Wie Kinder träumenIm Schlaf fürs Leben lernen

Das Hirn schläft nie. Auch Kinder träumen in der Nacht, Fliegen über Berge oder Fliehen vor gruseligen Monstern. Worin unterscheiden sich Kinderträume von denen ihrer Eltern? Und was können die tun, wenn die Kleinen unter Albträumen leiden?

Im Schlaf fürs Leben lernen
Ein Traum ist ein Tor zur inneren Welt des Kindes © Anna Grigorjeva - iStock

Helen Kaufmanns Kinder sind sieben, fünf und drei Jahre alt. Die kleine Lea erzählt vom Schmusetuch- Häschen, das im Traum lebendig wird. Der Mittlere, Ben, wacht regelmäßig zwei Stunden nach dem Einschlafen auf, weint untröstlich und taumelt durchs Zimmer. Dann ist da noch Kira, die Große. Sie hat Angst vor einem wiederkehrenden Albtraum, in dem ein Riesenmonster in ihrem Kleiderschrank sitzt und sie aus Feueraugen beobachtet. Die Mutter sorgt sich: Geht es den Kindern nicht gut? Was belastet sie?

Träumen Kinder anders?

Helen Kaufmanns Sorgen sind verständlich, aber unnötig. Dafür muss man aber erst einmal verstehen, wie Kinder überhaupt träumen. Bei Kindern (und Erwachsenen) werden im Schlaf die Informationen des Tages verarbeitet und vom Kurzzeit- ins Langzeitgedächtnis übertragen. Allerdings träumen Kinder etwas mehr, schließlich schlafen sie auch mehr und länger am Stück. Die Dichte an schlimmen, bizarren oder bildreichen Träumen ist auch bei ihnen in der zweiten Nachthälfte am höchsten – im Tiefschlaf, in der so genannten REM-Schlafphase (Rapid Eye Movement). Schlafforscher gehen davon aus, dass Träume etwas mit der Verarbeitung des Erlebten und unserer Gefühle zu tun haben. Sie haben also eine entlastende und reinigende Funktion.

Träume spiegeln Alltag wider

Kinderträume sind fantasievoll und bilden wie bei Erwachsenen Alltagserlebnisse in Metaphern und Bildern ab. Träume von Drei- bis Fünfjährigen sind eher bruchstückhaft und statisch, haben oft keine richtige Handlung. Das Kind beobachtet die Traumszenen meist passiv. Das fand der amerikanische Psychologe David Foulkes in einer mehrjährigen Studie heraus. Wenn Kindergartenkinder träumen, können sie meist noch nicht zwischen Traum und Wirklichkeit unterscheiden. Sie erleben das Träumen als real – das ist auch bei Erwachsenen der Fall. Erst im Alter von fünf bis sechs Jahren folgt nach dem Aufwachen die Erkenntnis, dass es ein Traum war. Kinder verarbeiten in Träumen das, was sie täglich erleben, und bewältigen damit auch ihre Ängste und Sorgen. So hat der Traumforscher und Psychologe Michael Schredl herausgefunden, dass Kinder häufig von Familienmitgliedern oder bekannten Personen träumen. Im Ranking kindlicher Traumbilder sind außerdem Tiere ganz oben gelistet – vor allem Katzen, Hunde, Löwen und Affen. Für den Leiter des Schlaflabors des Mannheimer Zentralinstituts für seelische Gesundheit ist die Erklärung einfach: Kinder beschäftigen sich in Spielen und Medien viel mit Tieren oder in der Familie lebt sogar ein Haustier. Die Tiere im Traum sind die Stellvertreter der Gefühle: Das Weglaufen vor einem Löwen steht für die Angst oder das Spiel mit einer Katze für den Wunsch nach Nähe.

Im Albtraum fürs Leben üben

Vom Traum mit einem Kätzchen bis zum Albtraum, in dem ein Tiger das Kind verfolgt, ist es nur ein kleiner Schritt. „Dass Kinder Albträume haben und darunter auch gruselige, ist normal“, sagt Professor Michael Schredl. Studien zeigen aber, dass Kinder mehr Albträume haben als Erwachsene, der Höhepunkt liegt bei Kindern im Alter von sechs bis zehn Jahren. Die Erklärung: Kinder lernen erst im Laufe ihrer Entwicklung, Gefühle zu regulieren und Techniken der Angstbewältigung anzuwenden. Wacht ein Kind aus dem Traum auf, weint oder ruft nach den Eltern, geht es darum, ihm Geborgenheit und Sicherheit zu vermitteln. Erst wenn sich die Angst gelegt hat, kann das Kind wieder einschlafen. „Beruhigendes Zureden, vielleicht ein leises Lied singen, sorgen für eine angenehme Atmosphäre, die wohliges Zurückfallen erlaubt“, erklärt der Kinder- und Jugendpsychotherapeut Hans Hopf in seinem Buch Kinderträume verstehen. Statt die Angst mit Sätzen wie „Das war nur ein Traum“ kleinzureden, hilft eher ein Realitätscheck mit pragmatischem Blick in den Schrank, wo sich das Monster aus dem Traum versteckt hat. Am nächsten Tag können Eltern dann mit ihrem Kind über den Traum sprechen. Das alleine kann dem Kind schon helfen, seinen Albtraum nicht mehr als so belastend zu empfinden. Wie auch entspannte Abendrituale viel dazu beitragen, dass die Albtraumdichte abnimmt. „Die Neigung zu schlimmen Träumen liegt aber auch in den Genen und der Persönlichkeit“, sagt Michael Schredl. „Sensible und kreative Kinder träumen eher schlecht als andere.“

Gutes Mittel gegen schlechte Träume

Hat ein Kind einmal pro Woche oder öfter Albträume, unter denen sein Schlaf und das Tagesbefinden leiden, spricht man von einer Albtraumstörung. Dann können Eltern die einfach anzuwendende Imagery Rehearsal Therapy versuchen, bei der das „Albtraumdrehbuch“ so umgeschrieben wird, dass der Traum seinen Horror verliert. Und das geht so: Das Kind malt am Tag nach einem Albtraum ein Bild einer besonders gruseligen Situation und überlegt, was es gegen ein fauchendes Monster unternehmen kann. Den Einfall für ein neues Traumende zeichnet es in das Bild hinein. „Wichtig ist, dass die Idee für das neue Ende vom Kind kommt – ohne aktive Hilfe“, betont Traumforscher Schredl. Das fördert den Verarbeitungsprozess. Zudem sollte sich das Kind nicht passiv aus der Situation retten, indem es sich versteckt oder wegrennt, sondern aktiv werden und eigene Kräfte mobilisieren. Eltern und Kind schauen sich die Zeichnung zwei Wochen lang jeden Tag fünf bis zehn Minuten lang an, sprechen über die neue Lösung und üben das Verhalten damit ein. Das verspricht Erfolg: Meist träumen die Kinder schon nach kurzer Zeit das neue Ende mit, wenn der Albtraum wiederkehrt. Die Kinder lernen dabei, die Angst mithilfe ihrer Vorstellungskraft zu bewältigen. Das ist auch eine gute Übung bei Ängsten im Alltag. Bleiben die Albträume, sollten Eltern den Kinderarzt um Rat zu fragen.

Ach du (Nacht-)Schreck!

Kennen Sie das? Ihr Kind wacht plötzlich aus dem Schlaf auf, schreit, schweißnass vor Angst, die Augen weit aufgerissen. Dazu reagiert es weder auf beruhigende Worte noch Berührungen. Der nächtliche Aufruhr hat einen Namen: Nachtschreck oder Pavor nocturnus. Die genauen Ursachen der Schlafstörung sind nicht bekannt. Man weiß aber, dass bis zu 15 Prozent aller Kinder zwischen dem dritten und siebten Lebensjahr irgendwann einmal darunter leiden. Danach sind das kindliche Gehirn und Nervensystem so weit entwickelt, dass der Nachtschreck von selbst aufhört. Charakteristisch tritt der Nachtschreck vor allem in der ersten Nachthälfte auf – meist schon eine Stunde nach dem Einschlafen. Schlafmediziner raten dann zu festen Abendritualen. Denn je entspannter der Schlaf ist, desto seltener kommt der Nachtschreck: eine Gute-Nacht- Geschichte lesen, gemeinsam kuscheln und erzählen. So beruhigen Eltern ihr Kind und erleichtern ihm das Einschlafen. Kommt es trotzdem zum Nachtschreck, sollten sie am besten ruhig mit ihrem Kind sprechen und versuchen, es sanft zurück ins Bett zu begleiten. Vielen Kindern hilft ein Nachtlicht, damit sie sich beim Aufwachen besser orientieren können.

Träume sind das Tor zur inneren Welt

Träume sind mehr als nur nächtliche Spielereien unseres Hirns: Sie bieten Eltern auch die Chance, mehr über die innere Welt ihres Kindes zu erfahren und darüber ins Gespräch zu kommen. Wenn sich Väter und Mütter interessiert daran zeigen, was das Kind im Traum erlebt, bestärken sie es, seinen Gefühlen zu vertrauen und von ihnen zu erzählen. Helen Kaufmann hat beim Wochenendfrühstück eine Traumschau eingeführt: Der Reihe nach darf jeder von seinem schönsten oder schlimmsten Traum erzählen. „Wir lachen dann viel zusammen oder trösten einander. Das verbindet uns und gibt den Kindern Mut, auch über unschöne Erfahrungen zu sprechen“, sagt die dreifache Mutter. 

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