BuchbesprechungAndreas Holzem: Christentum in Deutschland 1550-1850

Der katholisch-protestantische Dualismus Deutschlands ist in der europäischen Christentumsgeschichte ein Sonderfall. Der Kirchengeschichtler Andreas Holzem hat das Thema pünktlich zum Reformationsjubiläum umfassend beleuchtet.

Der Tübinger katholische Kirchengeschichtler Andreas Holzem hat ein voluminöses Werk zu einem spannenden Thema vorgelegt. Die politische wie religiöse Geschichte Deutschlands seit dem 16. Jahrhundert ist maßgeblich vom katholisch-protestantischen Dualismus geprägt; in der nachreformatorischen europäischen Christentumsgeschichte ist Deutschland mit seiner konfessionellen Konstellation ein Sonderfall, auch wenn sich diese gegenwärtig nur noch sehr abgeschwächt bemerkbar macht, Reformationsjubiläum hin, Reformationsjubiläum her. Holzem bezieht in seiner Darstellung an einigen Stationen auch Entwicklungen außerhalb Deutschlands ein, so die Französische Revolution als „zentralen Schlüssel zum Verständnis der Christentumsgeschichte der Neuzeit“ (853), wobei ihm mit dem entsprechenden Kapitel ein ausgesprochenes Kabinettstück an verdichteter Analyse gelungen ist. Im Zusammenhang mit der katholischen Konfessionalisierung geht sein Blick auch auf Ignatius von Loyola, die spanische Mystik der Teresa von Avila und des Johannes vom Kreuz sowie auf den Mailänder Erzbischof Carlo Borromeo als „Ikone des Heiligen Bischofs“ (246).

Das Hauptaugenmerk der beiden dicken Bände (das Literaturverzeichnis allein umfasst stolze 140 Seiten!) gilt aber dem Neben-, Mit- und Gegeneinander der Entwicklungen im katholischen und reformatorischen Deutschland von der Reformationszeit bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts mit der Revolution von 1848 als markanter Zäsur. Holzem befasst sich dabei differenziert mit der Konfessionalisierung auf dem Boden des „Alten Reichs“ in ihrer katholischen, lutherischen und reformierten Variante, jeweils unter Berücksichtigung der politischen, bekenntnisbezogenen und lebensweltlichen Dimension. Als „Krisen der Konfessionalisierung“ macht der Autor den Dreißigjährigen Krieg einerseits und die Hexenverfolgung andererseits namhaft; es seien Krisen gewesen, „in denen Konfessionsgesellschaften, einem schmerzhaften und opferreichen Lernprozess unterworfen, einen anderen Weg einschlugen“ (659).

Dass sich katholische Kirchenhistoriker mit dem Pietismus beschäftigen, ist eher selten: Holzem tut das in einem ausführlichen Kapitel, in dem er diese protestantische Reformbewegung als „Verschränkung von Theologie und Religiosität, kirchlichen und sozialen Projekten, Vergesellschaftungsformen und Lebensentwürfen“ (670) Revue passieren lässt. Beim Thema Aufklärung liegt das Schwergewicht auf dem spezifischen katholischen Typ derselben. Dafür gibt es gerade aus der Sicht des katholischen Publikums durchaus gute Gründe. Schließlich ist die katholische Aufklärung in Deutschland nach wie vor nur unzureichend bekannt und leidet darüber hinaus noch unter den lange Zeit wirksamen Verdikten ihrer Gegner, die sie als Verwässerung katholischer Identität und Auslieferung an den „vernünftigen“ Zeitgeist denunziert haben.

Holzem bemüht sich demgegenüber, dieser Bewegung gerecht zu werden, indem er ihre verschiedenen Elemente herausarbeitet und in ihren Licht- wie Schattenseiten verdeutlicht: Die katholischen Varianten der aufgeklärten Bildungsbewegung, die „episkopalistischen Reformimpulse“ (801), den josephinischen Reformabsolutismus mit seiner Ambivalenz von „Entschlossenheit zur Staatsmodernisierung“ und Willen zu einer „horrenden Entmündigung des religiösen Subjekts“ (828), sowie die Bemühungen um eine Reform der Pastoral, für die nicht zuletzt der Name Ignaz Heinrich von Wessenberg steht. Er sieht bei allen strukturellen Unterschieden eine grundlegende Gemeinsamkeit zwischen katholischen und evangelischen Aufklärern. Sie hätten von ihren je eigenen religiösen, sozialen und intellektuellen Voraussetzungen her das Bestehende der Kritik unterworfen, „das heißt, der Gewinnung, der unterscheidenden Beurteilung und der Verbreitung von Überzeugungen, Erkenntnissen und sozialen Zuständen im Hinblick auf deren Nützlichkeit für Kultur und Zivilisation, für das Individuum und die menschliche Gemeinschaft“(849).

Auch die romantisch-restaurativen Gegenbewegungen zur Aufklärung, die dem frühen 19. Jahrhundert auf katholischer wie evangelischer Seite ihren Stempel aufgedrückt haben, stellt der Tübinger Kirchenhistoriker kenntnisreich und umsichtig dar, ebenso die einschneidende Zäsur der Säkularisation von 1803. Holzem arbeitet nicht zuletzt überzeugend heraus, wie es aus bescheidenen Anfängen zur massenhaften „Ultramontanisierung“ im katholischen Deutschland kam. Das Werk mündet in zusammenfassende Überlegungen zu „Konfessionalisierung und Moderne“. An ihm wird in absehbarer Zeit niemand vorbeigehen können, der sich für das neuzeitlich-moderne Christentum in Deutschland und seine Probleme interessiert.

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Andreas Holzem

Christentum in Deutschland 1550-1850Konfessionalisierung- Aufklärung-Pluralisierung

Verlag Ferdinand Schöningh, Paderborn 2015. 2 Bände, 1485 S.