GesellschaftNochmal anders, als „man“ denkt

Auf die Umbrüche und Veränderungen der Gegenwart lässt sich auch positiv, offen, zugewandt blicken. Im Sinne der Meinungsvielfalt und Diskussion: Eine Antwort auf den Beitrag unseres Herausgebers.

Wir wollen, dass sich im redlichen Wettstreit der Argumente der beste Weg herausschält.“ Das habe ich Anfang des Jahres in meinem ersten Wort in der neuen Funktion als Chefredakteur an Sie, liebe Leserinnen und Leser, geschrieben. Genau das haben wir in den letzten Monaten beherzigt. Sie durften feststellen, dass wir als Redaktion eine klare Überzeugung haben, dass wir für eine Haltung stehen – dass wir aber immer auch andere Meinungen zu Gehör bringen wollen. Ich denke in diesem Zusammenhang etwa an die große Debatte um die Segnung gleichgeschlechtlicher Paare. Da haben wir Ihnen jeweils vier Pro- und vier Contra-Stimmen vorgelegt, damit Sie selbst die Argumente für sich wägen konnten. Was unsere Sicht auf die Sache ist, haben wir in einem Kommentar dargelegt. Dieser Weg schien uns die klarste und fairste Form der Auseinandersetzung mit dem kontrovers diskutierten Thema.

Das Recht auf Streit

Als Futter zur eigenen Meinungsbildung durften Sie auch den Beitrag unseres Herausgebers verstehen, der vor einer Woche erschienen ist: „Anders, als ‚man‘ denkt“. Darin legte Johannes Röser, mit erkennbarer Sympathie, die Positionen zweier exponierter „Querdenkerinnen“ unserer Tage dar, Sahra Wagenknecht von links und Cora Stephan von rechts. Es ist ein Beitrag, der eine ungewöhnliche Stoßrichtung und Tonlage für unsere Zeitschrift hat. „Quo vadis, CIG“, fragte deshalb auch gleich darauf ein Leser. Im Sinne von: Für welche Haltung steht denn nun eigentlich der CHRIST IN DER GEGENWART? Wo positioniert er sich in diesen aktuellen Fragen?

Zunächst einmal: Es ist völlig legitim und normal, dass Christen zu unterschiedlichen Meinungen kommen. Deshalb finden sich ja beispielsweise auch Christinnen und Christen in allen demokratischen Parteien. Oder, wie es beim Fußball heißt: In den Farben getrennt, in der Sache vereint.

Im besten Fall führt das nicht nur zu einem Nebeneinander, sondern zu einer wirklichen, ernsthaften Auseinandersetzung mit der Position des Anderen, zu einem Verstehen-Wollen. „Als Leser habe ich ein Recht darauf, dass ihr um die Sache streitet.“ Mit diesen Worten hat unser Verleger, Manuel Herder, einmal mehr Meinungsvielfalt im CIG eingefordert. Deshalb sei hier versucht, kritisch auf die Argumente aus dem Beitrag letzter Woche einzugehen. In diesem Sinne muss auch dem Herausgeber in manchen Punkten widersprochen werden.

Der Artikel hat ein klares Feindbild, das forsch benannt wird: das „linksliberale Milieu“, „Lifestyle-Linke“, „Mainstream-Aktivisten“. Diese setzen angeblich in den Medien „propagandistisch“ die Themen, bestimmen eben, was „man“ zu denken hat. Eine aktuelle Umfrage scheint dies zu bestätigen. „Die Mehrheit fühlt sich gegängelt“, schrieb vor ein paar Tagen die „Frankfurter Allgemeine“ in ihrer Analyse einer Allensbach-Umfrage. Und: „Nur noch weniger als die Hälfte glaubt, man könne seine Meinung in Deutschland frei äußern.“

Die FAZ hat das schon treffend formuliert: Es handelt sich um einen „Glauben“. Noch präziser würde man sagen: eine „Meinung“. Schließlich geben Umfragen ja nicht Auskunft darüber, wie etwas wirklich ist, sondern nur, wie Menschen meinen, dass es ist, wie sie die Lage im Land empfinden. Dass wir aber gerade nicht in einer Meinungsdiktatur leben, sollte sich jedem schnell erschließen, der sich ein paar Minuten auf Facebook und Co. tummelt. Was oder wer, bitteschön, kommt da denn nicht zu Wort?

Widerspruch ist keine Zensur

Dass der Eindruck dennoch entstanden ist, hat vor allem zwei Gründe. Zunächst ist dies einfach das Erfolgsprogramm populistischer Kreise. Sie gehen auf Stimmenfang, indem sie linken „Gesinnungstotalitarismus“ beklagen, gegen den nun endlich jemand – sie selbst – heldenhaft vorgehen. Getreu dem Motto: „Wir brechen das Tabu. Wir sind die Einzigen, die sich das trauen.“ Eine solche Taktik ist eigentlich leicht zu durchschauen. Trotzdem verfängt dieses Denken offensichtlich in weiten Teilen der Bevölkerung.

Tatsächlich aber wird ja längst fast alles gesagt und auch von jedem. Wo sind denn die Denk- und Sprechverbote? Die Provokateure müssen dann aber auch hinnehmen, dass sie hinterfragt und dafür kritisiert werden, dass sie bewusst den gesellschaftlich akzeptierten Rahmen überschreiten. Das halten viele aber nicht aus. Sie akzeptieren nur eine einzige Meinung – ihre –, und wenn diese kritisiert wird, beklagen sie Zensur, fühlen sich bevormundet, stilisieren sich als Opfer.

Ich bin froh, dass sich die Gesellschaft im Großen und Ganzen auf gewisse Kommunikationsstandards verständigt hat. Dass es (noch) ungeschriebene Gesetze gibt, nach denen zum Beispiel rassistische und sexistische Wortmeldungen geächtet sind. Und ich empfinde es ganz und gar nicht als Gängelung, wenn das Bewusstsein für Ungerechtigkeiten auch noch weiter wächst. Ich finde es nicht gut, dass mit Lust oder aus Jux und Dollerei an den Tabus gerüttelt wird. „Das wird man doch noch sagen dürfen.“ Ja, freilich, man darf es sagen. Aber es wäre besser, wenn manches nicht gesagt würde. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat einmal zu Recht daran erinnert, dass es eine Grenze zwischen Sagbarem und Unsäglichem gibt und dass diese Grenze wieder stärker Beachtung finden sollte.

Notwendige Differenzierungen

Was man aus solchen Diskussionen in jedem Fall auch lernen sollte: Dinge müssen besser erklärt, Menschen mit Argumenten stärker mitgenommen werden. Sonst entsteht womöglich wirklich der Eindruck einer „moralistisch überheblichen Selbstgerechtigkeit“ (Sahra Wagenknecht) – zumindest macht man sich dahingehend angreifbar. Im „Spiegel“ schrieb die Co-Chefredakteurin Melanie Amann letzte Woche exemplarisch zum Thema geschlechtergerechte Sprache: „Wer jetzt nicht die Geduld aufbringt, den Genderstern sachlich zu verteidigen, damit ihn irgendwann eine gesellschaftliche Mehrheit akzeptiert, wer trotz hehrer Motive einen sprachlichen Wandel mit der Brechstange einführen will, der wird demnächst gegen ganz andere sprachliche Rohheiten kämpfen müssen. Die Angst, dass bald alle gendern müssen, spielt längst der AfD in die Hände. Und die kennt keine Hemmungen und streitet auch für rassistisch konnotierte Begriffe wie den ‚Negerkuss‘.“

Damit sind wir schon mittendrin in den inhaltlichen Themen, welche die „Meinungsmacher“ angeblich setzen. „Klima, Rassismus, Antisemitismus, Me-too, Homophobie, Islamophobie, sexueller Missbrauch in der Kirche, Diversität. Neu und stärker gewichtet ist jetzt: die Gendersprache“, schreibt Röser. Später wird noch die Flüchtlingskrise erwähnt. Von Papst Franziskus wird gesagt, er rede „unermüdlich ... von völlig offenen Grenzen“. Ist das so? Außerdem: Für mich liegen diese Themen nicht auf derselben Linie. Ich finde, da gilt es zu differenzieren: Über Gendersprache kann man sicher diskutieren. Über die Notwendigkeit, das Verbrechen sexueller Gewalt in der Kirche umfassend aufzuklären, nicht. Auch nicht über die anderen Missbräuche.

Am Ende der Aufzählung der vermeintlich von „Linken“ gepushten Themen steht die rhetorische Frage: „Sind das wirklich die Probleme, die Fragen, die die Leute haben?“ Die Antwort, die damit hervorgerufen werden soll, liegt auf der Hand: ein klares „Nein“. Zur Sicherheit wird gesagt, man solle doch mal diejenigen fragen, „die in eher unsicheren oder schlechtbezahlten Arbeitsverhältnissen zusehen müssen, wie sie durchkommen, sich und ihre Familien ernähren.“

Ich bezweifle, dass es uns weiterführt, eine solche Front, ein solches Gegeneinander aufzumachen. Und auf die Frage, ob das wirklich die Probleme der Leute sind, würde ich entgegnen: „Ja!“ Wer sind denn „die Leute“? Ich habe jedenfalls mit einigen von ihnen gesprochen. Und zwar nicht mit den üblichen Verdächtigen, den „Lifestyle“-Linken. Ich habe mit Frauen gesprochen, die sprachlich nicht länger „mitgemeint“ sein wollen. Ich habe mit People of Colour gesprochen und von ihren alltagsrassistischen Erfahrungen gehört. Und vor allem habe ich mit Opfern sexualisierter Gewalt in der Kirche gesprochen. Sie finden „überraschenderweise“ nicht, dass das ein linkes Modethema ist.

Jeder hat das gute Recht, sich mit bestimmten Themen und Entwicklungen nicht beschäftigen zu wollen, und ja, auch Veränderungen abzulehnen. Dann sollte man das aber genau so sagen. Und nicht verschiedene Dinge miteinander verquicken. Muss zum Beispiel die Würdigung von „Mann und Frau…, die sich fortpflanzen“ zur Folge haben, dass man Homosexualität und Diversität als Mainstream-Thema abwertet? Ist es nicht vielmehr ein Fortschritt, wenn wir als Gesellschaft achtsamer miteinander umgehen? Ich fühle mich jedenfalls wohler in Zusammenhängen, wo genau dies geschieht.

Was mich insgesamt irritiert und traurig macht, ist der oftmals kulturpessimistische Ton. Ich bin gewiss keiner, der jede Mode mitmacht, der etwas nur deshalb gut findet, weil es neu ist. Aber das andere Extrem ist mir ebenfalls fremd. Ich gehe nicht an die Welt – und übrigens auch nicht an den Glauben, die Kirche – mit der Haltung, dass alles „den Bach runtergeht“.

Wofür der CIG steht

Und wenn wir nach der Haltung des CIG fragen: Wir sind „ökumenisch und weltoffen“ heißt es auf unserer Homepage als „Unsere Philosophie“. Und dass wir uns „allen Reformkräften …, die für Gewissenserforschung, Wahrhaftigkeit, Freimütigkeit und Glaubenserneuerung eintreten“, verbunden fühlen. Wir treten ein für „ein modernes Christsein in einer modernen Welt“. Das ist ein zugewandter Ton und eine Haltung, für die ich als Chefredakteur stehe.

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