Buchrezension Tadeusz Różewicz "Unser älterer Bruder"Kein Treffen in Paris

Der eine wurde von der Gestapo ermordet, der andere überlebte und wurde einer der einflussreichsten Dichter Polens. Literarische Erinnerungen an einen älteren Bruder.

Der Treffpunkt, den die beiden Brüder Janusz und Tadeusz Różewicz zu Ostern 1943 ausmachten, hätte romantischer nicht sein können. Sollten sie sich „im Krieg“ nicht mehr sehen, würden sie sich innerhalb von drei Jahren in Paris, am Denkmal des polnischen Nationaldichters Adam Mickiewicz, treffen. Der geistreiche Plan ging nicht auf. Janusz, der 1918 geborene ältere Bruder, wurde im Juli 1944 verhaftet, von der Gestapo gefoltert und im November zusammen mit anderen Kameraden der polnischen Heimatarmee erschossen. Diese Geschichte schrieb Tadeusz Różewicz (1921–2014) viel später auf, und sie ist in einem Sammelband, einer „Text-Collage“, zu finden, die er zu Ehren seines Bruders zusammengestellt hat. Als der Band 1992 im Original erschien, dürften auch die meisten Leser in Polen zum ersten Mal von der – auch poetischen – Existenz des „älteren Bruders“ erfahren haben.

Wer noch zu staunen wagt

Tadeusz Różewicz gehört zu jener Riege der polnischen Poeten, die für die Lyrik des 20. Jahrhunderts Maßgebliches leisteten. Das hängt auch mit einem spezifischen, „polnischen“ Klang zusammen, der vor der menschlichen Tragödie nicht zurückweicht und sich dennoch von verrätselten Tönen, von einer um sich kreisenden Avantgarde, fernhält. Der Schrecken der Geschichte, die Anfechtungen des Menschen, der „keine Heilung“ mehr kennt, dürfen die Würde und den Glanz nicht vernebeln; diejenigen nicht verdammen, die noch zu staunen, zu hoffen, zu lieben wagen. Wer kühn genug ist, wird hier eine verhaltene Metaphysik entdecken.

Wenn Różewicz als ein alter Mann einen reichhaltigen Band für seinen Bruder zusammenfügt, so mag man an seine bleibende Unruhe denken; an „Denkmäler“ auch, ein Gedicht aus dem Jahr 1958. Diese, so der Dichter, können nur noch „zweideutig“ sein; in der Form einer Grube, als eine Träne, als die Arbeit eines Maulwurfs, als Rauch, der „direkt zum himmel“ steige. Aber vielleicht darf man in der Collage noch ein bisschen mehr sehen? Tadeusz sammelt die Gedichte des Älteren, der bereits als Abiturient mit Preisen bedacht wurde; stellt dessen Prosastücke, Notizen und Tagebucheintragungen vor, lässt Janusz’ Lehrer und Freunde zu Wort kommen, zeigt Fotos, fügt schließlich ein gutes Dutzend „Gedichte für den älteren Bruder“ an.

Geschwister über Grenzen

Hier buchstabiert der Autor jugendliche Existenz, Sehnsüchte. Um Lektüren geht es, um Verliebtheiten, um das Dasein als Infanterist, ja auch um Paris und um Gebete: „da bin ich, um zu wachen, dass um Mittag der Rauch aus den Hütten/ friedlich zum Himmel steige in meinem Rücken,/um über das Klappern der Störche zu wachen, der Sense Geplänk,/das Trocknen des Heus und den Engel des Herrn, der von der Kirche/her rot den Abendhimmel färbt. Dein Engel, o Herr.“

Tadeusz Różewicz fuhr im März 1957 alleine nach Paris und gab sich keine Mühe, das Mickiewicz-Denkmal zu finden. Die deutsche Ausgabe des Buches für seinen Bruder lag ihm aber am Herzen. Für die geplante deutsche Ausgabe verfasste er ein Vorwort, in dem er an die Geschwister Scholl und die Weiße Rose erinnert. „Die Weiße Rose, uns und alle Angehörigen unserer Generation, die Widerstand leisteten, einte der Kampf gegen den Nationalsozialismus. Wir waren, über Grenzen und Nationalitäten hinweg, Geschwister im Geiste.“ Es ist eine Sammlung für Liebhaber, ein kleines Wunder.

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Rózewicz, Tadeusz

Unser älterer BruderEine Text-Collage

(Harrassowitz Verlag, Wiesbaden 2021, 233 S., 22,90 €)

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