Glaube in der PandemieMit Abstand gesegnet

Corona hat uns mit der Frage konfrontiert, wie durchdacht und tragfähig unser Christsein ist. Ein Schock, aber vor allem eine Chance, die es zu ergreifen gilt.

Man weiß ja nie, was noch alles kommt. Gott sei Dank! Und so lässt sich – Stand heute – sagen: Die Pandemie war bzw. ist die Herausforderung unserer Zeit, vielleicht sogar unserer Generation. Etwas Vergleichbares haben wir noch nicht erlebt. Oder, wie es Joachim Negel formuliert: Corona stellt eine gewaltige Verstörung dar. So schreibt es der im schweizerischen Fribourg lehrende Fundamentaltheologe und Burgpfarrer von Rothenfels in seinem aktuellen Buch. Derzeit erscheinen ja viele neue Titel, in denen Corona aus theologischer Perspektive reflektiert wird (s. auch unten: „Erfahrungen aus der Pandemie“). Dieser Band ragt heraus.

Ohne Umschweife stellt Negel klar: Das Thema darf nicht allein den Virologen, Politikern und Wirtschaftsleuten überlassen werden. Denn letztlich geht es um immens religiöse Fragen. Die „seit langem schwelende Krise der Gottesfrage“ werde durch Corona auf die Spitze getrieben, so Negel. Eine persönliche Positionierung, eine Entscheidung sei gefordert. „Wer eigentlich soll das sein, jener Gott, ‚der alles so herrlich regieret‘? Wenn er ‚alles regieret‘ (und das ist tradierte Glaubensüberzeugung aller biblischen Religion), dann regiert Gott (auf welche Weise auch immer) ebenso das Corona-Virus. Haben wir dieses Virus also ihm zu verdanken? Wenn ja – inwiefern? Was führt Gott im Schilde? Wenn aber nein – inwiefern ‚regiert‘ er dann ‚alles so herrlich‘? Regiert er wirklich alles so herrlich?“

Ja, die Pandemie hat mit unserem Gottesglauben zu tun. Sie fragt ihn an, stellt ihn auf die Probe. Taugt er letztlich nur für Schönwetterphasen des Lebens? Sind wir, wenn es hart auf hart kommt, auf uns allein gestellt? Oder gibt es Gott doch? Wie ist er zu denken, sein Wirken in der Geschichte zu begreifen? „Hier steht mit einem Mal alles zur Debatte“, so Negel.

Dass solche Fragen plötzlich aufkommen, out of blue, ist zumindest hierzulande ein Schock. Wir haben dies weder erwartet noch waren wir angesichts unserer komfortablen Situation darin geübt. Erklärt sich so, dass es den Kirchen zu Corona weithin die Sprache verschlagen hat? „Während vom kirchlichen Verlautbarungschristentum sonst zu bald jedem Thema eine Stellungnahme zu erwarten ist … geben sich Bischöfe und Theologen im Hinblick auf eine theologische Deutung der Coronakrise seltsam wortkarg“, beobachtete (nicht nur) Joachim Negel. Die Pandemie hat zum Ernstfall des Glaubens geführt – und es blieben oft peinliches Schweigen oder noch peinlichere Allgemeinplätze.

Joachim Negel macht es sich – und uns Lesenden – nicht leicht. Aber nur wenn derart schonungslos gefragt wird, haben wir eine Chance, zum Kern vorzudringen. So bietet der Autor am Ende eine religiöse Lebenshaltung an, die biblisch begründet und tragfähig ist. Sprachlich brillant und anknüpfend an große Literatur stellt er eine spirituelle Hausapotheke zusammen, die sich gerade in Krisen bewähren kann. Dieser Glaube ist unzeitgemäß, wie es im Untertitel heißt, weil er das in Erinnerung ruft, was unsere postchristliche Gesellschaft vielfach vergessen und verdrängt hat, etwa den guten Umgang mit unserer Endlichkeit. Und genau deshalb ist dies das Buch der Stunde. „Die uns geliehenen Jahre“, so Joachim Negel, „sind nicht unsere ‚letzte Gelegenheit‘, wir haben es deshalb auch nicht nötig, sie bis ins Letzte auszupressen.“ Das kann zu einer Haltung führen, die sowohl hochgemut als auch demütig ist. Dies durchaus als Gegenposition in den gesellschaftlichen Mainstream einzubringen, wäre Aufgabe der Christinnen und Christen. Und zugleich ihre Chance, wieder ernster genommen zu werden.

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Negel, Joachim

Das Virus und der liebe GottUnzeitgemäße Betrachtungen

Verlag Herder, Freiburg 2022, 280 S., 28 €

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