Zur römischen Kritik am Synodalen WegBlinde Flecken

Der Blick auf die Versehrten der Welt darf nicht von den Betroffenen in der Kirche ablenken.

Wenige Tage nach der Konstituierung des Synodalen Ausschusses kann sich die katholische Kirche in Deutschland vor brieflichen Warnschüssen aus Rom kaum retten. Da wäre zum einen die offizielle Note des Kardinalstaatssekretärs Parolin, in der er klarstellt, dass der Ausschluss von Frauen von der Priesterweihe sowie die Lehre der Kirche zur Homosexualität nicht verhandelbar seien. Des Weiteren hat sich der Papst persönlich eingeschaltet und in einem Antwortschreiben an vier aus dem Synodalen Weg ausgetretene Katholikinnen bekundet, dass er ihre „Bedenken angesichts der aktuellen Entwicklungen der Kirche in Deutschland“ teile.

Ich wünschte, ich könnte auf diese Schreiben mit Gelassenheit reagieren. Aber als kirchenbewegte Person erschreckt es mich, zu sehen, dass bei Franziskus nach wie vor die negativen Narrative über die vermeintlich pseudoprotestantischen, überbürokratischen und quasihäretischen Deutschen verfangen. Der Papst bleibt bei seinem Monitum, wonach sich hierzulande „große Teile dieser Ortskirche immer weiter vom gemeinsamen Weg der Weltkirche zu entfernen drohen“. Genau das Gegenteil ist der Fall: Nicht die deutschen Katholiken entfernen sich immer mehr von der Weltkirche und von Rom, sondern der Vatikan sorgt mit Reformunwilligkeit, mangelndem Engagement im Missbrauchskontext und mit diskriminierendem Gebaren dafür, dass sich hier immer mehr Menschen von der katholischen Kirche distanzieren.

Als Betroffene verletzt mich Franziskus’ Schreiben auch ganz persönlich. Er kritisiert darin, dass die hiesige Kirche „in einer gewissen Selbstbezogenheit die immer gleichen Themen“ behandele und sich lieber auf „Buße“ und „Anbetung“ konzentrieren solle. Zur Erinnerung: Der deutsche Synodale Weg wurde nach den erschütternden Erkenntnissen der MHG-Studie ins Leben gerufen, um die Missbrauchsproblematik bei ihrer strukturellen Wurzel zu packen. Solange dieser Abgrund nicht radikal aufgearbeitet und die missbrauchsbegünstigenden Strukturen reformiert werden, müssen wir uns um „die immer gleichen Themen“ drehen. Sonst wird dieses System stets neue Opfer hervorbringen.

Ein solcher Wandlungsprozess stellt übrigens auch eine Form von Buße und Umkehr dar – hin zu einer evangeliumsgemäßeren Kirche. Diese Notwendigkeit will man in Rom nach wie vor nicht sehen. So zählte die Missbrauchsbekämpfung bei der Weltsynode nicht gerade zu den dringlichsten Themen.

Franziskus wiederholt stattdessen seinen Ruf, den Menschen „an den Schwellen unserer Kirchentüren“ zu begegnen. Grundsätzlich ist dieser Appell zu begrüßen, er offenbart jedoch blinde Flecken, denn beispielsweise Missbrauchsbetroffene scheinen nicht mitgemeint zu sein. Dabei sind auch sie Verwundete und Ausgegrenzte und ihre Leidenszeugnisse könnten der Kirche den Weg weisen.

In Rom herrscht dagegen ein selektives Verständnis von Marginalisierung: Wer von der Welt „da draußen“ versehrt worden ist und sich brav asymmetrisch bemitleiden und beseelsorgen lässt, gilt als sehens- und hörenswert. Wer von der Kirche selbst verwundet wurde und aufgrund dessen die Systemfrage stellt, nicht. Die Anliegen von uns Betroffenen werden in der Regel nicht umgehend vom Papst beantwortet. Unsere Schreie durchdringen nur in den seltensten Fällen die Mauern des Vatikans. Müssen wir uns als Bettler auf die Schwelle des Petersdoms setzen, um endlich vom Papst wahrgenommen zu werden?

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