Kirche als "Gegenwelt"?Karneval der Kirche

Die Welt steht kopf - auch die Kirche?

Eigentlich braucht es heutzutage die Narren gar nicht mehr, um die Welt auf den Kopf zu stellen. Denn auch im Alltag werden längst alternative Fakten präsentiert, ist die etablierte Ordnung durcheinandergeraten oder gar ganz abhandengekommen. Hatten sich die allermeisten Staaten seit den Weltkriegen auf eine internationale Architektur von Regeln und Verträgen eingelassen, verfolgen immer mehr Akteure heute nur noch rücksichtslos ihre eigenen Interessen. Jeder meint, er müsse „zuerst“ kommen, wieder „groß“ werden. Streit und Egoismus sind an die Stelle von Gemeinschaft und Solidarität getreten. Von wegen „Vereinte“ Nationen! Auch im Nahbereich schwinden (politischer) Anstand und Moral. Populisten spielen ein verächtliches Spiel mit der Demokratie, zuletzt in Thüringen.

Im Fall der Kirche stellt sich ebenso der Eindruck ein, dass der Karneval zum Dauerzustand geworden ist. Nicht im Sinne der fröhlichen Ausgelassenheit freilich, sondern in Richtung verkehrter Verhältnisse. Thies Gundlach etwa, der für die evangelische Kirche den „synodalen Weg“ als Beobachter verfolgt, berichtete in der ersten Plenarversammlung: Er habe mehrere E-Mails bekommen, in denen er aufgefordert wurde, er als Evangelischer solle Sorge dafür tragen, dass die katholische Tradition unverändert bleibt. Das ist so, als würden Protestanten wegen des Papstes aus ihrer Kirche austreten. Ach so, das passiert schon des Öfteren? Nun, womöglich folgen ihnen jetzt noch mehr Katholiken beziehungsweise Katholikinnen, nachdem der als frommer Revoluzzer gestartete Franziskus sich als so gar nicht reformfreudig entpuppt. Ach wäre es doch bei all diesen gesellschaftlichen und kirchlichen Enttäuschungen so wie mit dem wirklichen Karneval! Dann würde am Aschermittwoch die alte „Ordnung“ wieder Einzug halten.

Aber das Bild vom Karneval lässt sich noch anders anwenden. Welt und Gegenwelt... Ist es nicht tatsächlich so, dass das Reich Gottes ein mutiger Gegenentwurf zu den real existierenden Verhältnissen ist, zumindest sein will? Das stimmt. „Bei euch soll es nicht so sein“, hat Jesus gesagt (Mk 10,43). Er bezog das darauf, dass in der „Welt“ der eine den anderen übervorteilt und unterdrückt, dass das Recht des Stärkern gilt, auch das des stärker gefüllten Geldbeutels. In diesem Sinn ist tatsächlich „Entweltlichung“ der Kirche angesagt. Dass sie aber konsequent alles verneint, was die – von Gott gegebene – menschliche Vernunft als richtig erkannt hat, fällt sicher nicht darunter. Wenn der katholische „Markenkern“ nur darin bestünde, die Moderne und ihre Errungenschaften – wie etwa die Gleichberechtigung der Geschlechter – unterschiedslos abzulehnen, wäre er tatsächlich nur noch hohl und könnte zu Recht auf den Kehraus warten.

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