KirchenrechtWann lernt die Kirche endlich von der Demokratie?

Jahrhundertelang konnten Politik und Gesellschaft vom Christentum lernen. Nun ist es dringend an der Zeit, dass die Kirche sich die Demokratie zum Vorbild nimmt.

Endlich packt ein Fachmann den Stier bei den Hörnern: die „massive Legitimationskrise“ der katholischen Kirche. Daniel Bogner, der in Freiburg im Üechtland Moraltheologie lehrt, sagt es in aller Klarheit und Deutlichkeit: „Die Zuordnung der kirchlichen Institution und ihrer Mitglieder ist schwer gestört.“ Das „Hintergrundvertrauen“ der Gläubigen ist nicht mehr vorhanden. Das liegt nicht zuerst am bösen Willen oder am Versagen Einzelner, sondern ist systemisch und hat zentral mit Kirchenstruktur und Kirchenrecht zu tun. „Verfasst nach dem Modell einer absolutistischen Monarchie, inszeniert nach den Gepflogenheiten einer ständischen Gesellschaft und geschmückt mit Zutaten aus dem bunten Kosmos des höfischen Rituals tritt die Kirche heute auf wie aus einer anderen Zeitrechnung.“

In dieser geschlossenen Welt fehlt eine wirkliche „Kultur der Mitgliederpartizipation“, besonders schmerzlich spürbar in der Frauenfrage. Selbst engagierte Katholiken und Katholikinnen haben das Gefühl, dass all ihre Bemühungen „ins Leere laufen“, weil man „oben“ nicht will und weil „eine im 19. Jahrhundert vorherrschende Interpretation der mittelalterlichen Theologie“ zur normativen Tradition für alle Zeiten erhoben wurde. Das geltende Kirchenrecht – unter Johannes Paul II. in deutlicher Spannung zum Konzil durchgesetzt – „definiert mit schneidender Klarheit Oben und Unten, Klerus und Laien, Herrschaft und Gefolgschaft“.

Daniel Bogner weiß, wovon er schreibt, und das ebenso liebevoll wie schonungslos. Als Kenner von Sozialethik, Kulturphilosophie und Menschenrechtsfragen analysiert er „mit der nüchternen Brille der Sozialtheorie“. Der Vater von vier Kindern sorgt sich, dass das schleichende Versickern von Kirche immer weitergeht – und das mit verhängnisvollen Folgen für Einzelne und Gesellschaft. Seine „Streitschrift“, sehr gut zu lesen und mit einer Fülle von Beispielen, stellt nicht nur unerbittliche Diagnosen, sie zeigt auch Veränderungsperspektiven und regt zu konkreten Schritten an. Wie früher Gesellschaft und Staat in Sachen Demokratie viel vom Christlichen gelernt hätten, so habe die Kirche heute von der Demokratie zu lernen: eine neue Rechtskultur mit Gewaltenteilung, wirkliche Partizipation aller Kirchenmitglieder im Sinne des gemeinsamen Priestertums und eine genauere wechselseitige Verhältnisbestimmung von Amt und Charisma, durchaus mit wirksamen wechselseitigen Kontrollmechanismen und transparenten Handlungsabläufen. Die übliche Verschiebungsstrategie jedenfalls, das „Eigentliche“ von der „bloßen“ Kirchenstruktur, das Evangelium vom System abzuspalten, genüge keinesfalls mehr. In jeweils beidem brauche es eine radikale Reformanstrengung, ja eine Revolution – vergleichbar etwa mit der Arbeit am Grundgesetz Deutschlands nach dem Krieg.

Schon der Titel, der Aufschrei einer engagierten Katholikin in einer Fernsehsendung, lässt die nüchterne und ernüchternde Leidenschaft ahnen, mit der Bogner das Panorama kirchlicher Schmerzpunkte fachgerecht analysiert. Dabei ist in jeder Zeile christliche Mitverantwortung spürbar, auch schärfste Formulierungen leben aus tiefster Glaubensüberzeugung. Weder Resignation noch Verbitterung führen dem Autor die Feder, aber auch nicht spiritualisierendes Verharmlosen oder „frommes“ Beschönigen der „lähmenden Gesamtsituation“.

Was seit Jahrzehnten von dann meistens zensierten Theologinnen und Theologen, von dann meistens geächteten Priester- und Reformgruppen und im Gemurmel an der Kirchenbasis jenseits des „Ordinariatskatholizismus“ schon angesprochen wurde und zudem ganz im Sinne des franziskanischen Reformwillens des jetzigen Papstes ist, wird hier ebenso gründlich wie befreiend zum Thema gemacht. Das schmale Buch ist eine programmatische Skizze, die es in sich hat und dringend zu Diskussionen und Veränderungsschritten auffordert. Sie kommt gerade recht, wo man sich in der katholischen Kirchenleitung Deutschlands zu einem „synodalen Weg“ entschlossen hat. Denn bei dem scheint es noch vollkommen offen, ob er bloß Teil der hier genannten Probleme bleibt oder wirklich das schafft, was kirchlich doch im Zentrum steht: Wandlung.

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Bogner, Daniel

Ihr macht uns die Kirche kaputt …… doch wir lassen das nicht zu

Verlag Herder, Freiburg 2019, 160 S., 16 €

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