Über Wahrheit und LügeDie Wahrheit, die keine Lüge ist

Immer ist Wahrheit in Gefahr, unter die Räder zu kommen. Was angesichts von „Fake-News“ aus den Erfahrungen mit kommunistischen Regimen zu lernen ist.

Wer die Wahrheit nicht weiß, der ist bloß ein Dummkopf. Aber wer sie weiß und sie eine Lüge nennt, der ist ein Verbrecher.“ Dieser Satz des Dichters Bertolt Brecht (1898–1956) ist aktuell wie nie zuvor, denn das Verbrechen Lüge hat in der freien Welt heute Konjunktur. Die Lüge unserer Zeit kommt elegant und geschmeidig daher, weltweit verbreitet durch das Internet. Dabei beruft sie sich ständig auf die Presse- und Meinungsfreiheit. Sie lebt vom Vorurteil des Stammtischs der Spießer, von den Parolen der Populisten, verbreitet Hass. Sie tritt als getrickste Statistik auf und hetzt offen gegen die Wahrheit, erzeugt Wutbürger und sät Zweifel, indem sie Tatsachen zu „Fake-News“ erklärt.

Die Lüge der kommunistischen Diktaturen war verordnete Parteiräson, gestützt durch staatliche Gewalt. Für den, der den Fortschritts-Schwindel der Propaganda mit dem elenden Alltag sozialistischer Errungenschaften verglich, war die Lüge von der ewigen Planübererfüllung und der paradiesischen Zukunft leicht zu durchschauen. Obwohl die Vorwärts-Lüge meist plump daherkam, zwang sie die Menschen, ihre Hände zu ohnmächtiger Einstimmigkeit zu heben.

Stalinistisches Lügenkonstrukt

Als Jesus von Nazaret im Verhör des römischen Prokurators Pilatus bekannte: „Ich bin dazu in die Welt gekommen, um von der Wahrheit Zeugnis abzulegen“, antwortete dieser: „Was ist Wahrheit?“ Niemand weiß, ob das zynisch, abfällig oder nur gelangweilt gemeint war. Doch die ehrliche Frage nach der Wahrheit trieb Menschen aller Jahrhunderte um. So begann auch die schleichende Auszehrung der kommunistischen Lügenideologie mit der Forderung nach Wahrheit.

Der jugoslawische Dissident Milovan Ðilas (1911–1995) hoffte: „Die Wahrheit bricht durch, mögen auch diejenigen, die für sie kämpfen, dabei untergehen.“ Er kam unter Diktator Tito viele Jahre in Haft.

Der russische Schriftsteller Alexander Solschenizyn (1918–2008) erkannte: „Ein Wort der Wahrheit überwindet die ganze Welt.“ Weil er als hochdekorierter Offizier in Briefen kritische Wahrheiten über Stalin geschrieben hatte, wurde er ohne ein Gerichtsurteil zu acht Jahren Zwangsarbeit in einen Gulag verbannt. 1974 wurde er wegen „Vaterlandsverrats“ aus seiner Heimat ausgewiesen.

Der tschechische Dichter-Dissident und spätere Staatspräsident Václav Havel (1936–2011) kämpfte für die Einhaltung der Menschenrechte. Er wollte „in der Wahrheit leben“ und musste dafür jahrelang ins Gefängnis.

Der polnische Papst ging 1979 auf Pilgerfahrt in seine kommunistisch beherrschte Heimat und machte den Menschen Mut: „Die Wahrheit wird euch frei machen!“ Ein Jahr später formierte sich nach wochenlangen Streiks die erste freie Gewerkschaft im kommunistischen Machtbereich.

Der sowjetische Generalsekretär Michail Gorbatschow verlangte mit seinem Reformprogramm „Glasnost“ Offenheit, Kritik und Wahrheit über den miserablen Zustand von Wirtschaft und Gesellschaft. Das war der Bruch mit nahezu siebzig Jahren parteilich verordneter Verlogenheit.

Mutige Bürger kontrollierten im Frühjahr 1989 die Auszählung der Kommunalwahlen in der DDR. Sie enttarnten die Lügen der staatlichen Wahlkommission und deckten die Wahrheit über massiven Wahl-Betrug auf: Auch bei dieser Wahl waren Gegenstimmen systematisch während der Auszählung der Wahlzettel unterdrückt worden. 1989 ist das riesige Lügenkonstrukt des Leninismus-Stalinismus in der DDR und im europäischen Ost-Block zusammengebrochen. Den Zerfall hatte die Forderung nach Wahrheit herbeigeführt.

„Zwei mal zwei ist sechs“

Die Wahrheit, meist „objektive Wahrheit“ genannt, war seit Lenin ein Glaubenssatz aller Kommunisten. Die Lügen des Regimes in der Parteizeitung „Prawda“, was ebenfalls Wahrheit bedeutet, galten als „objektive Wahrheit“. Hohe Funktionäre wurden während Stalins „Großem Terror“ in den dreißiger Jahren so lange gefoltert, bis sie die „objektive Wahrheit“ gestanden und sich schuldlos der Spionage, Sabotage und des Vaterlandsverrats bezichtigten. Lügen aus Liebe zur Partei.

Die SED fälschte Wahlergebnisse und Wirtschaftszahlen, sie täuschte Demokratie vor, wo Diktatur herrschte. Sie nannte die hochgerüstete und militarisierte DDR den „ersten Friedensstaat auf deutschem Boden“ und verlangte, dass das Volk die Mauer, die den Menschen die Freiheit nahm, einen „antifaschistischen Schutzwall“ nannte. Der Staat zog Janusköpfe mit zwei Gesichtern heran: Ein Gesicht stimmte der Lügenpropaganda – meist wortlos – öffentlich zu, das andere sagte im vertrauten Familienkreis „Nein“.

Während der Jahrzehnte des Marxismus-Leninismus-Stalinismus gab es immer wieder vergebliche Reformversuche. Doch auch diese Bemühungen um wirkliche Verbesserung des Alltags benötigten die Vorwärts-Lüge, wie eine Legende belegt, die sich kritische Kommunisten in kleiner Runde leise erzählten:

Als alle Tiere Kommunisten waren und alle Kommunisten Tiere, tagte wieder einmal das Zentralkomitee der Partei. Der Vollversammlung der Tiere wurde ein Beschluss verkündet: „Zwei mal zwei ist sechs.“ Die vorsitzende Ratte fragte, ob sich jemand dazu äußern möge. Niemand meldete sich, nur der Hase rief laut: „Zwei mal zwei ist nicht sechs, zwei mal zwei ist vier!“ Sofort traten zwei Wölfe links und rechts neben den Hasen und führten ihn ab. Wie man im Kreis der Tiere vermutete, war der Hase im Bau verschwunden, fernab von seinem gemütlichen Schlafplatz unterm Busch. Jahre später lud das Zentralkomitee zur nächsten Vollversammlung ein. Der Hase, etwas abgemagert, war wieder dabei, denn das Zentralkomitee hatte eine Amnestie erlassen. Nun sollte es Reformen, Fortschritt geben. Wieder wurde ein Beschluss der Partei verkündet: „Zwei mal zwei ist fünf!“ Und wieder meldete sich nur der Hase lautstark zu Wort: „Zwei mal zwei ist nicht fünf, zwei mal zwei ist vier!“

Die beiden Wölfe waren sofort zur Stelle, führten den Hasen ab, diesmal jedoch nicht in den Bau, sondern in eine Gaststätte, denn wegen der Reformen hatten sich die Methoden der Sicherheit verfeinert. Zu dritt nahm man an der Theke Platz, der Hase in der Mitte. Wolf Nr.1 brüllte den Hasen an: „Was soll denn dein alberner Widerstand, Genosse Hase? Willst du zurück in den Bau?“ Der Hase zuckte zusammen. Wolf Nr.2 sagte ruhig: „Genosse Hase, einmal den Mund halten kostet dich doch nichts. Zwei mal zwei ist fünf, das ist ein Beschluss unserer Partei. Du weißt als Genosse, dass die Partei immer recht hat.“ „Nein, nein“, sagte der Hase, „zwei mal zwei ist vier.“ Und während Wolf Nr.1 die Faust drohend hob, bat Wolf Nr.2: „Genosse Hase, bitte stimme zu! Gib deinen Widerstand auf! Willst du Rückschritt statt Fortschritt? Soll es wieder heißen: „Zwei mal zwei ist sechs?“

Oppositionellen Querdenkern riet der systemkritische Schriftsteller Stefan Heym (1913–2001) in seinem Parabelbuch „Der König David Bericht“ indirekt dazu, lieber zu schweigen, den Mund zu halten, genauer gesagt zur Diskretion, um in der Diktatur überleben zu können: „Diskretion ist Wahrheit, gezügelt durch Weisheit.“ Doch eine wachsende, wenn auch kaum organisierte DDR-Opposition machte sich von derart weiser Diskretion frei.

War nicht so gemeint?

1989 gingen hunderttausende DDR-Bürger mit der Parole „Gegen Wahrheitsmonopol der SED“ auf die Straße. Die Lüge als Herrschaftssystem wurde auch bei den – verlogen Bruderstaaten genannten – Nachbarn im gesamten kommunistischen Machtbereich besiegt.

Doch inzwischen hat sich die Lüge – völlig ungeniert – als offizielle Botschaft in einigen Ländern von ihrer Niederlage vor dreißig Jahren wieder erholt. Dem diabolisch-genialen Trick, alle Art von unliebsamer Kritik zu „Fake-News“ zu erklären, ist mit Argumenten schwer beizukommen. Ungezählte erliegen der Verlockung politischer Wunschkonzerte und Verschwörungstheorien. Eine deutsche Partei agitiert immer wieder mit halb-wahren Parolen, widerwärtigen Verharmlosungen der Nazi-Diktatur, und sagt Kritikern: „Das wurde falsch verstanden, war nicht so gemeint.“ Doch die Lüge, die in der halben Wahrheit steckt, wirkt wie ein Virus weiter. Dagegen steht heute immerhin die an der Realität orientierte Gegenöffentlichkeit, doch sie wird – auch von dieser Partei – dreist als Lügenpresse beschimpft.

Machthaber unserer Zeit nutzen die Erfahrung, dass Menschen vor der nüchternen Wahrheit häufig mehr Angst haben als vor einer gefälligen Lüge. Gegen sichtbare Tatsachen erfand die Lüge „alternative Fakten“. Das ist in der freien Welt von heute die Übersetzung für das, was unter Kommunisten „objektive Wahrheit“ hieß. Die heutigen Populisten im Westen, die mit Angstparolen oder grotesker Lüge per Twitter herrschen, werden sich eines Tages auch noch als großartige Demokraten feiern lassen, wenn sie ihren Gegnern, den Verbreitern der Wahrheit, huldvoll Amnestie gewähren.

Niemand wird gezwungen, den Sprücheklopfern und Hasspredigern zu folgen. Jeder sollte darauf achten, dass er „in der Wahrheit leben“ kann. Denn nur „die Wahrheit wird ihn frei machen“. 1989 hat die Wahrheit Grenzen gesprengt.

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