Motorische Entwicklung Hüpfen, Toben, Springen

Kinder verbringen immer weniger Zeit damit sich zu bewegen.

Hüpfen, toben, springen
Typisch Kind: sich bewegen und alles ausprobieren © Biddiboo - Getty Images

Immer weniger Kinder beherrschen einen Purzelbaum, können gut rennen oder einen Ball fangen – diese Meinung hört man immer wieder von Kinderärzten, Lehrern oder Eltern. Die Fakten scheinen diese weitverbreitete Wahrnehmung jedoch zu widerlegen: Das „Motorik-Modul“ (MoMo) ist die erste bundesweit repräsentative Studie, die über viele Jahre hinweg das Bewegungsverhalten von Kindern im Alter zwischen vier und 17 Jahren erfasst. In den sechs Jahren, die zwischen den ersten beiden MoMo-Untersuchungen liegen, hat sich die motorische Leistungsfähigkeit keineswegs verschlechtert. Sie zeigt vielmehr einen leicht positiven Trend, insbesondere bei Grundschulkindern.

Diese gute Nachricht bezieht sich jedoch auf einen relativ kurzen Zeitraum. Schaut man weiter zurück, stellt man fest, dass Kinder heute im Durchschnitt wesentlich weniger fit sind als ihre Eltern im gleichen Alter. Die motorischen Kompetenzen waren nämlich bereits um die Jahrtausendwende auf einem historischen Tief angekommen: Studien zufolge verloren zwischen 1980 und 2000 Mädchen wie Jungen 10 – 20 Prozent ihrer Leistungsfähigkeit, Sprungkraft und sportlichen Flexibilität.

Es fehlen Raum und Zeit für Bewegung

Noch dramatischer sind die langfristigen Veränderungen, wenn man sich anschaut, wie viel Zeit Kinder motorisch aktiv sind. In den 70er-Jahren lag die Bewegungszeit von Grundschulkindern bei drei bis vier Stunden am Tag. Im Jahr 2000 war sie auf durchschnittlich eine Stunde am Tag zusammengeschrumpft – übrigens lange, bevor die Digitalisierung im Kinderzimmer Einzug gehalten hat. In den nachfolgenden Jahrzehnten ist sie noch mehr zum Stillstand gekommen: Neueren Untersuchungen zufolge ist nur noch eines von vier Kindern und Jugendlichen täglich eine Stunde aktiv und folgt damit der Empfehlung der Weltgesundheitsorganisation (WHO). In Deutschland fordern Experten für Kinder sogar eine minimale Bewegungszeit von 90 Minuten pro Tag.

Dabei besitzen Kinder einen natürlichen Bewegungsdrang, der durch neuronale Prozesse gesteuert wird. Warum wird dieser nicht ausgelebt? Schuld daran sind – laut Experten – die technologische Entwicklung, der Medienkonsum und die Urbanisierung. Wo Kinder früher zu Fuß oder mit dem Fahrrad unterwegs sein mussten, werden sie heute mit dem Auto gefahren. Statt loszulaufen und bei Freunden an der Tür zu klingeln, wird die Verfügbarkeit heute lieber per Smartphone abgeklärt. Und welche Kinder dürfen heute noch unbeaufsichtigt auf der Straße spielen oder draußen herumrennen? Durch die Verstädterung gibt es immer weniger Orte, an denen Kinder ihre körperlichen Grenzen austesten können. Und selbst wenn ihre Eltern es erlauben, finden sie dort häufig keine anderen Kinder mehr vor. Die genießen womöglich gerade Medienzeit, wobei es für die kindliche Fitness völlig unerheblich ist, ob es sich um Fernsehen, Konsolenspiele oder das Konsumieren von YouTube-Videos handelt. Trotzdem muss man die weitverbreitete Annahme, die Mediatisierung des Kinderlebens führe zu passivem Freizeitkonsum und verdränge die Bewegungsaktivitäten, relativieren: Neuere Studien zeigen, dass nur ein extrem hoher Medienkonsum in einem Zusammenhang mit Bewegungsarmut steht. Bei allen anderen Kindern konkurrieren viele verschiedene Schul- und Freizeitaktivitäten mit Bewegungszeit. Wie viel körperliche Aktivität im Tag steckt, hängt außerdem von den Familiengewohnheiten ab, beziehungsweise von der Bereitschaft der Eltern, bewusst Zeit dafür einzuplanen. Aber auch ErzieherInnen oder LehrerInnen haben als Vorbilder einen Einfluss. Mit Beginn der Pubertät wird die Peergroup immer wichtiger, dann reduziert sich die durchschnittliche Bewegungszeit noch einmal deutlich.

Leistungsunterschiede verstärken sich

Arnd Vetters ist Lehrer-Trainer an der Main-Taunus-Schule Hofheim sowie Talentscout für die Sportart Badminton in Hessen. In dieser Funktion besucht er alle 3. Grundschulklassen der Region beim Sportunterricht. Seine Einschätzung: „Es stimmt nicht, dass die Kinder insgesamt sportlich weniger drauf haben. Aber: Die Leistungen werden heterogener.“ Auf der einen Seite gibt es Kinder, die schon früh eine sehr gute Förderung, zum Beispiel in einem Verein, erfahren haben und entsprechend glänzen. Oft besitzen sie Talent für mehr als eine Sportart. Am anderen Ende des Spektrums stehen Kinder, denen schlicht die Erfahrung mit bestimmten Bewegungsabläufen fehlt. Dabei sind Vetters Ansprüche recht moderat: Wer in der 3. Klasse die Rolle vorwärts und rückwärts beherrscht und Bälle fangen und einarmig werfen kann, ist gut dabei. Kinder, die Mitglied in einem Sportverein sind, sind sportlich deutlich aktiver als Kinder ohne Vereinszugehörigkeit. Um das Jahr 2000 waren rund 80 Prozent aller Kinder Mitglied in einem Sportverein. In neueren Untersuchungen gaben immer noch 75 Prozent der Kinder an, in ihrer Freizeit regelmäßig Sport zu treiben. Doch gerade hier finden sich Unterschiede: Kinder, die aus Familien mit niedrigem Einkommen und sozialem Status stammen, sind deutlich seltener Mitglied im Verein und treiben deutlich weniger Sport. Und wer bereits unsportlich ist, hat wenig Lust, dagegen anzutrainieren und vermeidet stattdessen Situationen, in denen man ins Schwitzen kommt. Diesen Teufelskreis zu durchbrechen, ist schwer. Einfacher ist es, immer in Bewegung zu bleiben.

„Wenn normal entwickelte Dreijährige im Buggy zu uns gefahren werden, läuft etwas schief.“ Lea Nikov, Erzieherin im Montessori-Kinderhaus Kriftel, hält es für eine Kernkompetenz, dass Kinder eine gewisse Entfernung ohne Mühe laufen können. Sie plädiert für ausgiebige Spaziergänge mit Möglichkeiten, auf einem Baumstamm zu balancieren oder von einem Mäuerchen zu hüpfen. Auch sie stellt fest, dass die motorischen Fähigkeiten der Kinder in ihrer Einrichtung auseinanderklaffen. Wobei die Fitness des Nachwuchses oft die Haltung der Eltern widerspiegele: „Wenn Kinder gut klettern können, durften die das einfach tun.“ Sie glaubt, dass viele Eltern ihre Kinder aus Unsicherheit oder Angst zurückhalten und einschränken. Vielleicht spielt dabei eine Rolle, dass immer mehr Mütter und Väter immer weniger Zeit damit verbringen, ihr Kind zu beobachten. Wer Tochter oder Sohn um 17.00 Uhr aus der Betreuung holt und dann auf dem Spielplatz nur E-Mails liest, kann nicht beurteilen, wie gut der Sprössling klettern kann.

„Kinder dürfen sich wehtun“, sagt Arnd Vetters. „Und es darf beim Fußball auch mal eine Hose kaputtgehen.“ Einig sind sich Vetters und Nikov in der Einschätzung, dass unangeleitete Bewegungsangebote im Kindergartenalter besonders wichtig sind. Die beste Bewegungsschule bestehe darin, einem Haufen Kinder in einer möglichst abwechslungsreichen Umgebung freien Lauf zu lassen. Jüngere Kinder schauen sich dann Bewegungsideen von älteren ab und können in ihrem eigenen Tempo ihre körperlichen Grenzen austesten.

Bewegungsanreize im Alltag bieten

Auch im Familienalltag können sportliche Aktivitäten auf dem Programm stehen, um die motorischen Kompetenzen von Kindern zu unterstützen. Und zwar möglichst ohne den Druck, zu einem bestimmten Zeitpunkt irgendein Ziel zu erreichen. Bei einem Waldspaziergang dürfen Kinder dann vom Weg abkommen, um Stöcke zu sammeln oder über liegende Baumstämme zu klettern. In der Stadt bieten ein Park oder das Schwimmbad Bewegungsmöglichkeiten. Im Hof oder auf dem Gehweg können Kinder mit Kreide Hüpfkästchen oder einen Parcours aufzeichnen. Auch an Regentagen muss nicht immer eine DVD eingeworfen werden: Wer kein Trampolin hat, legt einfach eine Matratze zum Hüpfen auf den Boden oder baut mit Kissen und Decken eine Höhle zum Durchkriechen. Oder legt den Kindern eine Musik-CD auf und lässt sie nach Lust und Laune tanzen.

Aber reicht es aus, Kindergartenkindern einfach nur Raum und Zeit für Bewegung zu lassen? Oder verpasst man dann wichtige Zeitfenster, in denen schon andere Fähigkeiten erlernt werden könnten? Gut angeleitete Angebote im Vorschulalter – sei es Fußballverein oder Kinderturnen – schulen spielerisch allgemeine Kompetenzen wie Koordination, Kondition, Balance oder Umgang mit einem Ball. Das ist eine gute Basis, um später in andere Sportarten einzusteigen. „Turner beginnen vergleichsweise früh“, erklärt der Talentscout Arnd Vetters, „die meisten anderen Sportarten kann man entspannt im Lauf der Grundschulzeit ausprobieren.“

Viele Kinder sind noch nicht auf den Straßenverkehr vorbereitet

kizz sprach mit dem Radsportexperten Dr. Achim Schmidt von der Deutschen Sporthochschule Köln

Wann lernen Kinder heute Fahrradfahren?
Bei den meisten Kindern verläuft der Übergang vom Laufrad zum Fahrrad ganz geschmeidig. Deshalb lernen sie Radfahren heute deutlich früher: Aus einer Elternbefragung wissen wir, dass die Erstgeborenen durchschnittlich mit vier Jahren und die nachfolgenden Geschwister mit dreieinhalb Jahren aufs Rad steigen. Das ist prima – bringt aber neue Herausforderungen mit sich.

Welche sind das?
Mit vier Jahren fehlt es den Kindern noch an Wahrnehmungsfähigkeit, Reaktionsgeschwindigkeit und dem Vermögen, Risiken einzuschätzen. Deshalb entstehen auch auf dem Gehweg manchmal schwierige Situationen. Das stresst und überfordert viele Eltern. Dann darf das Kind nicht mehr mit dem Rad zum Bäcker oder in die Kita fahren, sondern nur hin und wieder eine Runde im Park drehen.

Viele Eltern denken wohl, wenn ihr Kind einmal Radfahren gelernt hat, ist das Thema abgehakt.
Und das rächt sich später massiv! In der vierten Klasse, in der die Fahrradprüfung ansteht, gibt es Kinder, die zwar die Tretbewegung beherrschen, aber beim Fahren so viel nachdenken müssen, dass die Kapazität fehlt, um die Verkehrsregeln zu verarbeiten. Diese Kinder müssen erst einmal motorisch auf ein anderes Level kommen, bevor man sie auf die Straße lassen kann. Die Schere geht diesbezüglich immer weiter auseinander. In fast jeder Klasse gibt es zudem ein oder zwei Kinder, die gar nicht Radfahren können, in Brennpunktschulen sind es weitaus mehr.

Was kann man als Eltern tun?
Sobald Kinder Radfahren gelernt haben, sollte man mindestens einmal pro Woche mit ihnen kurze Wege mit dem Fahrrad zurücklegen. Eltern oder andere Aufsichtspersonen dürfen Kinder auf dem Gehweg begleiten und je nach Situation vorneweg oder hinterherfahren – damit sind sie ganz nah am Kind. Mit sechs Jahren kann man Kindern auch mal eine Fahrradtour von 15 Kilometern Länge zumuten. Die meisten Kinder haben nämlich ganz viel Lust aufs Radfahren, es gehört mit zu den beliebtesten Bewegungsformen.

Wann geht es auf die Straße?
Mit acht Jahren können, mit zehn Jahren müssen Kinder auf der Straße fahren. Diese zwei Jahre sollte man nutzen, um zu üben. Zuerst fährt das Kind hinter dem Erwachsenen auf der Straße und kopiert dessen Bewegungen. Damit das nicht zum Blindflug wird, muss man erklären, warum man stoppt oder Handzeichen gibt. Wenn das Kind das verstanden hat, hält man vor einer Kreuzung an und fragt, was es in dieser Situation tun würde.

Aber die Voraussetzungen dafür werden früher gelegt?
Fahrradfahren ist so eine sinnvolle Mobilitätsform. Dass sie erst in der vierten Klasse thematisiert wird, ist ein Anachronismus. Eigentlich gehört das Thema in den Kindergarten.

Bewegung tut gut

Auch wer für sein Kind keine Karriere als Profisportler anstrebt, sollte sich bewusst machen, wie essenziell Bewegung und Sport für eine ganzheitliche kindliche Entwicklung sind.

Bewegung schult die Wahrnehmung: Die größten motorischen Fortschritte macht ein Kind ganz von alleine im ersten Lebensjahr. Von der passiven Rückenlage über das Entdecken der Finger und Füße bis hin zum Krabbeln und Laufen. Das ist der Startpunkt für weitere wichtige Entwicklungsschritte. Im Vorschulalter ist Bewegung die Voraussetzung dafür, dass Kinder ein Körperbewusstsein entwickeln, Arme und Beine zu koordinieren lernen und einen stabilen Gleichgewichtssinn sowie ein räumliches Vorstellungsvermögen ausbilden. Sie erfahren die Schwerkraft beim Schaukeln, sie bemerken, dass der Ball kleiner wirkt, wenn er wegrollt, sie spüren ihre Muskeln und lernen, Abstände und Entfernungen besser einzuschätzen.

Bewegung wirkt positiv auf Psyche und Persönlichkeit: Mit dem Eintritt in die Grundschule verändert sich der Tagesablauf der Kinder. Plötzlich verbringen sie viele Stunden im Sitzen, der Schulsport gleicht das nur wenig aus. Umso wichtiger ist regelmäßige Bewegung in der Freizeit: Sie hilft, Frust und Stress abzubauen. Statt Konflikte mit Fäusten auszutragen, tritt das Kind lieber kräftig gegen einen Ball. Auch auf den schulischen Erfolg wirkt sich Sport positiv aus. Er steigert die Konzentrationsfähigkeit und fördert Mut und Selbstvertrauen. Leistungsorientierter Sport unterstützt außerdem bestimmte Charaktereigenschaften. Er bietet Erfolgserlebnisse, schult Frustrationstoleranz und fördert Leistungsbereitschaft, Selbstorganisation und Zeitmanagement.

Bewegung ist gesund: Sport und Bewegung tragen dazu bei, Übergewicht zu vermeiden. Wer sich als Kind viel bewegt, wird auch als Erwachsener gerne öfter ins Schwitzen geraten. Die positiven Effekte auf die Gesundheit sind belegt: Sport reduziert zum Beispiel das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes und Stoffwechselstörungen.   

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