Partizipation in der KitaDie Kinder bestimmen

Für Demokratie ist es nie zu früh. Kinder haben ein Recht darauf, den Alltag aktiv mitzubestimmen. In der AWO-Kita Lotte Lemke in Halstenbek gibt es deshalb sogar eine Verfassung samt Kinderrat

Die Kinder bestimmen
Mehrheitliche Beschlüsse zu fassen gehört in der Kita Lotte Lemke zum Alltag der Kinder © Frank Wolter

Das Problem brennt den Gruppensprechern des Kinderrates sichtlich unter den Nägeln. Die Fotos auf der Bildertafel müssen dringend erneuert werden. Einige Räume der Kita sehen inzwischen ganz anders aus, manche Fotos sind kaputt. Kein Wunder, immerhin gehen sie täglich durch viele Kinderhände. Die Bildertafel im Kindercafé spielt schließlich eine entscheidende Rolle im Alltag der AWO-Kita Lotte Lemke im schleswig-holsteinischen Halstenbek. Alles, was in der täglichen Projektzeit angeboten wird, können die Kinder dort auf Karten mit Fotos sehen und dann selbst entscheiden, was sie heute unternehmen wollen: der Vorlese-Oma zuhören, im Bewegungsraum toben oder doch lieber rausgehen und beim Fahrzeug-Projekt mitmachen. Etwas so Wichtiges muss auch gut aussehen, so der Konsens im Kinderrat. Also packen es die zehn Gruppensprecher an: Konzentriert schneiden sie die selbst aufgenommen Fotos aus, kleben sie auf Dreiecke, bedienen das Laminiergerät. Die Zeit drängt. Um 12.30 Uhr ist die wöchentliche Sitzung des Kinderrates vorbei und nach dem Mittagessen sollen die Ergebnisse schon in der Kita-Vollversammlung vorgestellt werden. Es ist so leise, dass Erzieherin Dilek Hagemann halb verwundert, halb stolz beteuert, dass es nicht am Journalistenbesuch liege und einige der Kinder sonst ziemliche Rabauken seien. „Vielleicht liegt es einfach daran, dass sie selbst nicht nur auf das Problem, sondern auch auf die passende Lösung gestoßen sind“, sagt die Pädagogin.

Partizipation ist im Trend

Den Alltag aktiv mitgestalten, den eigenen Interessen folgen, dabei ernst genommen werden – all das gehört in der Kita im Hamburger Speckgürtel zum pädagogischen Konzept. Damit ist sie sicherlich nicht allein. Viele Kindertagesstätten in Deutschland legen großen Wert auf eine Pädagogik auf Augenhöhe und auf das Mitbestimmungsrecht der Kinder. Die Arbeiterwohlfahrt in Schleswig-Holstein ging als Träger jedoch noch einen Schritt weiter. Alle 62 AWO-Kindertagesstätten im Norden wurden oder werden im Moment als Demokratie-Kitas zertifi ziert. Dafür müssen sie zum Beispiel nachweisen, dass die Kinderrechte fest im Alltag verankert sind, es ein verbindliches Beschwerderecht für alle Kinder gibt oder eine eigene Verfassung mit den Kindern erarbeitet wurde. In der Kita Lotte Lemke ist die Verfassung an einer Wand im Eingangsbereich für alle sichtbar aufgehängt. Sie umfasst die Entscheidungsgremien, das Mitspracherecht und die Grundsätze des täglichen Miteinanders, aber auch die Grenzen der kindlichen Mitbestimmung. Für jeden Punkt gibt es ein eigenes Bild. Für die Fachkräfte gibt es zusätzlich ein Handbuch, das die Regeln und ihre Konsequenzen für das pädagogische Handeln genau erklärt.

Mitbestimmung ist ein Kinderrecht

Wer sich die Verfassung ansieht, stellt schnell fest: Die Demokratie für die Kleinsten umfasst weit als mehr Abstimmungen im Kinderrat oder die Wahl von Gruppenvertretern. Sie betrifft alle Aspekte des Kita-Alltags. Aus gutem Grund, wie Raingard Knauer, Professorin für Bildung und Erziehung im Kindesalter an der Fachhochschule Kiel, erklärt: „Das Mitspracherecht für Kinder ist Teil der UN-Kinderrechtskonvention. Es geht darum, die Kinder an der Gestaltung des Alltags teilhaben zu lassen, auf ihre persönlichen Bedürfnisse zu achten, ihre Meinung ernst zu nehmen.“ In der Kita Lotte Lemke entscheiden schon die Krippenkinder ganz selbstverständlich, welche Lieder im Mittagskreis gesungen werden. Und zwar mit Bildern und Gegenständen – ein knallgrüner Frosch steht für das Froschlied. Und mehr noch: Auch wer sie wickeln darf oder mit wem sie kuscheln oder spielen wollen, dürfen die Kinder entscheiden, egal ob in der Krippe oder in der Vorschule. Offenheit gibt es auch beim Essen und Schlafen. Zwischen 8 und 10 Uhr gibt es Frühstück im Kita-Café. In dieser Zeit dürfen die Kinder selbst bestimmen, ob und was sie essen wollen. Auch beim Mittagsschlaf gibt es keine festen Zeiten. Die Kinder dürfen schlafen, wann immer sie müde sind. Nur bei den ganz Kleinen haben die Fachkräfte noch einen stärkeren Blick auf das Schlafbedürfnis. Auch für die täglichen Ausflüge in die Natur oder die Stadt tragen sich die Kinder selbst ein – mit ihrem eigenen Foto an einer Wäscheklammer. Ein Wochenplan mit Bildern von den Ausflugszielen und den begleitenden ErzieherInnen hängt in jeder Gruppe. Die Herausforderung: Pro Tag können nur eine Handvoll Kinder mitkommen. Kompromisse gehören zu einer Demokratie.
Genau wie die Chance auf freie Meinungsäußerung: In der Lotte-Lemke- Kita gibt es für diese eine ausgeprägte Feedback-Kultur. So bewerten die Kinder nach jedem Mittagessen seinen Geschmack. Dafür hängen sie Wäscheklammern an Smileys aus Pappe – gut, mittel, schlecht. Das Ergebnis geht direkt an den Koch. Dieser besucht außerdem regelmäßig die Gruppen und fragt nach Wünschen. Und welch Wunder: Die Kinder wünschen sich auch andere Gerichte als nur Nudeln mit Tomatensoße, Pfannkuchen oder Pommes. Selbst Gemüsesuppen oder vegetarischer Auflauf stehen hoch im Kurs. Und sogar bei Personalentscheidungen dürfen die Kinder mitreden. Alle BewerberInnen müssen einen Tag zur Probe arbeiten und bekommen dabei von den Kindern Löcher in den Bauch gefragt. Vor der endgültigen Einstellung fragt die Kitaleiterin auch nach ihrer Meinung. Immerhin ist die Kita ein Teil ihrer Lebenswelt. In ihr sollen Menschen arbeiten, die die Kinder mögen.

Demokratie braucht Regeln

Ein solches Mitspracherecht, wenn auch in der UN-Kinderrechtskonvention festgelegt, ist keine Selbstverständlichkeit – weder in der Familie noch in der Kita. Im Alltag von Kindern herrscht oft eine gut gemeinte Diktatur der Großen. Wir Erwachsenen bestimmen ganz selbstverständlich, was auf den Tisch kommt, was angezogen wird oder wohin der nächste Ausflug geht. Die Bildungsforscherin Raingard Knauer rät Eltern und Fachkräften dazu, die Kinder immer wieder nach ihrem Willen zu fragen – jedenfalls dann, wenn es angemessen und möglich ist. „Nur so erfahren sie, dass Mitbestimmung Spaß macht und jeder die Möglichkeit hat, etwas zu verändern. Gleichzeitig lernen sie damit umzugehen, dass man sich manchmal der Mehrheitsmeinung beugen muss“, sagt sie. Ohnehin sei es ein Missverständnis, dass Partizipation und Pädagogik auf Augenhöhe keine Regeln kenne oder jeder Wunsch der Kinder erfüllt werde. Ganz im Gegenteil: Wie in einer „echten“ Demokratie sind auch in einer Kita-Verfassung nicht nur Rechte, sondern auch für alle geltende Pflichten festgelegt. So auch in der Kita Lotte Lemke. Hier sind Hygiene und Händewaschen genauso wenig verhandelbar wie ein friedliches und respektvolles Miteinander. Und wer sich am Morgen für ein Projekt in der Turnhalle oder im Kunstraum entschieden hat, kann nicht später nach Lust und Laune wechseln. Auch in Sachen Sicherheit haben die Großen das Sagen. Helme sind auf den Fahrzeugen Pflicht; Steckdosen und scharfe Messer sind gefährlich. „Wir geben uns trotzdem viel Mühe, die Grenzen für die Kinder transparent zu machen und zu erklären, warum wir hier keine Mitbestimmung zulassen können“, sagt Erzieherin Dilek Hagemann. Alle anderen Alltagsentscheidungen werden dagegen immer wieder bewusst hinterfragt, sowohl von den Fachkräften als auch von den Kindern.
Der ständige Aushandlungsprozess und das Verlassen alter Muster sind dabei keine Selbstläufer. „Wir arbeiten seit 2007 laufend an unserem Demokratie- Konzept. Allein an dem Handbuch für die KollegInnen haben wir über zwei Jahre gefeilt“, berichtet die stellvertretende Kitaleiterin Petra Sanow. Dazu kommen Fortbildungen und Teamsitzungen zur Umsetzung neuer Ideen. Von dem Nutzen dieser Mühen ist die Pädagogin trotzdem fest überzeugt: „Wir erleben täglich, dass die Kinder in der Lage sind, verantwortungsvolle Entscheidungen zu treffen. Je länger sie hier sind, desto mehr Verantwortung übernehmen sie und sagen offen ihre Meinung. Diese positive Rückmeldung bekommen wir auch immer wieder von den Grundschulen der Stadt.“ Manchmal tragen die Kinder ihre Meinung sogar bis in die Lokalpolitik. Im letzten Sommer bewerteten sie Spielplätze in ganz Halstenbek und stellten die Ergebnisse dem Bürgermeister vor. Ihre Fragen waren: Warum gibt es dort keine Toiletten? Sind genug Mülleimer vorhanden? Können auch die Kleinsten die Geräte nutzen? Geduldig erklärte der Stadtoberste alle Regeln und Hürden und versprach, gemeinsam mit den Kindern einen Spielplatz zu gestalten. Auf ein nächstes Treff en wartet der Kinderrat bisher noch. Wenn das Problem mit der Bildertafel gelöst ist, wollen die Gruppenvertreter noch einmal nachfragen.  

Online-Kurs zur Demokratie in Kitas

Welches Essen kommt nächste Woche auf den Tisch? Wie wollen wir Karneval feiern? Und wie wird das Spielzimmer gestaltet? Viele Alltagsfragen lassen sich mit den Kindern gemeinsam klären. Wie das geht und wie Kinder beteiligt werden können, zeigt der kostenlose Online-Kurs Mitentscheiden und Mithandeln in der Kita. Der Kurs bietet einen spannenden Lernmix aus fachlichen Konzepten, Praxishinweisen und anregenden Beispielen. Interviews mit Expertinnen und Experten erweitern die Perspektive und Animationsfilme der beliebten Bücherreihe Leon und Jelena erzählen Geschichten vom Mitbestimmen und Mitmachen aus dem Kita-Alltag. https://www.oncampus.de/weiterbildung/moocs/kita   

Mitentscheiden zu Hause

Mitbestimmung will gelernt sein, von Eltern und Kindern. Je älter die Kinder sind, desto mehr können sie selbst entscheiden. Trotzdem können Eltern auch kleinere Kinder nach ihrer Meinung fragen. Sie müssen die Entscheidungsmöglichkeiten nur manchmal durch eine Vorauswahl vereinfachen. Ein Beispiel: Bieten Sie Ihrem Kind beim Essen zwei bis drei Sorten Obst an oder lassen Sie es beim Vorlesen die Bücher auswählen. Dabei können Sie nichts „verlieren“ und Ihr Kind erlebt die Freiheit, etwas selbst auswählen zu dürfen. Natürlich birgt Mitsprache auch Konfliktpotenzial. Zum Beispiel: Ein vierjähriges Kind darf selbst seine Kleidung auswählen und besteht trotz winterlichen Temperaturen auf eine Sommerjacke. Für viele Eltern ist das ein No-Go. Wenn nun ein Machtkampf entsteht oder die Eltern das kindliche Mitspracherecht zurücknehmen, führt das zu Wut und Frust. Ein Tipp des Familientherapeuten Jesper Juul: Entscheidung respektieren und Alternativen anbieten, etwa: „Du kannst die Jacke anbehalten. Ich nehme eine dicke Jacke mit, die kannst du anziehen, wenn du frierst.“ Natürlich hat das Mitspracherecht auch Grenzen. Ob ein Kind morgens in die Kita geht oder nicht, ist wenig verhandelbar. Eltern sollten solche Grenzen klar definieren und ihrem Kind erklären, wo klare Regeln gelten und wo es mehr Spielraum gibt.

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