Weltraum-TourismusHöher als die Himmelsleiter

17 Jahre habe er auf diesen Moment gewartet. Jetzt sei es „historisch“ und „einfach magisch“ gewesen, „amazing“. Wer hier schwärmt, ist Richard Branson, britischer Unternehmer und Multimilliardär, dessen Vermögen das Wirtschaftsmagazin „Forbes“ auf 5,2 Milliarden Dollar schätzt. Wenn so einer ins Staunen gerät, muss schon etwas ganz Großes passiert sein.

In einem Raketenflugzeug sind Branson und eine Handvoll Begleiter in 86 Kilometer Höhe aufgestiegen. Dort oben haben sie einige Minuten in Schwerelosigkeit verbracht. Aber nein, Branson war gar nicht im Weltall, sagt Jeff Bezos, der Gründer des Online-Versandhändlers Amazon und ebenfalls Multimilliardär. Das All beginne nämlich erst ab einer Höhe von hundert Kilometern über dem Meeresspiegel, und in diese Höhen werde Bezos selbst ein paar Tage später mit seiner eigenen Rakete aufsteigen, die zudem viel größere Fenster habe und eine bessere Aussicht biete als die „Flugzeugfenster“ von Branson. Nun, die Ära des Weltraum-Tourismus beginnt eben etwas kindisch. Aber so ist das wohl mit den meisten erstaunlichen Errungenschaften des Homo Sapiens. Sie entstehen durch Konkurrenz und durch „schneller, höher, weiter“.

Das All für alle? Längst nicht!

Das Technik-Wettrennen der Superreichen hat aber auch eine gesellschaftliche Bedeutung. Es läutet die Epoche ein, in der potenziell jeder Mann und jede Frau richtig ins Weite kommt, nicht mehr nur dem Himmel ganz nah, sondern immer weiter Richtung Universum. Bei Richard Branson kann man Tickets für zukünftige Spritztouren kaufen, Preis: 250000 Dollar. Ob man bereits von einer „Demokratisierung“ des Weltraums sprechen kann, wie einige es tun, darf man also bezweifeln. Touristische Flüge ins All bleiben vorerst ein Vergnügen für wenige, auch wenn der Anfang gemacht ist.

Politisch-spiritueller Anblick

Bei allem nachvollziehbaren Expansionsdrang ist aufschlussreich, was Reinhold Ewald im „Deutschlandfunk“ zu Ausflügen in den Weltraum gesagt hat. „Das Interessante ist ja der Blick auf die Erde“, meint der ehemalige deutsche Astronaut, der 1997 auf der Mir-Raumstation war. Ob Chinesen, Russen oder Amerikaner, erzählt Ewald, alle hätten bei der Ansicht ihres Heimatplaneten die globalen Zusammenhänge neu erkannt, eben „dass wir auf der einen Seite der Erde nicht etwas machen können, was auf der anderen Seite keine Folgen hätte“. Eine Botschaft der Verantwortung und eine positive Seite der privaten Raumfahrt.

Der Blick auf unseren blauen Planeten, genannt Overview-Effekt, hat überdies eine spirituelle Dimension. „Unfassbar schön“ und zugleich „sehr verletzlich“, so beschreiben Astronauten andächtig den Blick auf unseren Lebensraum, der uns vor der Unwirtlichkeit des Alls beinahe zärtlich birgt. Und so landet man beim Flug in die Weiten wieder beim ganz Nahen, ganz Vertrauten. Die Gegensätze verschmelzen. Welch selige Schau. Bist du da, Gott?

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