Wo es um Familie geht, scheuen manche Christen nicht die Nähe zu autoritären MächtenDie antiliberale Versuchung

Einige Meinungsführer des christlich-konservativen Milieus suchen im Kampf gegen den „Genderismus“ und für „Familienwerte“ neue Allianzen. Trotz Russlands Menschen- und Völkerrechtsverletzungen sehen sie in Präsident Wladimir Putin einen Verbündeten für die Bewahrung abendländischer Traditionen. Ein Irrweg, der in die Unfreiheit führen und das christliche Ethos verraten würde.

Am 23. November 2010 veröffentlichte der Vorstandsvorsitzende des Axel-Springer-Konzerns, Mathias Döpfner, in der Tageszeitung „Die Welt“ einen viel beachteten Essay: „Der Westen und das höhnische Lachen des Islamismus“. Darin ordnete er die Religiosität dem Modell einer „geschlossenen Gesellschaft“ zu. Diese sei typischerweise „kollektivistisch, autoritär, religiös, vormodern“. In ihrem Menschenbild sei „der Einzelne eine höchst unvollkommene, in seinen Trieben dunkle, für die Gemeinschaft gefährliche Erscheinung, die des Schutzes einer höheren Instanz bedarf“. Dagegen respektiere „die individualistische, antiautoritäre, moderne, säkulare, offene Gesellschaft“ den freien Willen des Menschen und traue ihm etwas zu.

Fünf Tage später antwortete ich Döpfner mit einem Offenen Brief unter dem Titel: „Freiheitlichkeit ist der rote Faden des Christentums“, publiziert auf „kath.net“. Nicht, dass meine biblischen, ideengeschichtlichen und politischen Argumente von damals widerrufen werden müssten. Aber inzwischen beschleicht mich manchmal das Gefühl, Abbitte bei Döpfner leisten, seiner Problemskizze zumindest mehr Plausibilität konzedieren zu müssen.

Zwar würde ich ihm weiterhin mit Konrad Adenauer entgegenhalten: „Nirgendwo prägt sich das Christentum, die christliche Überzeugung stärker aus als in dem Verlangen nach Freiheit“ (1957) – und auf die Realität der Verbreitung freiheitlicher politischer Systeme vor allem auf christlichem Kulturboden verweisen. Doch zeigen angesichts der heutigen Bedrohungen der Freiheit erhebliche Teile eines Milieus, das sich selbst als die rechtgläubige Elite des Katholizismus fühlt, Symptome einer Immunschwäche gegenüber antiliberalem Denken, wie es Döpfner skizzierte: „kollektivistisch, autoritär, religiös, vormodern“. Gerade das Medium, in dem ich den „Offenen Brief“ publizierte, scheint Durchlauferhitzer dieses Denkens zu sein.

„Zerstörung des eigenen Wertesystems“

Am 10. und 11. September 2014, auf dem Höhepunkt der Ukraine-Krise, fand in Moskau ein Kongress mit 1000 Teilnehmern aus 45 Ländern zum Thema: „Große Familien und die Zukunft der Menschheit“ statt. Er war geplant als achtes Treffen des „World Congress of Families“ (WCF), einer von der US-amerikanischen religiösen Rechten dominierten Lobby-Organisation, die sich den Schutz der „vom Schöpfer etablierten natürlichen menschlichen Familie“ auf die Fahnen geschrieben hat. Nach der russischen Annektion der Krim wurde die „WCF VIII“ von den Amerikanern offiziell abgesagt. Die Vorsitzende einer der beteiligten Organisationen, der „Concerned Women for America“, teilte mit: „Wir haben uns entschieden, nicht nach Russland zu gehen. Ich möchte nicht den Eindruck erwecken, Wladimir Putin Trost und Hilfe zu gewähren.“ Die Veranstaltung fand dennoch statt.

Weniger Skrupel hatte die katholische, auch in evangelikalen Kreisen hoch angesehene Publizistin Gabriele Kuby, Mitglied des „Forums deutscher Katholiken“ und von der evangelischen Nachrichtenagentur „Idea“ 2008 zur „Journalistin des Jahres“ gekürt. Sie ließ sich die internationale Bühne nicht entgehen und reiste zum Kongress in den Kreml. Ihr letztes Buch: „Die globale sexuelle Revolution. Zerstörung der Freiheit im Namen der Freiheit“ (2012) war zwar vom Salzburger Weihbischof Andreas Laun und von K-tv-Chefredakteur Martin Lohmann als „Jahrhundertwerk“ gepriesen und in einer Kommissionssitzung der Deutschen Bischofskonferenz von einem Bischof als Stoff für den Religionsunterricht empfohlen worden, stieß jedoch bei Wissenschaftlern und Qualitätsmedien auf harte Kritik beziehungsweise wurde ignoriert. Im Kreml erklärte Kuby, speziell die „mittel- und osteuropäischen Nationen“ hätten ja wohl „begonnen zu erkennen, dass die Mitgliedschaft in der Europäischen Union ihre Kosten hat: (…) die erzwungene Zerstörung ihres eigenen Wertesystems“. Ein kritisches Wort zu Russlands Menschen- und Völkerrechtsverstößen fand sie nicht.

Moskauer Geld für „Front National“

Dass es sich hier nicht nur um die Geisterfahrt einer einzelnen Autorin mit irritiertem sozialethischem Kompass handelt, wurde bald klar: Nachdem ihre Moskauer Rede von der Internetseite „lifesitenews.com“ verbreitet worden war, brachte Kuby einen euphorischen Kongressbericht mit dem Titel: „Die demographische Katastrophe abwenden“ in den beiden Leitmedien des konservativen Katholizismus unter: in der eigentlich seriösen „Tagespost“ (20. September 2014) und auf „kath.net“ (24. September 2014). Darin schwärmte sie nicht nur von „einem opulenten Buffet, dem man nicht anmerkt, dass Russland aufgrund seiner eigenen landwirtschaftlichen Sanktionen unter Engpässen zu leiden beginnt“ und von einer „grandiosen Show zwischen den drei Kathedralen des Kreml. Die goldenen Zwiebeltürme leuchten in der Abendsonne, Lichtspiele verzaubern die Fassaden, Chöre, Tänzer, Sänger feiern das Leben und die Heimat“. Sie zeigte sich auch sichtlich beeindruckt vom Auftrieb der „Einflussreichen und Mächtigen“. Russlands Aggression gegen die Ukraine handelte Kuby in dem Artikel mit einem Satz ab: „Die Menschen in diesem Saal sind sich gewiss nicht einig in der Frage, wie das Handeln Putins im Ukraine-Konflikt zu beurteilen ist.“

Laut Kubys Bericht waren bei der Moskauer Tagung mit dabei: Patriarch Kirill, Metropolit Hilarion, der Obermufti und der Oberrabbiner der Russischen Föderation, zudem hochrangige Politiker aus Ungarn, Frankreich, Nigeria, Griechenland, Philippinen. Was der Leser nicht erfährt: Unter den „hochrangigen Politikern“ firmieren Rechtsextreme und Rechtspopulisten wie der EU-Abgeordnete Aymeric Chauprade vom französischen „Front National“, für den die Terroranschläge von „9/11“ vom US-amerikanischen Geheimdienst geplant und mittels kontrollierter Sprengungen durchgeführt wurden (Kuby deutete den islamistischen Massenmord übrigens damals in der „Tagespost“ unter dem Titel „Von New York nach Ninive“ als Strafe Gottes). Inzwischen wurde bekannt, dass Moskau den „Front National“ mit Millionen Euro unterstützt.

Mit von der Partie in Moskau auch Johann Gudenus, Wiener FPÖ-Klubobmann und Berater von Parteichef Heinz-Christian Strache. Er lamentierte im Kreml über eine starke „Homosexuellen-Lobby“, welche im Westen „die Massenmedien kontrolliert“. 2012 behauptete er nach einem Besuch beim tschetschenischen Diktator von Putins Gnaden, Ramsan Kadyrow, in Österreich abgelehnten Asylbewerbern drohe in Tschetschenien keine Gefahr. Im März 2014 assistierte er als Beobachter beim international nicht anerkannten Referendum auf der Krim und erklärte es für legitim.

Teilnehmer Yakunin ist der von den USA sanktionierte Chef der Russischen Eisenbahn und Mitglied des innersten russischen Machtzirkels, der „Silowiki“; sein Reichtum, so russische Antikorruptionskämpfer, sei durch die Olympischen Spiele in Sotschi erheblich vermehrt worden. Gegen Malofeev, der sein Geld mit dem auf den Kaimaninseln registrierten Investmentfonds „Marshall Capital Partners“ machte, ermittelt die Ukraine wegen Mittäterschaft und Finanzierung von Terrorismus. Die Europäische Union, Norwegen und die Schweiz verhängten gegen ihn Einreiseverbote und Kontensperrungen. Seine Stiftung „Basilius der Große“ unterstützt nicht nur Krankenhäuser und die orthodoxe Kirche, sondern auch die prorussischen Milizen im Osten der Ukraine. Zum berüchtigten Separatistenführer Igor Girkin alias Strelkow („der Schütze“) pflegt er engen Kontakt. Ende August traf er in einem Kloster bei St. Petersburg den rechtsextremen Chefideologen der eurasischen Bewegung, Alexander Dugin. Der dankte Malofeev für Hilfe in „nie dagewesenem“ Ausmaß, die „in einem bestimmten Moment entscheidend“ gewesen sei, „sowohl auf der Krim als auch in Neurussland“.

Dugin will Europa über eine „prorussische fünfte Kolonne“ aus „Intellektuellen“ auf friedlichem Wege zu einem russischen Protektorat machen. Ende Mai 2014 traf er sich, von Malofeevs Stiftung gesponsort, mit europäischen Rechten im Wiener Palais Liechtenstein. Bei der als Erinnerung an die „Heilige Allianz“ Russlands, Deutschlands und Österreichs gegen Napoleon deklarierten Veranstaltung wurde Putin als „Erlöser“ gepriesen. Sind das adäquate Verbündete oder zumindest das Umfeld, in dem sich Vertreter des „Forums Deutscher Katholiken“ wohlfühlen? Dessen Vorsitzender Hubert Gindert lobte Kuby kurz nach dem Moskauauftritt als „mutige Frau“. Das „Forum Deutscher Katholiken“ rechne es „sich zur Ehre an, dass Frau Kuby dem Kuratorium der Kongresse ,Freude am Glauben‘ angehört“.

Frühzeitige Warnungen vor einer propagandistischen Instrumentalisierung westlicher Konservativer durch das Putin-Regime fruchteten offenbar ebenso wenig wie kritische Aufklärung danach: Die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ berichtete am 13. September unter dem Titel: „Für die Familie und Neurussland“ von der Tagung: „Bei der Eröffnungsfeier (…) wurde Russland als letzte Hoffnung einer modernen, dem Sittenverfall anheimgefallenen Welt dargestellt. Ein Mitglied der Präsidialverwaltung verlas ein Grußwort Wladimir Putins, der eine ‚Erosion moralischer Werte‘ beklagte. Ein orthodoxer Priester aus Alatyr (…) nimmt sein Referat über ‚Familienanthropologie‘ zum Anlass einer Analyse des ‚Bürgerkrieges‘ in der Ukraine: Der sei ausgebrochen, weil die neuen Machthaber in Kiew die ‚religiösen Werte‘ des Landes verraten und eine Gay-Pride-Parade erlaubt hätten. Applaus.“

Kardinalslob für Putin

Es scheint im konservativ-katholischen Milieu auch andere zu geben, die angesichts von empfundenen Fehlentwicklungen in westlichen Gesellschaften respektvoll nach Osten schauen. So schrieb der Feuilleton-Chef der „Tagespost“, Stefan Meetschen, schon im Dezember 2013 unter dem Titel „Wladimir und die Kinder“ (DT vom 2. Dezember 2013 und „Lebensforum“ Nr. 108) über Putin: „Nicht nur, indem der Mann (…) bislang mit großer Standfestigkeit sein Land gegen die global schier unaufhaltsame Gender-Ideologie zu beschützen weiß und Demonstrationen Homosexueller, welche eine Manipulation der Menschenrechte in ihrem Sinne zu erreichen versuchen, unterbindet – auch auf dem Gebiet des Lebensschutzes nimmt Putin eine Haltung ein, die man sich von vielen westlichen Politikern wünschen würde.“ Auf „kath.net“ (3. Dezember 2014) beschwerte sich der Trierer Sozialethiker Pater Wolfgang Ockenfels über „Medien, die ihren Hass auf den Teufel Wladimir Putin kaum noch zügeln können“ sowie über „die heute bei uns vorherrschenden antirussischen und antichristlichen Affekte“.

Ein Milieu, in dem Jammern über die „Meinungsdiktatur“ der „Political Correctness“ zum guten Ton gehört, bringt also Diskussionsbeiträge hervor, in denen Demonstrationsverbote für unliebsame Minderheiten gutgeheißen werden und der gesunde Immunreflex einer freien Gesellschaft gegenüber einem Autokraten, der Menschen- und Völkerrecht mit Füßen tritt, als „Hass“ und „Affekt“ gegen das russische Volk denunziert wird. Für manche ist Freiheit eben immer die eigene, nicht die der Andersdenkenden. Ein katholischer Rückfall in vordemokratische und vorkonziliare Zeiten.

Bestätigt fühlen können sich antidemokratisch affizierte Katholiken durch Äußerungen aus dem Vatikan. Am Freitag vor Beginn der Weltbischofssynode äußerte „G8“-Kurienkardinal George Pell bei einer Buchvorstellung, die Synode solle sich damit beschäftigen, dass die Leute wieder mehr Kinder bekommen müssten; Russlands Präsident Putin habe das schon erkannt, der Westen aber nicht. In ihrem Moskau-Bericht konnte Kuby darauf verweisen, dass Erzbischof Vincenzo Paglia, Vorsitzender des Päpstlichen Rates für die Familie, dem Kongress eine Video-Grußbotschaft gesandt hatte. Auf der Website des Rates heißt es unter einem Foto des Patriarchen Kyrill mit dem Erzbischof: „Moskau und Rom zusammen für die Familie“ (21. Dezember 2012). Auch ein deutscher Monsignore in der römischen Kurie dozierte 2013 vor Journalisten über eine „wachsende Übereinstimmung des Heiligen Stuhls mit Russland“ unter dem „praktizierenden Christen“ Putin.

An einem „Zusammen für die Familie“ scheint manche Kirchenvertreter weder die autokratische, anti-freiheitliche Natur eines Regimes zu hindern noch sein korrupter, elitär-eigennütziger Charakter. Ivan Krastev, Direktor des Sofioter „Zentrums für liberale Strategie“, stellt klar: „Russland kennt Wahlen, aber keine Machtwechsel. Im russischen System werden Wahlen verwendet, um die Abwesenheit von Machtwechseln zu legitimieren“. Beim russischen Parlament handele es sich um eine bloße „Abnickveranstaltung“ zur Legalisierung von Beschlüssen des „parallelen Staates“. Russischer Nationalismus, sozialer Konservatismus und Populismus dienten als „Instrumente zur Steuerung der Gesellschaft durch die Fütterung ihrer Vorurteile und Phobien“.

Eine Schlüsselrolle spielt hierbei die Homophobie, die sich auch als Brücke zur religiösen Rechten im Westen bestens eignet. Ressentimentpflege gegen gleichgeschlechtlich Liebende – polemisch zur „Homo-Lobby“ reduziert – ist der Lockstoff, der aus selektiven christlichen „Wertebewahrern“ das macht, wogegen sie einst als Antikommunisten polemisierten: eine „fünfte Kolonne Moskaus“. Besonders eifrig sind sie im Füllen von Leserbriefspalten. Etwa der emeritierte Magdeburger Mechanikprofessor, „Naturphilosoph“ und „Verlagsleiter“ an der katholisch-konservativen „Gustav-Siewerth-Akademie“, Lutz Sperling. Er lobte während der Ukraine-Krise in der „Tagespost“ und im evangelischen „Idea Spektrum“, „dass in Russland durch geeignete politische Maßnahmen“ die Abtreibungszahl um ein Viertel gesunken sei und „dass Russland (wenn auch nicht immer mittels vertretbarer Maßnahmen) der verheerenden Genderideologie Widerstand entgegensetzt“. Was unvertretbar erscheint, konkretisierte er nicht.

Dass es obszön ist, angebliche sektorale Leistungen eines Regimes zu würdigen, welches ethische Grundnormen ansonsten mit Füßen tritt, sollte uns das Lob des „Autobahnbaus“ des eigenen Diktators eigentlich gelehrt haben. Dass die Devise: „Was schert mich Demokratie, wenn die Demographie stimmt?“ (Christiane Florin, „Putin und der Beckenboden“, Christ und Welt, Nr. 42/2014) schon in ihrer Prämisse fragwürdig ist, stellte am 4. Oktober Holger Lahayne unter der Überschrift „Die unheilige Allianz“ in dem Blog: „Das Evangelium für Litauen“ klar. Bei der russischen Geburtensteigerung handele es sich nach einem drastischen Abfall in den unsicheren Wendejahren nach 1990 nur um eine erwartbare, generell in Osteuropa zu beobachtende Erholung dank einer recht guten wirtschaftlichen Entwicklung. „Was hat also Russland tatsächlich ‚geschafft‘? Abtreibung ist in den ersten drei Monaten immer noch völlig legal“, 2011 habe es knapp eine Million Abtreibungen bei 1,8 Millionen Geburten gegeben, von 1996 bis 2012 sei die Einwohnerzahl um sieben Millionen gesunken. Kuby sei trotzdem „offensichtlich beeindruckt von der Durchsetzungskraft in Russland“, ohne zu bedenken, „dass dies schon immer eine Trumpfkarte von allen Diktatoren war“. Die Russlandbegeisterung der Reaktionären sei fern jeder Faktenkenntnis. Die russische Abtreibungspraxis erfordere einen Aufschrei statt Sympathie. Das Individuum zähle in Russland nicht viel, so Lahayne. Es sei paradox: „Der Lebensschutz lebt gleichsam von den Individualrechten, aber das Individuum gerät in Russland heute nur zu leicht unter die Räder.“

Der litauische Blogger stellte auch klar, dass „der Kongress gewiss nicht dazu diente, Wissen von internationalen Experten verfügbar zu machen, wie Kuby schreibt. Genau deshalb war, wie Kuby ja selbst einräumt, ‚für Diskussion und Fragen keine Zeit‘. Wozu auch? Debatten und kritische Fragen konnte dort niemand gebrauchen“. Lahayne warnte den Westen, zu unterschätzen, „dass die Machthaber im Kreml alle Register, aber wirklich auch alle Register ziehen, um ihre Propaganda in Europa zu verbreiten und störend und verstörend zu wirken. Im Baltikum ist manches davon zu sehen und zu spüren. Skrupel kennt der Kreml nicht, und auch an Kreativität mangelt es nicht. Dafür frisst der Wolf, wenn nötig, kiloweise Kreide.“

In einem Offenen Brief an die Teilnehmer des Moskauer Kongresses meldeten sich auch 33 Vertreter der „Pro-Life und Pro-Family Organizations of Ukraine“ zu Wort: Ein Land, das seine Nachbarn angreife, Krieg auf fremdem Territorium führe, Terroristen und reguläre militärische Truppen dort Tausende bereits geborene Menschen ermorden und schänden lasse, Familien ihrer Ernährer beraube, Ehefrauen zu Witwen und Kinder zu Waisen mache, könne nicht wirklich „Pro-Life“ und „Pro-Family“ sein.

Wie aus „Gesundschrumpfung“ Krankschrumpfung wird

Wo ideologische Verhärtung, unterkomplexes Denken, selektive Wirklichkeitswahrnehmung und Verschwörungstheorien die Szene bestimmen, sind Argumente und Appelle in der Regel müßig. Die gesellschaftliche und innerkirchliche Frustration christlicher Fundamentalisten lässt diese in der Suche nach Verbündeten nicht wählerischer werden. Schon seit längerer Zeit haben sie die nationalistische „Junge Freiheit“ als publizistisches und seit neuestem die rechtspopulistische „Alternative für Deutschland“ als politisches Vehikel zur Thematisierung ihrer Anliegen entdeckt. Da die Radikalisierung aber zur Ausdünnung der eigenen intellektuellen Ressourcen führen muss, weil differenziertere Mitstreiter sich abwenden, fällt das Milieu einer Gefahr anheim, die Hans Conrad Zander (Zehn Argumente für den Zölibat, 1997) eigentlich bei bequemen Mehrheiten im Besitz der kulturellen Hegemonie verortete: der Gefahr der Verdummung. Scharfmacher übernehmen die Meinungsführung, Vermeidungsstrategien kognitiver Dissonanz begünstigen Realitätsverlust, grassierendes Lagerdenken endet in ethischem Relativismus dort, wo Protagonisten des eigenen Lagers gefehlt haben, wie in Limburg. Und so gibt man auch bei Putin moralischen Rabatt oder sieht nicht so genau hin, solange er „pro-family“ zu sein scheint.

Die sozialpsychologische Chance von Minderheiten, durch die beständigen Impulse von außen zur Rechtfertigung ihres Andersseins und Andersdenkens ein überdurchschnittlich wacher, kluger und engagierter „Sauerteig“ der Gesellschaft zu werden, verkehrt sich in ihr Gegenteil, wenn man fast nur noch mit seinesgleichen verkehrt, eigene Kongresse und Publikationen „stubenrein“ von jeglichem Einspruch gegen die Milieu-Einheitsmeinung hält und somit eine künstliche „erlebte Mehrheit“ von nahezu 100 Prozent schafft, die demselben Effekt unterliegt wie ihn Zander für gesellschaftliche Majoritäten diagnostizierte. So kann die erhoffte „Gesundschrumpfung“ der Kirche zu ihrer Krankschrumpfung werden. Jedenfalls, wenn sich in ihren weltoffeneren, geistig reflektierteren Teilen nicht genügend Engagement zur Bildung eines schlagkräftigen Widerlagers findet. Wieso müssen die kognitiv Gemäßigten eigentlich immer auch die habituell Laueren sein? Gefragt ist mehr Kampfgeist bei einer geistlich frommen Mitte, die nicht zulässt, dass aus Kirche Sekte wird. Es wird Zeit sich zu rüsten für den Kulturkampf, den die Partei der Unfreiheit in Europa auf ihre Fahnen geschrieben hat.

Herder Korrespondenz-Newsletter

Ja, ich möchte den kostenlosen Herder Korrespondenz-Newsletter abonnieren und willige somit in die Verwendung meiner Kontaktdaten zum Zwecke des eMail-Marketings des Verlag Herders ein. Dieses Einverständnis kann ich jederzeit widerrufen.