Fünf nach Zwölf...

... beginnt der Nachmittag des Christentums. Warum das Mut machen kann, zeigt Tomáš Halík in seinem neuen Buch.

die zukunft des Glaubens

Fünf nach Zwölf …

… beginnt der Nachmittag des Christentums. Warum das Mut machen kann, zeigt Thomáš Halík in seinem neuen Buch. von stephan langer

Abgesänge auf das Christentum und die katholische Kirche gibt es viele. Manch einen beschleicht da womöglich der Eindruck, sich fast schämen zu müssen, dass man oder frau immer noch diesem „rückständigen Verein“ angehört. In und gegen solche Verunsicherung hat der tschechische Priester und Religionssoziologe Tomáš Halík sein vielleicht wichtigstes Werk geschrieben: „Der Nachmittag des Christentums“.

Der Titel klingt zunächst rätselhaft. Dynamik, Aufbruch verbinden wir ja eher mit dem frühen Morgen. „Warten, bis der Tag bricht und die Sonne sich regt, uns wiederbelebt – jetzt erst recht“, hat zum Beispiel Herbert Grönemeyer einmal „taufrisch“ getextet. Und als Zeit der Entscheidung ist vielleicht noch „12 Uhr mittags“ (High noon) ein Thema. Aber der Nachmittag? Geht da überhaupt noch viel? Wir reden sprichwörtlich vom Nachmittagstief oder gar -loch. Ist das nicht eher die Zeit, um entspannt alle Viere von sich zu strecken? Lazin' on a sunny afternoon …

Thomáš Halík, für viele der wichtigste Denker der Gegenwart – und ganz spiritueller Mensch –, denkt beim Stichwort „Nachmittag“ sehr biblisch. Laut dem Zeugnis der Evangelien wurde Jesus zur Mittagszeit gekreuzigt, und da „brach über das ganze Land eine Finsternis herein“ (Mk 15,33). Halík überlegt: Ist das nicht vergleichbar mit der Finsternis, die wir gerade erleben? „Kirchen, Klöster und Priesterseminare leeren sich, Zehntausende von Menschen treten aus der Kirche aus. Die dunklen Schatten der jüngsten Vergangenheit berauben die Kirche ihrer Glaubwürdigkeit.“

Seinerzeit gab es jedoch auch etwas jenseits des karfreitaglichen Mittags. Die Geschichte endete nicht im Dunkeln. Im Gegenteil: Die eben noch am Boden zerstörten Jüngerinnen und Jünger hatten nach der „Mittagskrise“ etwas erfahren, was sie zu anderen Menschen werden ließ. Gerade noch verhuscht, verängstigt und demoralisiert, gingen sie plötzlich hinaus in alle Welt und bekannten: „Diesen Jesus hat Gott auferweckt, dafür sind wir alle Zeugen“ (Apg 2,32).Kann sich der Glaube insgesamt zu solch einer Nachmittagserfahrung hin entwickeln? Tomáš Halík ist fest davon überzeugt. Ja, wir stehen an einem Scheideweg. Halík zitiert Papst Franziskus, der gesagt hat: „Wir leben nicht in einer Ära des Wandels, sondern erleben den Wandel einer Ära.“ Insbesondere die Kirche, ihr „gesamtes System“, sei infrage gestellt. Und er erinnert an das, was er vor einem Jahr in seinen Predigten während der Pandemie („Die Zeit der leeren Kirchen“, Freiburg 2021) dargelegt hat: „Die geschlossenen und leeren Kirchen während der Zeit des Coronavirus habe ich als prophetisches Warnzeichen wahrgenommen: So kann der Zustand der Kirche bald aussehen, wenn sie nicht eine Verwandlung durchmacht.“

Aber genau dieser Wandel ist möglich. Eindringlich ermutigt Tomáš Halík in diesem Buch die Kirche – jeden einzelnen Christen, jede einzelne Christin – dazu, „eine neue Beziehung zur spirituellen und existenziellen Tiefendimension des Glaubens zu gewinnen“. Zentral sei es, den (auch bei vielen Gläubigen) auf die Institution fixierten Blick aufzugeben. Halík erklärt: „Den Glauben an den Schöpfer bekennt der Mensch nicht durch das, was er über die Entstehung der Welt denkt, sondern dadurch, wie er sich zur Natur verhält; den Glauben an den gemeinsamen Vater bekennt er dadurch, dass er andere Menschen als seine Schwestern und Brüder annimmt; und den Glauben an das ewige Leben bekennt er durch die Weise, wie er seine eigene Endlichkeit annimmt.“

Entscheidend ist also, zu einer wahrhaft ökumenischen, all-umfassenden Sicht des Christentums zu gelangen. Wenn unser Glaube sein „therapeutisches Potenzial“ wiederentdeckt, hat er Zukunft. Dann braucht ihn auch die Welt dringender denn je. c

tomአhalík:

der nachmittag des

christentums

Eine Zeitansage

Verlag Herder, Freiburg 2022,

320 Seiten

22 €

Mehr zum Thema

„Der Zustand der Kirche erinnert an die Zeit vor der Reformation“: Priester Thomas Halik

Anzeige
Anzeige: Meine Bibelgeschichten

Der CiG-Newsletter

Ja, ich möchte den kostenlosen CIG-Newsletter abonnieren und willige somit in die Verwendung meiner Kontaktdaten zum Zwecke des eMail-Marketings des Verlag Herders ein. Dieses Einverständnis kann ich jederzeit widerrufen.

Tomáš Halík

Der Nachmittag des ChristentumsEine Zeitansage

Verlag Herder, Freiburg 2022, 320 Seiten, 22 €.

Bestellen bei Herder