Rettung einer Kirche in TschechienDer Geist einer Kirche

Wer sich in die Kirche Sankt Georg im tschechischen Luková begibt, wird überrascht sein: In den Bänken sitzen keine Gläubigen, sondern „Geister“. Mit einer Kunstinstallation wollen Christen auf den bedrohten Zustand ihrer Sakralbauten aufmerksam machen.

Seitdem der Künstler Jakub Hadrava in der Georgskirche von Luková seine stummen Vermummten installiert hat, kommen wieder Beterinnen ins Gotteshaus.
Seitdem der Künstler Jakub Hadrava in der Georgskirche von Luková seine stummen Vermummten installiert hat, kommen wieder Beterinnen ins Gotteshaus.© Foto: KNA-Bild

Die Sankt-Georgs-Kirche im westböhmischen Dorf Luková war lange kein Bethaus: „Während einer Trauerfeier 1968 ist das Dach eingebrochen. Seitdem war die Kirche verschlossen, und kein Gottesdienst ist darin mehr gefeiert worden“, erzählt Petr Koukl beim Aufschließen. Ganz leer ist sie dennoch nicht. In den Bänken sitzen oder stehen weiße Gestalten. Die Kapuzen ihrer Gewänder verbergen das Antlitz. Bei näherem Betrachten klafft ein schwarzes Loch, wo ein Gesicht sein müsste. Geisterhaft wirken diese Kirchenbesucher.

Petr Koukl, der ehrenamtlich die Schlüssel zur Kirche bewahrt, kann sich nach jeder schreckhaften Reaktion der Besucher ein Schmunzeln nicht verkneifen. Eine Kunstinstallation eines Bildhauerstudenten sei das, klärt Koukl auf. „Die Idee war es, die Aufmerksamkeit von Besuchern auf die Kirche und ihren schlechten Zustand zu lenken.“

Schlüsselbewahrer Koukl
Schlüsselbewahrer Koukl© Foto: KNA-Bild

„Meister der Geister“ lautet der Schriftzug auf Koukls Pullover, den er von Touristen aus Bayern bekommen hat, die ihn mit einem ironischen Fingerzeig erfreuen wollten. Längst ist die Siedlung mit rund einem Dutzend Häusern auf halbem Weg zwischen Pilsen (Plzeň) und Marienbad (Márianské Lázně) zu einem kleinen Publikumsmagneten geworden, den jedes Jahr rund 3000 Interessierte aufsuchen. Zur Popularität beigetragen hat auch der Kulturhauptstadttitel, den Pilsen 2015 getragen hat. Denn die „Geisterkirche“ – so ihr Name im Volksmund – war mit der Kunstinstallation Teil des offiziellen Programms.

„Luková ist ein typisches Dorf im Sudetenland und steht für die Probleme der Region“, sagt Klara Salzmann. Als Landschaftsarchitektin interessiert sie weniger die Geschichte der einst von Deutschen bewohnten Gegend als vielmehr die kulturelle Landschaft, die sie mit Landart-Projekten wie in Luková ins Zentrum der Aufmerksamkeit rücken will. Viele der Dörfer seien seit der Flucht und Vertreibung der Deutschen verlassen, die Kirchen verschlossen und verfallen. Dieses Schicksal teilte bis vor kurzem auch Sankt Georg.

Ein bedauernswerter Zustand
Ein bedauernswerter Zustand© Foto: KNA-Bild

Nicht nur die Politik treibt die Frage um, wie die ehemals deutschen Häuser und Kirchen in der Region gerettet werden können. Die „Geisterkirche“ ist dabei nur ein Beispiel, wie die Dörfer im Sudetenland, die in der Zeit der kommunistischen Tschechoslowakei wegen ihrer deutschen Geschichte oft bewusst verkommen sind, bewahrt und wieder attraktiv werden können. Künstler, Landschaftsarchitekten und Schnitzer stellen etwa jährlich während eines deutsch-tschechischen Festivals in Königsmühle in Nordböhmen die bewegten Schicksale der ehemaligen Bewohner in den Vordergrund, indem die alte Bausubstanz der Dörfer in die Kunstprojekte einbezogen wird.

„Vor dem Krieg lebten in Luková mehr als hundert Bewohner. Heute sind wir fünf“, erklärt Petr Koukl. Nicht eingerechnet die Wochenendbesucher aus Prag, denn die meisten Häuser in Luková und im Sudetenland sind heute sogenannte Datschen, also Wochenendhäuschen von Stadtbewohnern. Diese Gäste interessieren sich selten für die kulturelle Landschaft und die Kirchen, beobachtet Klara Salzmann.

Landschaftsarchitektin Salzmann
Landschaftsarchitektin Salzmann© Foto: KNA-Bild

Dass von den 800 Dorfkirchen in der Region Pilsen rund 200 verlassen sind, liege nicht nur daran, dass Tschechien als eines der säkularsten Länder Europas gilt und nur einer von zehn Tschechen überhaupt einer Glaubensgemeinschaft angehört, glaubt die Landschaftsarchitektin. „Die Tschechen identifizieren sich selten mit den alten Dörfern, in denen früher Deutsche gelebt haben.“

Genau hier setzen Landart-Projekte wie die „Geisterkirche“ von Luková an. Auf den ersten Blick wirkt die Installation des Künstlers Jakub Hadrava (geboren 1985) gruselig. Doch die Absicht Hadravas war es nicht, Menschen zu verschrecken, wie er in einem seiner Zeitungsinterviews erklärt hat. Bevor er sich an die Arbeit machte, setzte eine intensive Beschäftigung mit der schon im 14. Jahrhundert erbauten Kirche ein und natürlich mit der Region. „Die Figuren stellen die Geister der Sudetendeutschen dar, die vor dem Zweiten Weltkrieg in Luková lebten und jeden Sonntag zum Beten in diese Kirche kamen“, erklärt der Künstler. Das Werk solle zeigen, dass dieser Ort eine spirituelle Vergangenheit habe und ein Teil des alltäglichen Lebens war. Anfangs waren es nur neun Skulpturen aus Gips. Nach und nach kamen immer mehr dazu, inzwischen sind es 32, die der Kirche ihren eigenwilligen Charakter verleihen. Inzwischen hat auch die örtliche katholische Gemeinde wieder begonnen, dort Eucharistie zu feiern, allerdings nur im Sommer und vor dem Gebäude auf einer Wiese. Verstärkt wird die schaurige Stimmung inwendig durch die verfallene Kirche und die ausgestellten kleinen Bildchen, wie sie früher auf Gräbern angebracht wurden, sowie durch Grabtafeln aus deutscher Zeit. Neben der Kirche befinden sich auf dem umliegenden Friedhof weitere Gräber mit Inschriften in deutscher Sprache. Alle stammen aus der Zeit vor 1945.

Die Kunstinstallation erfüllt aber nicht nur den Zweck eines Gedenkraums für die alten Dorfbewohner. Ein wenig geht es auch ums Geschäft, gibt Petr Koukl zu. „Mit dem Geld, das die Besucher dalassen, wollen wir die Kirche renovieren“, sagt der Schlüsselwärter. Tatsächlich wird das Spendenaufkommen auf der Internetseite aufgeführt. Allein 2016 spendeten die 2860 Besucher rund 115000 Kronen, umgerechnet 4500 Euro. Für tschechische Verhältnisse eine nicht geringe Summe.

Im Sommer kommen reichlich Interessierte, die die Kirche mit ihren stummen „Bewohnern“ sehen möchten.
Im Sommer kommen reichlich Interessierte, die die Kirche mit ihren stummen „Bewohnern“ sehen möchten.© Foto: KNA-Bild

Seitdem die Geisterfiguren in die Kirche eingezogen sind, sind drei Jahre vergangen. Ganz offensichtlich hatte die ungewöhnliche Kunstinstallation Erfolg: Wie das tschechische Onlineportal „Atlas Obscura“ berichtete, sind so viele Spenden von Besuchern aus aller Welt zusammengekommen, dass das Dach der Kirche repariert und das Gebäude insgesamt stabilisiert werden konnte. Die Eucharistiefeiern der kleinen katholischen Gemeinde müssen daher nicht mehr im Freien abgehalten werden. Auf einem der Kirchenpfeiler ist ein Wort aus dem Lukasevangelium zu lesen: „Mein Haus soll ein Haus des Gebetes sein“ (19,46). Nun findet man wieder Gottesdienstbesucher und Beter, die auf den Bänken im Inneren, neben und zwischen den „Geistern“, Platz finden. Man hat entschieden, dass die Statuen vorerst bleiben dürfen.

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