Eugen DrewermannHört früher auf die „Ketzer“!

Solange die Kirche Menschen wie Eugen Drewermann ignoriert oder ausschließt, ist die Rede von Reformen wertlos. Der tragische „Fall“ des heute Achtzigjährigen macht immer noch traurig. Wo stünden wir, wenn die Kirche solche Impulse nicht stets erst mit Verspätung aufgreifen würde!

Es war, als wollte „ein Jurist mit einem Poeten einen theologischen Dialog führen“. So kommentierte CHRIST IN DER GEGENWART einst die Auseinandersetzung zwischen dem Paderborner Erzbischof Johannes Joachim Degenhardt und dem Theologen Eugen Drewermann (Nr. 44/1991, S. 363). Sollte heißen: Da argumentierten zwei Männer auf völlig unterschiedlichen Ebenen, redeten also letztlich aneinander vorbei. Ein solcher „Dialog“ muss fast zwangsläufig scheitern.

Hier war es jedenfalls so. Quälend lange hatte man sich schon aneinander abgearbeitet, eine gewisse Härte und Sturheit gab es auf beiden Seiten. Schließlich griff derjenige, der im kirchlichen Machtapparat am längeren Hebel saß, durch. Im Spätherbst 1991 entzog Bischof Degenhardt auf Drängen der vatikanischen Glaubenskongregation Drewermann die Lehrerlaubnis. Der Dozent bestreite zentrale Wahrheiten des Glaubens, so die Begründung. Fortan durfte der Professor für Religionsgeschichte und Dogmatik nicht mehr im Namen der Kirche an der katholischen theologischen Fakultät in Paderborn unterrichten.

Dies war der entscheidende Bruch. Was folgte, kann man als weitere Eskalation sehen. Tatsächlich war es eher ein fast zwangsläufiges Abrutschen, nachdem man einmal die schiefe Ebene beschritten hatte. Drei Monate nach dem Lehrverbot untersagte man Drewermann das Predigen, im März 1992 wurde er vom Priesteramt suspendiert. An seinem 65. Geburtstag zog der Theologe dann selbst einen Schlussstrich: Drewermann erklärte seinen Austritt aus der katholischen Kirche – ein „Geschenk der Freiheit an mich selber“, wie er damals sagte. Zugleich betonte er, dass dies keine Abwendung vom Christentum darstelle.

Heute, mit dem Abstand von drei Jahrzehnten, blickt man ein wenig ratlos, vor allem aber unendlich traurig auf den „Fall Drewermann“. Warum ist es so gekommen? Als „Scheiterns-Geschichte“ sei der Vorgang „in das Leidens-Gedächtnis der deutschen Kirche eingegangen“, stellte der Münsteraner Theologe Jürgen Werbick unlängst treffend fest.

Christsein der Angstfreiheit

Das Ganze trägt tatsächlich die Züge einer Tragödie. Warum nur tat und tut sich die Kirche so schwer mit diesem gleichermaßen feinfühligen wie radikalen – an den Wurzeln des Glaubens Maß nehmenden – Theologen und Psychotherapeuten? In seinen rund achtzig Büchern und mit seinen vielen Vorträgen hat er unzähligen Menschen einen neuen, angstfreien Zugang zum Glauben eröffnet. Genauso wie Drewermann zunächst an Märchen heranging, tat er es dann mit der Bibel. Er legte sie – auch – tiefenpsychologisch und literarisch aus, interpretierte die Evangelien als grandiose, umfassende Heilungsgeschichten. „Vieles in der Bibel sind kostbare Bilder der Religionsgeschichte, deren Grundlage in der Psychologie der menschlichen Seele und ihren Sehnsüchten liegt“, erklärte Drewermann einmal in einem Interview. Dass man das so machen kann, machen darf, ja mehr noch, dass es gewinnbringend, befreiend sein kann, ist heute Allgemeingut in Theologie und Seelsorge. Warum auch nicht? Ist die Bibel etwa nicht Gotteswort in Menschenwort?

Auch in der theologischen Forschung im engeren Sinne leistete Drewermann Großes. In den drei gewaltigen Bänden „Strukturen des Bösen“ zeigte er, wie man sich der biblischen Urgeschichte exegetisch, psychoanalytisch und philosophisch nähern kann. Und in seinem höchst umstrittenen, stellenweise unnötig polemischen Buch „Kleriker. Psychogramm eines Ideals“ analysierte er, warum das geistliche Amt in seiner aktuellen Gestalt so viele Männer krank gemacht und letztlich auch zum massenhaften sexuellen Missbrauch beigetragen hat. Beide Werke nannte der Hildesheimer Bischof Heiner Wilmer kürzlich „prophetisch“. Und für ihren Verfasser fand er die gleichen Worte. Eugen Drewermann sei „ein von der Kirche verkannter Prophet unserer Zeit“. So weit ging noch keiner von Wilmers Kollegen, geschweige denn die Kirche als ganze, offiziell.

So ist diese Beziehung auch zu Drewermanns achtzigstem Geburtstag nach wie vor zerrüttet. Sein Habitus, seine kompromisslose, manchmal überzogene Art konnte zweifellos provozieren. Auch wie er sich bis heute konsequent vielem entzieht, was in unserer Gesellschaft als „normal“ gilt! Drewermann besitzt privat kein Handy, keinen Computer, nicht einmal einen Kühlschrank. Er ist Vegetarier, Pazifist, Kapitalismus-Kritiker. All dies trägt er, wie aktuelle Youtube-Videos zeigen, immer noch in Strickpulli- oder Jacke selbstbewusst mit monotoner Stimme vor. Er ist halt ein Überzeugungstäter, er kann und will es einem nicht leicht machen.

Aber allein das kann es doch nicht sein! Zumal Eugen Drewermann als „verkannter Prophet“ ja nicht alleine dasteht. Hans Küng, Pierre Teilhard de Chardin, Karl Rahner, Leonardo Boff, Ernesto Cardenal, Hubertus Halbfas, Alfred Loisy, Yves Congar, Uta Ranke-Heinemann… Die Liste der Theologen und Theologinnen, die Probleme mit dem Lehramt hatten und gemaßregelt wurden, ist lang. Und sie wird immer länger. Zwar gab es seit einiger Zeit schon keine offiziellen Lehrverbote mehr wie etwa noch unter früheren Päpsten beziehungsweise Präfekten der Glaubenskongregation. Aber das heißt nicht, dass im Hintergrund nicht ermittelt, sanktioniert und, ja, allzu oft auch denunziert würde.

Aus Tragödien lernen

Dabei sind die „Ketzer“ meistens die spannenderen Autoren. Diejenigen, die sich nicht zufriedengeben mit der real existierenden Kirche und ihrer in vielem bloß noch konventionellen, aber keinesfalls mehr den Erkenntnissen der Zeit in Kultur und Wissenschaft antwortenden Lehre. „Die Form der dogmatischen Lehrtradition ist nicht nur nicht mehr verständlich, sondern sie bricht vollkommen mit dem modernen Weltbild“, hat Eugen Drewermann einmal festgehalten. „Ein Schüler kann heute eigentlich nicht vom Religionsunterricht in die Biologie, Chemie oder Physik kommen. Das sind zwei Weltbilder, die gegeneinander stehen.“ Und in einem aktuellen Interview anlässlich seines runden Geburtstags sagte er: „Wir bringen im Religionsunterricht den Kindern bei, dass Gott eingreift in der Not, dass er Gebete erhört, dass er sichtbar wird im Geschichtsverlauf und in der persönlichen Biografie. Dann aber stirbt die eigene Mutter qualvoll an Krebs, und der Schrei dringt zum Himmel, wie Gott das zulassen kann. Diese Frage findet keine Beantwortung in dem Weltbild, das die Kirche lehrt.“

Sicher, dieser Befund ist auch ein Stück weit ein Zerrbild. Es gibt unzählige Theologen, Seelsorger, Lehrer, die sich um Aufrichtigkeit bemühen und in ihrem Nahbereich versuchen, Vernunft und Offenbarungsglauben miteinander in Einklang zu bringen. Aber die Beharrungskräfte sind eben auch massiv. Da steht dann zum Beispiel bei der Plenarversammlung des „synodalen Wegs“ ein Bischof auf und „argumentiert“ mit dem Bibeltext gegen die Humanwissenschaften. Das kann nicht gutgehen.

Wo wären wir heute, wenn das Lehramt mehr auf die „Ketzer“ gehört hätte! Das heißt nicht, dass alles beliebig sein soll. Mit manchen Aussagen, etwa über die Auferweckung Jesu, stellte sich Drewermann tatsächlich ins Abseits. Aber neue Impulse sind „im Licht des Evangeliums zu deuten“ – und nicht von vorneherein zu verwerfen, wenn sie einer Passage oder auch nur einem Halbsatz im Katechismus widersprechen. „Der Buchstabe tötet, der Geist aber macht lebendig“ (2 Kor 3,6).

Hinterher stellt sich ja ohnehin oft heraus, dass die Querdenker in Wirklichkeit Vordenker waren. Dass sie, wenigstens in Teilen, recht hatten und die Lehre weitergebracht haben. Wer wollte etwa hinter das zurück, was Hans Küng über die Wahrheit in den (anderen) Weltreligionen gesagt hat? Oder wer wäre Pierre Teilhard de Chardin nicht dankbar für sein Anliegen, Evolution und Schöpfungsglauben zu versöhnen? Wer schätzte nicht die Texte von Huub Oosterhuis, die so treffend die Situation des modernen, suchenden und zweifelnden Menschen vor Gott zur Sprache bringen? Will wirklich jemand auf Leonardo Boff oder Ernesto Cardenal verzichten, die daran erinnert haben, dass das Evangelium auch politisch ist und konkret werden muss? In diese Reihe gehört eben auch Eugen Drewermann, der die Psychotherapie in die Theologie integriert hat und – wie viele andere auch – darauf hingewiesen hat, dass man am Bibeltext gerade vorbeigeht, wenn man ihn unter allen Umständen wörtlich nimmt.

All diese Männer, und viele Frauen sowieso, hat das kirchliche Lehramt mehr oder weniger ausdrücklich zu „Ketzern“ gemacht. Aus Angst, aus Machtwillen, aus einem falschen Verständnis von Einheitlichkeit heraus. In den seltensten Fällen wurden sie rehabilitiert. Allenfalls hat man ihre Gedanken still und heimlich aufgenommen, weil es ja nach offizieller Lesart keine Veränderungen, schon gar keine Brüche in der Lehre geben darf. Da sollte man ehrlicher sein.

Für jüngere Generationen ist der „Fall“ Drewermann ein Kapitel aus der Kirchengeschichte, weit weg. „Der theologische und kirchliche Tagesbetrieb ist irgendwie über diesen Konflikt hinweggegangen“, befand Jürgen Werbick in der „Herder-Korrespondenz“. Trotzdem bräuchte es mehr wertschätzende Worte wie die von Bischof Heiner Wilmer. Und man müsste aus der Tragödie lernen, um zukünftige Auseinandersetzungen anders, positiver zu gestalten. Auch der CIG war von jener unglückseligen Konfliktgeschichte betroffen. Denn Drewermann schrieb als wichtiger Autor bereits für unsere Zeitschrift, als er – seinerzeit Privatdozent – einer breiteren, allgemeinen Öffentlichkeit noch kaum bekannt war. Die Paderborner Auseinandersetzungen wirkten sich schließlich dahingehend aus, dass es zu einem Entfremdungs-, ja Polarisierungprozess kam, der letztendlich auch zu einer publizistischen Trennung führte.

„Irgendjemanden beziehungsweise irgendetwas auszuschließen, ist immer einfach“, schrieb Eugen Drewermann im letzten Jahr, als sein „Kleriker“-Buch neu herausgegeben wurde. „Doch wem den Gläubigen zuliebe an der Kirche liegt, der kann den Schaden nur bedauern.“ Und im CIG formulierte Drewermann einst (Nr. 21/1985): „Eine der großen Wahrheiten des Pfingsttages besteht in der Einheit zwischen dem Glauben an den Geist und der Zuversicht, mit dem Mittel menschlicher Sprache einander sich verständlich zu machen. Denn ein und dasselbe ist die Geistigkeit unseres Lebens und die Fähigkeit, miteinander menschlich zu sprechen.“

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