EditorialZahlenmenschen?

Vielleicht können wir diese Sommerwochen ja als eine Gelegenheit nehmen, einmal aus dem „Zahlenraum“ auszusteigen.

Über Monate waren wir Menschen, die auf Ziffern starrten. Der erste Blick am Morgen galt dem Dashboard des Robert-Koch-Instituts: Was machen die Corona-Zahlen? Wie viele Tote sind zu beklagen? Wohin hat sich der Inzidenz-Wert entwickelt?

In den letzten Wochen gab es zwar eine deutliche Entspannung. Die Statistiken pendelten sich auf niedrigem Niveau ein. Doch mit dem Vordringen der Delta-Variante ändert sich die Lage nun abermals. Die Zahlen schieben sich wieder in den Vordergrund. In Großbritannien, Frankreich und den Niederlanden steigen die Corona-Neuinfektionen stark. Spanien und Portugal gelten als Risiko- beziehungsweise Hochinzidenzgebiete. Und auch hierzulande ist es angebracht, die Werte im Auge zu behalten. Womöglich ist im Einzelfall schon wieder eine Schwelle überschritten, ab welcher die Regeln erneut verschärft werden.

Müssen wir also „Zahlenmenschen“ bleiben? Realistischerweise muss gesagt werden, dass unsere Zeit nicht erst seit Corona davon geprägt ist. Stichwort: Digitalisierung. „Alles“ wird in ein System von „0“ und „1“ übersetzt. Und was „zählt“ sonst? Bedeutend ist, wer möglichst viele Kilometer in den Weltraum vordringt. Ob ein Gemeindezentrum noch saniert oder doch gleich aufgegeben wird, hängt davon ab, ob es sich noch „rechnet“. Und wenn in Kürze die neuen Kirchenstatistiken veröffentlicht werden, sind ebenfalls wieder Zahlen das Maß aller Dinge, zumindest ein Indikator für die Entwicklung des kirchlichen Lebens.

Aber Gott sei Dank sind wir dann doch mehr als nur Zahlenmenschen. „Erfolg ist kein Name Gottes“, haben wir früher oft gesagt. Das klingt inzwischen etwas abgestanden und birgt immer auch die Gefahr, dass man sich einen Abwärtstrend schönredet. Aber es stimmt schon: Zahlen erfassen das Menschsein höchstens zu einem Teil. Selbst bei Corona heißt es heute, dass noch andere Überlegungen und Bewertungen eine Rolle spielen müssen als rein die Inzidenzen. Und was die Kirchenstatistik angeht, hat der Schweizer Benediktiner Martin Werlen unlängst erinnert: „Was Kirchenaustritte betrifft, so denken wir leider immer noch vor allem in Zahlen. Das ist falsch. Wir sollten in Menschen denken ... Von Menschen, die sich von der Kirche verabschieden, könnten wir sehr viel lernen“.

Vielleicht können wir diese Sommerwochen ja als eine Gelegenheit nehmen, einmal aus dem „Zahlenraum“ auszusteigen. Was uns ausmacht, was uns trägt, sind ganz andere Dinge, wie etwa eine demütig-dankbare Haltung gegenüber Gott und dem Leben.

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