"Out in Church"Hoffnungstrotz

Queere Menschen erzählen von ihrer Sehnsucht nach einer Kirche, in der sie dazugehören – so wie sie sind.

#outinchurch

Hoffnungstrotz

Queere Menschen erzählen von ihrer Sehnsucht nach einer Kirche, in der sie dazugehören – so wie sie sind. von beatrice von weizsäcker

Hat sich etwas geändert durch die Initiative #OutinChurch? Das kirchliche Dienstrecht zum Beispiel? Bislang sind es Absichtserklärungen, im besten Fall Selbstverpflichtungen, auf die sich einige Bischöfe eingelassen haben. Das ist leicht. Denn nichts davon ist einklagbar. Nichts davon schafft Rechtssicherheit.

Und doch. Ohne #OutinChurch sähe die katholische Welt in Deutschland anders aus. Ein Zurück in den Status Quo ante kann es nicht mehr geben, will die Kirche ihr Gesicht nicht verlieren.

Anders als die verfasste Kirche hat es sich niemand aus dem Kreis der #OutinChurch-Menschen leicht gemacht. Wie viel Mut dazugehörte, wie viel Kraft und Selbstüberwindung es brauchte, sich öffentlich zu bekennen mit all den möglichen nicht nur dienst- und arbeitsrechtlichen Konsequenzen, darüber legt das Buch Out in Church – Für eine Kirche ohne Angst ein beredtes Zeugnis ab. Es erzählt von der Sehnsucht nach einer Kirche, die ein sicherer Ort für queere Menschen ist. Es erzählt Geschichten. Geschichten, die nicht verschüttet werden dürfen, die man sich immer wieder vor Augen führen muss, um zu begreifen, worauf es ankommt. Sie sind es, die das Buch ausmachen.

Natürlich ist auch die Rede vom Manifest der Initiative, von der Petition, die in kürzester Zeit mehr als 100000 Unterschriften fand, und von der ARD-Dokumentation „Wie Gott uns schuf“. Natürlich enthält das Buch auch einen Forderungskatalog, der bestehende Missstände auflistet. Das liest sich zum Beispiel so: „Vonseiten des kirchlichen Lehramtes wird u. a. behauptet, dass wir ‚keine korrekten Beziehungen‘ zu anderen Menschen aufbauen können, aufgrund unserer ‚objektiv ungeordneten Neigungen‘ unser Menschsein verfehlen und dass gleichgeschlechtliche Beziehungen nicht als ‚auf die geoffenbarten Pläne Gottes hingeordnet anerkannt werden können‘.“ Das ist hart, keine Frage. Bloß neu ist es nicht.

Vieles ist hinlänglich bekannt. Das Manifest kann man googeln, die Grundordnung der katholischen Kirche auch, ebenso die einschlägigen Bestimmungen des Vatikan. Anderes ist interessant, wie das Kapitel „Eine Kirche ohne Angst“ mit lehrreichen Beiträgen über theologische, pastoralpsychologische, religionspädagogische sowie – besonders aufschlussreich – kirchenrechtliche Aspekte und das Kapitel „Weitende Perspektive und Solidarität“ über Kirchenpolitik, queere Netzwerke und anderes mehr.

Doch all das macht das Buch nicht aus. Denn eines kann man weder googeln, noch lässt es sich theoretisch abhandeln: das Leben. Das Leben als queere Person in der katholischen Kirche. Die Schatten, die Verletzungen, die Sehnsucht, der Trotz, die Hoffnung, der Mut. Das ist die Stärke dieses Buches. Das Zeugnis vom Leben in seinem Teil 2 (mit der leider allzu nüchternen, ja beinahe lapidaren Überschrift: „Den ganzen Menschen sehen“). Denn ums Leben geht es. Um ein Leben ohne Angst. Um ein angenommenes, angekommenes Leben in der katholischen Kirche.

Darum sind auch nicht die Vorwürfe gegen die Kirche stark, obwohl sie verständlich sind, sondern die Erfahrungen in und mit der Kirche. Es sind Klarnamen-Erzählungen und anonyme. „My Name is Nobody“, schreibt ein Trans-Mensch, weil die Nennung des wirklichen Namens gefährlich sei. Doch um welchen Preis. „Den eigenen Namen zu verstecken, bedeutet im theologischen Sinn, mich als Person zu verstecken, keinen Anspruch auf mich zu haben, auf mich selbst zu verzichten, sogar nicht zu existieren.“ Es sind erschütternde Berichte. Berichte von Betroffenen aus vielen Ländern.

Das „falsche“ Leben in der „richtigen“ Kirche. Die Furcht, als „unkatholisch“ aufzufallen. Das Leben „mit angezogener Handbremse“, weil niemand erfahren darf, dass er, der Religionslehrer, schwul ist, auch nicht der Freundeskreis. Die Einsamkeit, die Zerrissenheit, die Ohnmacht. Die Scham, die Schuldgefühle, die oft schmerzvolle Selbstakzeptanz. Die Bespitzelungen und Notlügen. Die Denunzierungen. Die Albträume (in einem sah ein Priester, wie all seine Bücher öffentlich verbrannt wurden). Die Depressionen, die Angst. Das Außenseiterdasein, die Heimlichtuerei, das Verstecken. Die „scheiß Heuchelei“. Die nicht seltene, dafür stets vergebliche Flucht ins Kloster. Die Psychotherapien, die Wut, aber auch der Mut. Der Vorwurf der „Illoyalität der Kirche gegenüber“ etwa und die tapfere Entgegnung einer Ordensfrau: „Nein, nicht ich bin illoyal, sondern die Kirche ist es mir gegenüber.“ Die Ehrlichkeit, die Schonungslosigkeit. Das Bekennen, die Offenheit. Das Ringen, das große Leid. Und hin und wieder ein Wunder.

Die „zähneklappernde, depressive Lähmung“ eines Priesters etwa – und das Wunder Jahre später: ein Anruf von Papst Franziskus. Sowenig der Priester glauben konnte, dass dies kein Scherz war, so wenig glaubt man es beim Lesen dieses so eindringlichen Textes.

„Dann kam der Anruf am Sonntag, dem 2. Juli 2017, gegen 15 Uhr: ‚Hier spricht Papst Franziskus‘ – ‚Ist das Ihr Ernst?‘ – ‚Nein, ich mache nur Witze, mein Sohn.‘ Aber er war es wirklich! Natürlich war da der argentinische Akzent, aber vor allem die Tatsache, dass er den Inhalt meines Briefs kannte und sich im Gespräch deutlich darauf bezog, überzeugte mich davon, dass sich hier keiner meiner Freunde einen grausamen Scherz erlaubte. Und dann sagte er: ‚Ich möchte, dass du in tiefem inneren Frieden auf den Spuren des Geistes Jesu gehst. Und ich gebe dir die Schlüsselgewalt. Verstehst du? Ich gebe dir die Schlüsselgewalt.‘ Ich sagte Ja, obwohl es mir im Rückblick unglaublich erscheint, dass ich in meiner Benommenheit dieses Geschenk verstanden habe.“

Das eigentlich Bewegende an dieser Episode ist die Erkenntnis des Priesters: „Dass er mir zutraute, die Freiheit zu haben, um verantwortlich der Priester zu sein, der ich über all die Jahre geworden war. Dass ich zum ersten Mal in meinem Leben in der Kirche von einem Erwachsenen wie ein Erwachsener behandelt wurde. Guter Gott – es braucht den Papst persönlich, damit das möglich wird!“ Zum ersten Mal in der Kirche von einem Erwachsenen wie ein Erwachsener behandelt zu werden … Das muss man sich mal vorstellen! 30 Jahre lang ist er da bereits Priester gewesen. „Und es fühlt sich an, als würde meine Ordination erst jetzt beginnen.“ 30 Jahre, die die katholische Kirche auf dem Gewissen hat. Es sind solche Geschichten, für die sich die Lektüre des Buches lohnt.

Die vielleicht größte Überraschung aber ist, dass die Autorinnen und Autoren in der Kirche geblieben sind und weiter für sie arbeiten. Weil sie „gerne und überzeugt katholisch“ sind. Weil sie „diese Kirche mitgestalten“ wollen. Weil sie „hoffnungstrotzig“ sind. Weil sie sich „nicht vertreiben lassen“ wollen. Weil sie von einer Kirche träumen, „in der die Würde von Menschen heilig ist und nicht die Institution unantastbar“. Das ist ein großes Geschenk. Ein unverdientes Geschenk für eine Kirche, die sich so zeigt, wie es die Betroffenen erlebt haben. Darum sei das Buch nicht zuletzt allen Bischöfen, Priestern, Pfarrern und Verantwortlichen in dieser Kirche ans Herz gelegt.

Es ist der ehemalige Generalvikar des Erzbistums München und Freising, Peter Beer, der schließlich auf den Punkt bringt, worum es (in) der katholischen Kirche jetzt gehen muss: „Wer Glauben wirkmächtig verkünden will, der muss selbst – im wahrsten Sinne des Wortes – glaub-‚würdig‘ sein; wem man nicht vertraut, nicht glaubt, der kann nicht wirklich über Glauben sprechen … Wenn [die Kirche] dies aufgrund des Vertrauensverlustes nicht kann, ist klar, was das bedeutet.“

Dann ist sie keine „Kirche ohne Angst“. Und aus „Out in Church“ wird damit über kurz oder lang fast zwangsläufig ein „Out of Church“. Ein Raus aus der Kirche. CIG

michael brinkschröder,

jens ehebrecht-zumsande, veronika gräwe,

bernd mönkebüscher, gunda werner (hg.):

#outinchurch

Für eine Kirche ohne Angst

Verlag Herder, Freiburg 2022, 256 Seiten

22 €

beatrice von weizsäcker

Dr. jur., ist Juristin und Publizistin. Sie lebt als freie Autorin in München.

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Michael Brinkschröder, Jens Ehebrecht-Zumsande, Veronika Gräwe, Bernd Mönkebüscher, Gunda Werner

#outinchurchFür eine Kirche ohne Angst

Verlag Herder, Freiburg 2022, 256 Seiten, 22 €

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