FernsehenWas läuft denn da?

Das Fernsehen ist bei Kindern ein beliebtes Medium und bei Eltern nicht zuletzt während der Corona-bedingten Einschränkungen ein willkommenes Mittel zur Beschäftigung. Was aber gucken die da überhaupt?

Was läuft denn da?
Kinder brauchen beim Fernsehen eine zeitliche Begrenzung © Daniela Kohl

Es geht früh los. Der Kinderkanal KiKa von ARD und ZDF startet sein Programm morgens um 6 Uhr. Dann sind seine Muttersender manchmal schon ein paar Minuten auf Sendung und auch die Privaten zeigen längst Unterhaltung für das jüngste Publikum. In den jeweiligen Online-Mediatheken und bei Streamingdiensten gibt es diese natürlich rund um Uhr. Wegen der Kita- und Schulschließungen im Frühjahr wurde das Angebot angepasst und erweitert; es ist groß – und unübersichtlich. Eine erste Orientierung für Eltern, wenn es um das traditionelle Fernsehen geht: Handelt es sich um einen öffentlich- rechtlichen oder einen privaten Sender? „Beim öffentlich-rechtlichen Fernsehen kann man erst einmal davon ausgehen, dass das Wohl des Kindes im Mittelpunkt steht. Das ist seine Aufgabe, dafür bezahlen wir alle, und es ist keine Werbung dabei“, erläutert Dr. Maya Götz, Medienwissenschaftlerin und -pädagogin. Die privaten Sender täten dies durchaus auch, verfolgten dabei aber eher kommerzielle Interessen, weil sie sich durch Werbung finanzieren.
So wurde die bei Kindern im Vorschulalter derzeit beliebte Computeranimationsserie PAW Patrol rund um das entsprechende Spielzeug konzipiert. Deswegen muss die Serie nicht zwangsläufig schlecht sein. Der zehnjährige Ryder und sein Team von Hunden stehen für individuelle Fähigkeiten, Zusammenhalt und Hilfsbereitschaft; Werte also, die Eltern ihren Kindern vermitteln möchten, und Themen, die Kinder in diesem Alter interessieren. Letzten Endes liegt die Funktion der Serie jedoch in der Vermarktung der Produkte, jede Folge ist quasi ein etwa 20-minütiger Werbespot, der von weiterer Werbung unterbrochen wird.
Das Interesse der Kinder ist ein wesentliches Kriterium für die Auswahl des Programms. „Zum einen gilt: Macht es dem Kind Spaß? Zum anderen: fängt es an, inhaltlich darüber nachzudenken, weil noch andere Ebenen darunterliegen?“, sagt Maya Götz. Sie rät Eltern, bei der Auswahl auf Vielfalt zu achten. „Man sollte dem Kind die Kompetenz zutrauen, selbst zu wissen, was ihm guttut und Spaß macht. Aber ich muss natürlich auch ein bisschen schauen, dass ich eine Bandbreite anbiete. Das ist für die Geschmacksbildung ganz wichtig.“ Hier könne man mit dem Kind verhandeln und sagen „Okay, ich finde jetzt diese Bastelsendung schön, die gucken wir uns an, und danach kannst du noch eine Folge PAW Patrol schauen.“

Zeitlos gut?

 Neben der Vielzahl an neuen Formaten laufen nach wie vor auch Sendungen, die manche Eltern noch aus der eigenen Kindheit kennen. Aus heutiger Sicht wirkt da einiges befremdlich. So sitzt Meister Eder immer wieder mitten am Tag beim Bier in der Wirtschaft, während sein Pumuckl etwas anstellt. Frauen putzen, weil sie das besser können als Männer, und ein bisschen grob und unfreundlich ist der Eder ja auch manchmal. Darf man Kindern so etwas heute noch zeigen? „Kinder gucken immer mit einem Kinderblick. Sie nehmen sich nur das mit, was sie interessiert, was mit ihnen direkt zu tun hat, und vieles andere wird komplett vergessen. Das Zentrale ist für sie hier der Pumuckl. Der überschreitet Grenzen, ist frech und als Figur einfach fantastisch“, erklärt Götz. Weil er es eben nie böse meint und es trotzdem passiert, fänden sich hier viele Jungen und Mädchen wieder. Ebenso erinnere sie das ruppige Verhalten Meister Eders an ihre eigenen Erfahrungen: Auch Mama und Papa können mal laut oder grob sein, aber sie haben mich trotzdem lieb und beschützen mich – egal, was ich mache. Auch der häufige Gang in die Kneipe mag durchaus die Lebenswelt der Kinder spiegeln. „Wir würden das heute anders erzählen, da würde niemand mehr trinken. Aber, das müssen wir zugeben, es gibt auch heute noch Eltern, die rauchen und trinken. Und für manche Kinder ist das eben doch dichter an der Realität, als wir das pädagogisch gerne hätten“, sagt die Medienwissenschaftlerin.

kizz Interview

„Gerade jetzt braucht es eine Vielfältigkeit“

kizz sprach mit Dr. Maya Götz, Medienwissenschaftlerin, Medienpädagogin und Leiterin des Internationalen Zentralinstituts für das Jugend- und Bildungsfernsehen IZI

Wegen der Corona-bedingten Einschränkungen sitzen Kinder öfter vor dem Fernseher. Ist das schlimm?

Das lässt sich nicht vermeiden. Es ist ja grundsätzlich so, dass Kinder nicht mehr einfach rausgehen und spielen können. Meistens müssen sie aus Sicherheitsgründen zu Hause bleiben. Das, was sie dort tun können, ist einfach begrenzt. Dann ist das Fernsehen ein schöner Geschichtenerzähler, der eben gerade in dieser speziellen Situation für Eltern auch einfach eine Entlastung bietet. Es wird die große Herausforderung sein, den Medienkonsum nach Corona wieder auf ein geregeltes Maß zu bekommen.

Welche Regeln gelten jetzt, wie lange sollten Kinder maximal fernsehen dürfen?

Die Grenzen haben sich mittlerweile alle aufgelöst. Jetzt muss man einfach auch sehen, was ist für Eltern zumutbar, was schaffen sie, was bringen sie in ihrem Alltag unter. Eine halbe Stunde als absolutes Maximum ist unrealistisch. Trotzdem sollte man eine zeitliche Begrenzung festlegen und vor allem das Kind dabei beobachten, wie es das Gesehene miterlebt. Wenn Kinder ganz stark emotional mitgehen, sollte man lieber andere Medien suchen, bei denen das Visuelle nicht so im Vordergrund steht, etwa Hörspiele. Insgesamt ist es wichtig sich klarzumachen, dass fernsehen ein emotional sehr anstrengender Prozess ist. Das Gehirn arbeitet ganz viel mit und die Kinder brauchen irgendwann einfach eine Pause. Wenn sie unleidlich oder knatschig werden, dann sind sie komplett überfordert und man muss beim nächsten Mal früher Schluss machen.

Worauf sollten Eltern noch achten?

Vorschulkinder sollten Vorschulprogramm gucken und keins für ältere Kinder. Denn sie sind entwicklungspsychologisch auf einem anderen Stand, gehen anders mit den Figuren mit und sind sehr sensibel, was die emotionale Überforderung angeht. Auch denken sie sehr konkret und können unterschiedliche Handlungsstränge nicht auseinanderhalten. Geschichten für Kinder im Vorschulalter haben im Normalfall nur einen Handlungsstrang oder zwei, die gut zu verarbeiten sind.
Außerdem ist Vielfalt wichtig. Wenn es irgendwie geht, sollte das Kind auch mal so etwas wie eine Dokumentation gesehen haben, sollte auch mal eine Wissenssendung kennenlernen, verschiedenste Realverfi lmungen, Zeichentrick, 2-D und 3-D, also so ein bisschen von allem, was es gibt. Das ist für die Geschmacksbildung und die ästhetische Erziehung ganz wichtig.

Viele Sendungen werden auch auf Streamingportalen angeboten.

Zum einen sind diese Dienste unglaublich verführerisch und bringen einen großen Reichtum mit sich mit ihren Geschichten und Formaten, die wir sonst gar nicht bekommen hätten. Zum anderen haben wir im vergangenen Jahr in einer Studie herausgefunden, dass 80 Prozent der befragten Sechs- bis Neunjährigen binge watchen. Sie schauen also mehr als zwei Episoden und beschreiben zum Teil auch Abhängigkeitsstrukturen und soziale Folgen, etwa, dass andere davon genervt sind. Den Kindern fällt es schwer aufzuhören, weil die nächste Folge immer sofort beginnt. Es ist auch so, dass zwar die gleichen Serien im Fernsehen und beim Streamingportal laufen, die Episoden aber anders bearbeitet sind. Während die Fernsehsender bewusst die Texte bearbeiten und überfordernde Szenen herausnehmen, ist das beim Onlinedienst nicht der Fall. Auch fehlt hier die Bandbreite, nach Wissenssendungen zum Beispiel muss man sehr lange suchen. Kinder brauchen aber Vielfältigkeit. Gerade jetzt in diesen Zeiten, wenn sie so viel gucken, müssen sie immer wieder auch Verschiedenes angeboten bekommen.  

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