Buchrezension zu Michael Krüger: "Meteorologie des Herzens"Die Inseln des Glücks

Neben Pasta, Tomaten und Olivenöl zählt Michael Krüger Bücher zu seinen wichtigsten „Lebensmitteln“. Dieser kleine Band mit dem langen Titel macht deutlich, wie Bodenständigkeit und Geist zusammengehören.

Mein Großvater konnte über hundert Vögel/an ihren Stimmen erkennen, nicht gerechnet/die Dialekte, die in den Hecken gesprochen wurden.“ So beginnt ein Gedicht, das Krüger dieser Textsammlung voranstellt. Zugleich kann der langjährige Leiter des Hanser Verlags und vielfach ausgezeichnete Dichter so leicht über seine literarischen Freuden und Freundschaften plaudern, dass der Leser die heraufbeschworenen Bilder sogleich in eigene Lektüren umsetzen möchte. Das gilt für die Werke der – nicht selten exilierten und verdrängten – deutschsprachigen Intellektuellen, denen Krüger Anfang der 1960er Jahre als Buchhändler in London begegnete, genauso wie für den spätmittelalterlichen Poeten Petrarca oder den großen polnischen Dichter Zbigniew Herbert (1924–1998), die Krüger in dieser autobiographischen Sammlung in den Mittelpunkt rückt.

Bei all dem entspricht der 1943 unweit von Zeitz geborene Krüger ganz und gar nicht dem Bild eines „Bücherwurms“. Die lebensprägenden Lektüren führten wunderbarerweise zu einer großen Anzahl an Freundschaften und Unternehmungen, die das Stichwort „Autorenpflege“ weit übersteigen. Zbigniew Herbert beispielsweise publizierte nicht bei Hanser, sondern bei Suhrkamp, was Krüger nicht davon abhielt, den mit mancherlei seelischen Leiden geschlagenen Zbigniew über Jahrzehnte hinweg zu bestärken und zu fördern. Nach Herberts Tod ergab diese Freundschaft eine verblüffende Pointe: Beim Blättern in seinen Herbert-Büchern fiel Krüger ein an ihn gerichtetes handgeschriebenes, dreiseitiges Gedicht entgegen, das dort offenbar etliche Jahre lang schlummerte. Es handelt von einer für Herbert nicht einfachen, nicht selbstverständlichen Freundschaft mit einem Deutschen: „zwei Generationen/und alles ist anders“, heißt es in der Mitte.

Und gegen Ende die Verse, die der Sammlung ihren Titel gaben: „vielleicht ist alles was geschehen ist/zwischen uns/ eine Meteorologie des Herzens“. Man hätte das Buch auch „Die Inseln des Glücks“ nennen können, denn auch wenn Herbert davon überzeugt war, dass es „keine glückliche Insel“ gibt, so spricht der Band, dem hoffentlich noch eine ausführliche Autobiographie folgt, genau davon: von Inseln des Glücks, die sich durch Lektüren und Freundschaften, durch die Kraft des Geistes, ja auch durch Pasta, Tomaten und Olivenöl ergeben. Christian Heidrich

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