DebattenkulturJugendverdrossene Politik

Weil die Alten und Etablierten ihre Werte, Anliegen und Kompetenzen ignorieren, ja sogar gegen sie verwenden, wollen junge Erwachsene kaum Leitungsverantwortung übernehmen.

Annalena Baerbock hat Fehler gemacht. Natürlich darf man sie dafür kritisieren. Doch derzeit geschieht etwas ganz anderes: Politiker und Medienleute überziehen die grüne Kanzlerkandidatin mit gehässigen, frauenfeindlichen und demütigenden Äußerungen. Das aber bleibt nicht ohne Wirkung auf Jugendliche und junge Erwachsene. Was sie wahrnehmen, entspricht auf zynische Weise genau dem Selbstbild von Politik und Medien. Diese Art des Wahlkampfs sei zwar armselig, schrieb etwa Sigmar Gabriel. Doch so sei Politik nun einmal, man müsse damit umgehen können. Aber gehört es wirklich zum sozial-, frei-, christdemokratischen oder grünen Werteuniversum, diejenigen fertigzumachen, die sich für das Allgemeinwohl und eine bessere Zukunft einbringen wollen?

Schäbige Kommunikation

Oft wird bemängelt, dass sich junge Leute nicht politisch engagieren. Tun sie es doch, blockt man ihre Anliegen ab, indem man sie wegen ihres Alters oder ihres Geschlechts abwertet, sogar ihre psychische Gesundheit infrage stellt – man denke nur an Greta Thunberg oder Luisa Neubauer. Warum also sollten die heute 25-Jährigen in 15 Jahren Leitungsämter besetzen (wollen), wenn sie erleben, dass ihre Forderungen lächerlich gemacht werden und wie mit einer 40-jährigen Kandidatin umgegangen wird? Zusammen mit der einzigen jüngeren Spitzenpolitikerin fühlen sie sich selbst angegriffen, auch wenn sie die politischen Ansätze Baerbocks gar nicht teilen. Eine den Wohlstand der älteren Generationen erhaltende, das Klima schädigende Politik wird auf dem Rücken der Jüngeren ausgetragen – und zwar nicht mit besseren Konzepten und Argumenten, sondern mit einer schäbigen Kommunikations- und Medienkultur.

Vorgelebte Muster

Ist es für unsere Eltern und Großeltern angesichts dieses erbärmlichen Debattenniveaus wirklich so schwer zu verstehen, warum wir Jüngeren nicht in die Parteipolitik wollen, geschweige denn Leitungsverantwortung übernehmen – übrigens auch in Kirchen und anderen Institutionen, in denen fast ausschließlich Ü55-Jährige das Sagen haben?

Viele junge Erwachsene wünschen sich eine selbstreflektierte und gewaltlose Sprache, Wertschätzung für Emotionen, Fehlertoleranz. Wir haben die entsprechenden kommunikativen Kompetenzen. Aber oft wird uns schon der Wunsch nach kritisch-konstruktivem, empathischem Verhalten als Schwäche ausgelegt. Es dürfte kaum verwundern, dass wir bisweilen trotz unserer eigenen Ansprüche in die Muster zurückfallen, die uns vorgelebt werden. Politik, Kirchen und gesellschaftliche Institutionen sollten die Soft-Skills der Jüngeren nicht belächeln und verachten, sondern von uns lernen. Sie brauchen uns für die Leitung von morgen.

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