PorträtWunibald Müller. Gläubig geblieben

Vor 25 Jahren hatte Wunibald Müller eine Idee, die ihn bundesweit bekannt machte: Er gründete mit dem Recollectio-Haus einen Ort, wo kirchliche Mitarbeiter seelsorgerische und psychotherapeutische Hilfe bekommen. Jetzt hat er die Leitung abgegeben.

Wunibald Müller - Begründer des Recollectio-Hauses
„Wenn jemand Probleme hat, reicht es nicht, zu sagen: Du musst genügend beten.“ (Wunibald Müller)© Katharina Ebel / KNA

Wenn jemand Probleme hat, reicht es nicht, zu sagen: Du musst genügend beten“, sagt Wunibald Müller. Und doch ist ihm die Verbindung zu Gott in der Seelsorge genauso wichtig wie die Psychotherapie. Im Recollectio-Haus verband er beides und startete damit eine Erfolgsmodell.

Die Idee dazu kam ihm, als er in den USA ähnliche Einrichtungen erlebte. „Mir war immer am Wichtigsten, dass bei den Themen der Priester, Ordensleute und kirchlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowohl die Heilungsressourcen der Psychotherapie als auch der Spiritualität nutzbar gemacht wurden.“ Was im Rückblick so versöhnlich klingt, war anfangs von Gegenwind begleitet: Die Psychoanalyse wurde als Konkurrent zur Seelsorge gesehen. „Sogar als Feind. Man hatte Angst, dass Menschen, die sich zu sehr mit Psychoanalyse befassen, ihren Glauben verlieren“, erzählt er. Diese Vorbehalte gibt es heute nicht mehr. Vielleicht gilt auch hier das geflügelte Wort: „Wer heilt hat Recht“, denn in Müllers Recollectio-Haus erfuhren 1600 Kursteilnehmer und Hunderte weitere Menschen in Einzelsitzungen Hilfe.

Müller erinnert sich an einen homosexuellen Pfarrer: „Er hat sein Schwulsein verdrängt, als etwas Negatives betrachtet. Im Lauf der Gespräche ist er dazu gekommen, dass er sagen konnte: das bin ich. Er konnte dann dazu stehen, sich in seinem Schwulsein als Sohn Gottes verstehen.“ Über die Jahrzehnte sind ihm viele solcher Momente im Gedächtnis geblieben, in denen er im Gesicht des Gegenübers sehen konnte, wie Erleichterung und Freude eintraten.

Wunibald Müller hat sich auch dadurch einen Namen gemacht, dass sich mit seiner Kirche kritisch auseinandergesetzt hat. Er erzählt von „Schattenseiten“ der Kirche, die er bei seiner Arbeit im Recollectio-Haus kennengelernt habe: „Klerikalismus, der Umgang mit Macht und der ganze Bereich der Sexualität“. Diese Punkte hat er in zahlreichen Publikationen und Interviews benannt. „Wohin das führt, wenn man nicht offen, kritisch, erwachsen den ganzen Bereich der Sexualität anschaut, das hat mich manchmal an meine Grenzen gebracht, gerade wenn es um Missbrauch ging.“

Er erinnert sich auch an Momente, in denen es viel Gegenwind, sogar Drohungen gab und die Glaubenskongregation bei Veröffentlichungen intervenieren wollte. „Meine Kinder haben mich damals gefragt, warum ich überhaupt in der Kirche bleibe.“ Eines seiner größten Anliegen: den Zölibat freizustellen. Müller ist Hunderten von Priestern „nicht nur von außen, sondern von innen begegnet“. Dabei habe er gesehen, dass es neben denjenigen, die das „Charisma des Zölibats“ zu leben vermögen, auch sehr viele gibt, die sich so sehr an der Sexualität abarbeiten, dass ihnen keine Kraft für ihre eigentlichen Aufgaben bleibt. Erst vor kurzem schrieb er mit diesem Anliegen an Papst Franziskus – und bekam eine Antwort, in der das Kirchenoberhaupt ihn zwar vertröstet, ihm aber auch für sein Engagement dankt.

Wunibald Müllers Stimme wird gehört. In den Medien ist er ein gefragter Ansprechpartner. Vermutlich auch deshalb, weil er kritisch mit „seiner“ Kirche ist, aber dennoch bei ihr bleibt – weil er gläubig ist. „Ich kann nach den Jahren immer noch von ‚meiner Kirche‘ sprechen, wenn auch leiser und zurückhaltender“, sagt er. „Denn ich bin ganz vielen wunderbaren Menschen begegnet, die das Feuer haben und es bei anderen entzünden.“ Es ist das, was er das „Magma des Glaubens“ nennt.

Müller ist ein Glaubender geblieben, der seine Gottesbeziehung lebt. Gott ist für ihn die Liebe, die er in der Begegnung mit Anderen erlebt, „da spüre ich dieses Glühen, das Brennen, da ist so etwas Kraftvolles, da spüre ich den Heiligen Geist“, sagt er.

„Seine Kirche“ lässt ihn nicht los. „Ich muss meine Stimme erheben, das, was mir wichtig ist, ins Wort bringen“. Dafür hat er jetzt viel Zeit – im neuen Lebensabschnitt will er weiter schreiben („mein größtes Hobby“), Vorträge halten, aber auch seiner Frau ein bisschen Hausarbeit abnehmen („das ist eine große Herausforderung für mich“). Einzelne wird er weiter geistlich und psychologisch begleiten. Ganz davon lassen kann er also nicht – sein Recollectio-Konzept ist wohl das, was man „Lebenswerk“ nennt.

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