Das Denken von Gottfried BachlTheologie als Lebensstil

Für Gottfried Bachl war Sprache immer mehr als ein Werkzeug, er suchte nach der Musik der Schöpfung. Ein Sammelband zeigt sein Erbe.

das denken von gottfried bachl

Theologie als Lebensstil

Für Gottfried Bachl war Sprache immer mehr als ein Werkzeug, er suchte nach der Musik der Schöpfung. Ein Sammelband zeigt sein Erbe. von gotthard fuchs

Zu den originellsten Theologen seiner Generation und unserer Gegenwart gehört der Salzburger Dogmatiker Gottfried Bachl (1932–2020), ein Spurenleger und Sprachsucher der Extraklasse. Er hat vergleichsweise wenig größere Werke veröffentlicht, er war ein Meister der Miniatur und wollte nie zu den Hoftheologen gehören. Wortführer und Tonangeber waren ihm verdächtig, zumal in der kirchlichen Szene und der theologischen Zunft. Umso inspirierender sind seine Schriften – theologische Texte wie das Buch „Der schwierige Jesus“, das hier mit Recht „eines der schönsten Jesusbücher der Theologiegeschichte“ genannt wird, oder „Gott bewegt“ mit vielen seiner phantastischen Salzburger Briefe und dem hintersinnigen Gottes-Fragebogen. Seine Gedicht-Gebete wie „Mailuft und Eisgang“ suchen in der spirituellen Szene bis heute ihresgleichen.

Bachl, aus bäuerlichen Verhältnissen stammend, denkt geerdet und wortwörtlich sub-versiv, um- und aufgrabend. Sprache ist für ihn nie nur Bezeichnung oder gar Etikett, man spürt seinen Worten das Suchende und Gebärende an. Nirgends ist ihm das göttliche Geheimnis näher als im Fragen, selbst beim Antworten nicht. Hellsichtig, ja prophetisch ist entsprechend Bachls gleichermaßen fromme und scharfe Kritik an kirchlicher Gottes-Wisserei, an Opfer-Fixierung und „Hingabelyrik“, an kompensatorischem Marienkult und priesterlicher Selbstherrlichkeit. Man kann sein Leben und Werk als eine geduldige, auch schmerzhafte und vor allem wütend-zärtliche Durchquerung des römisch-katholischen Syndroms verstehen, intensive Maulwurfs- und Gärtnerarbeit im österlichen Frühlingslicht.

Schülerinnen und Freunde würdigen hier treffsicher Schwerpunkte von Bachls Werk und spielen manches Juwel-Zitat aus dem noch nicht gehobenen Schatz des umfangreichen Nachlasses ein. Natürlich geht es immer um die Welt, dieses hinreißende Durcheinandertal. „Was mich aus dem Kosmos anblickt, ist Schönheit; Liebe spüre ich nicht.“ Deren Geheimnis zwingt angesichts des Todes erst recht, nach Gott zu fragen und ihn im fremdnahen Freund aus Nazaret zu erforschen. „Jenseits von Starre und Ratlosigkeit, Langeweile und Unterhaltung, den Modalitäten unserer irdischen Phantasie deutet sich ein Sein an, in dem Leben in Fülle möglich ist.“ Und das sogar nach Auschwitz und Mauthausen, in dessen Nähe Bachl aufwuchs und dem er – hier kommentiert – ein bewegendes Buch widmete.

Entschieden besteht der leid- und sprachsensible Theologe auf dem ewigen Leben gerade des Einzelnen, so sehr er das verheißene Gelingen des Ganzen im Blick behält. Aber „Reduktionen der Religion auf das ‚Selbst‘ oder das Politische, Instrumentalisierungen des Christentums für die eigene Macht, die Selbstbehauptung, sind Bachl völlig fremd und zuwider“, wie der Linzer Heimatbischof Manfred Scheuer an einer Stelle mit Recht unterstreicht. Unvergessen auch Bachls Salzburger Vorlesungen „Der beschädigte Eros“, zum Geheimnis von Frau und Mann und überhaupt zur erotischen Musik der Schöpfung mit Gottes „Lust am Unterschied“. Deshalb blieb Bachl aller Einheitsmystik im Stile Eckharts gegenüber äußerst skeptisch. Immer ist bei diesem großen Erzähler und Aphoristiker die worthafte Fassung wichtig, die ästhetische Gestalt, überhaupt Dichtung und Musik. Geht es doch um das Mysterium der Freiheit, heraus aus dem düsteren Ägypten beengender Bevormundung und gieriger Vernutzung!

Kurzum: Bachls Theologie ist ein Werk mit Zukunft; wer in seinen Schriften liest, hier genau aufgelistet und originell oft zitiert, findet Vollwertkost (ganz im Sinne seines sinnlichen Buches zur Eucharistie), und vor allem: Haltung und Stil. CIG

Wilhelm Achleitner,

Alois Halbmayr,

Heinrich Schmidinger (Hg.):

Zur Freiheit befreit

Gottfried Bachl und seine

Gottesgeschichten

Tyrolia, Innsbruck 2022, 226 Seiten, 24 €

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Wilhelm Achleitner, Alois Halbmayr, Heinrich Schmidinger (Hg.)

Zur Freiheit befreitGottfried Bachl und seine Gottesgeschichten

Tyrolia, Innsbruck 2022, 226 Seiten, 24 €

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