualität und Geschäftstüchtigkeit besonders für die moderne urbane Mittelschicht attraktiv – über die Zugehörigkeit zu einzelnen Kirchen und Gruppierungen hinaus. Das gesellschaftliche Engagement pentekostaler Kirchen und Bewegungen hat gerade in Nigeria in den vergangenen Jahren enorme Ausmaße angenommen.

Die in der nigerianischen Gesellschaft traditionell starke katholische Kirche tut sich mit einer konstruktiv-kritischen Auseinandersetzung mit dem Pentekostalismus schwer. Pentekostale Christinnen und Christen werden als nicht ernst zu nehmende Abweichler oder gar Abtrünnige gebrandmarkt, denen aufgrund dieser Abkehr letztlich kein Erfolg beschieden sein wird oder deren Erfolg nur mit einem Abfall von Sitten und Moral zu erklären ist, gegen den es dann zu kämpfen gilt. In dieser Sichtweise sollte es keinen Pentekostalismus geben, und der Schritt zur Verteufelung pentekostaler Frömmigkeit und aller, die eine solche Frömmigkeit anspricht, liegt dann nahe.

Doch diese Abwehrhaltung wird den pentekostalen Christinnen und Christen und ihrem im Alltag gelebten Glauben nicht gerecht und führt zu ernsthaften Spannungen oder gar Spaltungen innerhalb der katholischen Kirche. Denn dort folgen in der charismatischen Erneuerungsbewegung eine große Zahl von Gläubigen – und auch Priester mit entsprechender spiritueller Ausstrahlung – ähnlichen Gebets- und Frömmigkeitsformen wie die Führer und Mitglieder pentekostaler Kirchen und Bewegungen.

Eine weitere Form katholischen Umgangs mit dem Pentekostalismus besteht in einer Betonung der Konkurrenz und des Kampfes um Einfluss und Anhänger. Dies kann zu einer überdeutlichen Profilierung der römisch-katholischen Identität und zu Konservatismus oder Klerikalismus führen.

Oder aber katholische Priester versuchen, den pentekostalen Predigern nachzueifern. So verlangen in katholischen Priesterseminaren die Seminaristen von ihren Ausbildern, ihnen ebenfalls die Mittel des pentekostalen Erfolgs, etwa beim Predigen oder in Heilungszeremonien, beizubringen. Oder es werden in pentekostalen Kirchen übliche Praktiken übernommen, die sich teilweise wiederum an Elementen traditioneller afrikanischer Religionen ausrichten: die Verwendung von „heiligen“ Salben und geweihten Gegenständen oder ein gewisser Personenkult um die charismatische Führungspersönlichkeit.

Es entsteht ein religiöser Markt, auf dem es um das Abwerben von Anhängern anderer Konfessionen geht mit der Gefahr einer modischen Angleichung an den religiösen Zeitgeist.

Eine dritte Reaktion ist die des ökumenischen Dialogs, der eine gewisse Tradition hat. So besteht bereits seit 1972 ein institutionalisierter Dialog zwischen der römisch-katholischen Kirche und Vertretern einiger klassischer pfingstlicher Kirchen. Die neueren Entwicklungen und die rasante Ausbreitung pentekostaler Bewegungen kommen in diesem Dialog allerdings wenig vor, da sie von katholischer Seite weiterhin kritisch gesehen werden. In Nigeria steht der Austausch von katholischer Kirche und pentekostalen Kirchen und Bewegungen noch ganz am Anfang. Die erwähnte Konferenz in Abuja, auf der prominente pentekostale Vertreter aus verschiedenen Ländern als Partner mitredeten, war ein erster Versuch, miteinander ins Gespräch zu kommen.

Doch es ist nicht zu übersehen, dass die verschiedenen Kirchen und Strömungen einander beeinflussen, und diese Beeinflussung gilt es konstruktiv zu gestalten – im Sinne des Zeugnisses, das Christen in einer multireligiösen Gesellschaft abzulegen aufgerufen sind.

Die Abgrenzung zu den Pfingstkirchen befördert den Klerikalismus

Was kann die katholische Kirche von pentekostalen Liturgien lernen? In Jesu Sorge um die Menschen geht es immer um den ganzen Menschen, um Leib und Seele. Gerade in afrikanischen Kontexten üben die Heilungsgeschichten des Neuen Testaments heute eine große Faszination aus. Gottes Heil umfasst immer auch die konkrete physische Existenz. In pentekostalen Gottesdiensten und natürlich in speziellen Heilungszeremonien wird diese Dimension besonders deutlich. Aber auch in jeder Eucharistiefeier geht es um Heilung, die geschieht durch die Vergebung von Sünden, die heilende Realpräsenz Christi, die Verehrung Gottes und die Heiligung der Gemeinschaft.

Die katholische Kirche muss sich fragen lassen, wie die Feier der Eucharistie gelingen kann, sodass sie die Dimension der Heilung spürbar macht. Pentekostale Heilungszeremonien hingegen bergen die Gefahr, mit leeren Versprechungen falsche Hoffnungen zu wecken.

Nicht nur liturgisch, auch theologisch hat der Pentekostalismus etwas zu sagen. Die Bibel entstammt einer oralen Kultur und schlägt über die Verschriftlichung, Redaktion, Kanonisierung und den liturgischen Gebrauch ihrer Texte eine Brücke zur Gegenwart. Dieses „heute“ ist, so der amerikanisch-pentekostale Theologe Amos Yong, die Geisterfahrung, die pneumatologische Dimension, wie die pentekostale Bewegung sie artikuliert. Den Bedeutungsnuancen dieser Oralität nachzuspüren, ist eine anstehende theologische Aufgabe. Bevor sie Texte sind, sind die biblischen Begebenheiten Erzählungen, die eben erzählt oder je nach Form deklariert und dann gehört werden wollen. In der Bibelwissenschaft ist vom auralen, das heißt vom Hören her kommenden Verständnis des Textes die Rede. Es geht um Vokalisierung von Erzählungen, Geschichten, Gedichten, Gesängen, Sprichwörtern, Rätseln, Redewendungen. All dies hat in den von Spontaneität bestimmten pentekostalen Gottesdiensten seinen Platz.

Über das Hören kommt eine subjektive, innerliche Saite des Hörers zum Schwingen, die in der Liturgie wie auch in der Theologie vielleicht zu lange vernachlässigt wurde. Im Sinne einer Religion des Herzens spricht Amos Yong neben der bekannten Orthodoxie und der Orthopraxis von der Dimension der Orthopathie, die gerade in den pentekostalen Kirchen und Bewegungen die Brücke vom biblischen Text zum Leben der heute Glaubenden baut.

Den etablierten Kirchen fehlt oft der Zugang zu den Jugendlichen

Im heutigen Nigeria spielen die Medien eine zentrale Rolle. So gibt es eine Vielzahl von christlichen Fernseh- und Radiosendern. Zudem werden religiöse Botschaften über das Internet und die sozialen Medien transportiert. Besonders die vielen Jugendlichen und jungen Erwachsenen suchen über die modernen Kommuniktionsmittel nach Halt, Hoffnung und einem besseren Leben. Vielen fehlt eine Perpektive, auch weil das Land von hoher Disparität und Korruption geprägt ist. Häufig fühlen sie sich keiner Kirche oder Konfession zugehörig. Die plural und partizipativ gestalteten pentekostalen Gebetsversammlungen mit den vielen spontanen Elementen sprechen sie aber durchaus an. Den etablierten Kirchen fehlt hingegen oft der Zugang zu den Jugendlichen. Sie müssten dringend ihre Verkündigungswege modernisieren.

Pentekostale wie katholische Führungspersönlichkeiten sollten sich zudem selbstkritisch fragen, welche Motive ihre Verkündigung leiten. Geht es um die eigene Bereicherung und Erweiterung des eigenen sozialen und politischen Einflusses? Oder wird der Gott des Lebens verkündet, der eine besondere Vorliebe für die Armen hat? Führt die Option für die Armen zu einem entsprechenden Engagement der Kirche, die die Gemeinschaft des heiligen Geistes ist? In den pentekostalen Kirchen und Bewegungen auf der einen und der katholischen Kirche auf der anderen Seite werden diese Fragen unterschiedliche Resonanzen hervorrufen. Sie sind aber für beide Seiten im Sinne einer ganzheitlichen Evangelisierung von zentraler Bedeutung.

Für die katholische Kirche besteht eine bleibende Herausforderung darin, ihre Verkündigung im Geist einer dialogisch verstandenen Mission zu erneuern. Der Dialog setzt eine Art und Weise des Kircheseins voraus, die sich an Partizipation und Communio ausrichtet und etwa in kleinen christlichen Gemeinschaften verwirklicht ist. Solche Gruppierungen bedürfen vielerorts noch einer größeren strukturellen Förderung.

Zugleich müssen klare Kriterien formuliert werden, wann eine charismatische Bewegung kirchlich zu vertreten ist und wann nicht. Ein solches Kriterium ist das Verbot der persönlichen Bereicherung der Priester. Es reicht aber nicht, Kriterien auf dem Papier festzuschreiben. Sie müssen auch angewendet werden, selbst auf die Gefahr hin, dass eine charismatische Persönlichkeit sich dann von der katholischen Kirche abwendet oder ihre eigene „Kirche“ gründet. Doch alles andere würde die Glaubwürdigkeit der Kirche in der Gesellschaft herabsetzen.

Im Verhältnis von katholischer zu pentekostalen Kirchen kann es nur darum gehen, so Bischof Anselm Umoren, weiterhin miteinander zu sprechen, weiterhin zusammenzuarbeiten und weiterhin gemeinsam zum Reich Gottes hin unterwegs zu sein. Dies setzt natürlich auch eine Dialogbereitschaft auf Seiten der pentekostalen Partner voraus. Wo diese nicht gegeben ist, muss die katholische Kirche – wie im Fall der „Christian Association of Nigeria“ geschehen – weiterhin diese Voraussetzung einklagen und sich bis dahin auch eindeutig abgrenzen.

Weitere Herausforderungen bestehen im Bereich der Priesterausbildung. Sie muss die religiöse Pluralität Nigerias einbeziehen und – vor dem Hintergrund der eigenen spirituellen Identität – zu einer Unterscheidung der Geister befähigen. Das Ziel ist ein verantwortlicher Umgang mit fluiden religiösen Identitäten – mit ihren partiellen oder häufig wechselnden Zugehörigkeiten.

Im Verhältnis der christlichen Kirchen zu afrikanischen Religionen und Kulturen scheint mir die Frage der Inkulturation erneut an Brisanz zu gewinnen. Nach welchen Kriterien sollen Riten und Gebräuche beurteilt werden? Welche traditionellen afrikanischen Elemente können die Kluft zwischen Glauben und Alltag überbrücken helfen? Die wichtigste Herausforderung besteht aber wohl in der Frage, wie und womit die Kirche zur Gestaltung der Gesellschaft beitragen soll. Formulieren Christinnen und Christen die Vision einer Gesellschaft, in der nicht das Recht des Stärkeren gilt? Helfen sie den Armen und Entrechteten in einem Land wie Nigeria zu ihrem Recht? Können sie einen glaubwürdigen und die Gesellschaft aufrüttelnden Gegenpol bilden zu Kleptokratie, Korruption und Bereicherung einer winzigen Minderheit auf Kosten einer im Elend stagnierenden Bevölkerungsmehrheit?

Ein solches Zeugnis wird umso stärker, je mehr es von einem Geist eines wo immer möglichen ökumenischen und interreligiösen Dialogs geprägt ist. Das interkonfessionelle Gespräch hat in Nigeria noch einen weiten Weg vor sich, aber den ersten Schritten werden weitere folgen – auf dem Weg der gemeinsamen Pilgerschaft zum Reich Gottes.

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