Grundpfeiler für gesundes EssenWas ist überhaupt gesund?

Kinder essen oft nicht das, was Eltern wollen. Ist das schlimm? Damit der Stress ums gesunde Essen nicht die Mahlzeiten verdirbt, helfen ein paar wenige Grundregeln

Was ist überhaupt gesund?
Mmh lecker, darf ich das naschen? © Sarah Rypma - Adobe Stock

Kinder lieben Süßes und Fetthaltiges, lehnen aber Bitteres ab. Darum verweigern sie bestimmte Gemüsesorten konsequent, wünschen sich aber wochenlang Nudeln mit Tomatensoße. Und Süßigkeiten, am liebsten schon zum Frühstück. Das kann die Nerven der Eltern gehörig strapazieren. Schließlich haben diese verinnerlicht, dass gesunde Ernährung im Kindesalter wichtig ist. Außerdem lösen sehr dünne Kinder beziehungsweise schlechte Esser bei Eltern Besorgnis aus. Diese Urangst war lange Zeit begründet, ist angesichts des heutigen Überangebots an Nahrungsmitteln jedoch unnötig. Denn kein Kind verhungert vor vollen Töpfen.

Geschmacksvorlieben sind angeboren

Anthropologisch gesehen ist die Vorliebe von Kindern für Süßes ein Überlebensvorteil, denn es gibt kein Lebens mittel, das süß und giftig zugleich ist. Zudem zeigt Süße Kalorienreichtum an. Und der Energiebedarf ist im Wachstum extrem hoch. Die Präferenz für Süßes nimmt jedoch kontinuierlich ab. Bereits bei Einführung der Beikost können Eltern den Süßzahn ihrer Kinder abmildern, indem sie darauf achten, dass dem Brei kein Zucker zugesetzt ist. Bitteres wie Spinat oder Kohlgemüse wird von den meisten Kindern abgelehnt, denn unser Körper assoziiert die Geschmacksrichtung bitter ursprünglich mit giftig. Dennoch sind Eltern gegen diese genetische Programmierung nicht machtlos. So konnte in zahlreichen Studien belegt werden, dass das häufige Anbieten von unbekannten Lebensmitteln im Kleinkindalter schließlich sogar bei den ganz Mäkeligen zum Erfolg führen kann. Im Fachjargon wird dies „mere exposure effect“ genannt. Bis ins Alter von etwa 18 bis 24 Monaten nimmt die Aversion gegen Neues, die Neophobie, zu. Um sich dann wieder abzuschwächen. Ein weiterer Mechanismus, der Kinder vor Mangelernährung bewahrt und damit quasi der Neophobie entgegenwirkt, ist die spezifisch-sensorische Sättigung. Diese sorgt dafür, dass das Verlangen nach immer gleichen Mahlzeiten irgendwann nachlässt.

Auf die Mischung kommt es an

Doch was ist nun also gesund? Für Kinder und Jugendliche zwischen einem und 18 Jahren empfehlen Experten die „Optimierte Mischkost“, ein Konzept aus dem Forschungsdepartment Kinder ernährung (FKE) der Universitäts- Kinderklinik Bochum. Diese Kost besteht aus drei Komponenten: Erstens reichlich Getränke und pflanzliche Lebensmittel, zweitens mäßig tierische Lebensmittel und drittens sparsam fett- und zuckerhaltige Lebensmittel. „Die Empfehlungen sind so konzipiert, dass Kinder ausreichend mit Kalorien und allen Nährstoffen versorgt sind“, sagt Prof. Mathilde Kersting, Leiterin des FKE Bochum. Außerdem legen Studien nahe, dass eine solche Ernährung dabei hilft, ernährungsmitbedingten Krankheiten wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Übergewicht, Typ-2-Diabetes sowie Gicht und bestimmten Krebsarten vorzubeugen. Vitamintabletten oder mit Vitaminen angereicherte Produkte braucht es jedoch nicht. „ Wichtig ist aber die Verwendung von jodiertem Speisesalz“, sagt Kersting.
Zwar ändern sich Ernährungsregeln immer mal wieder. So wird etwa seit Herbst 2018 für Erwachsene der Konsum von Eiern nicht mehr so stark beschränkt, auch der Rat, fettarme Milch anstatt Vollmilch zu konsumieren, wurde revidiert. „Das gilt auch für die Kinderernährung“, sagt Kersting. „Bei übergewichtigen Kindern kann es vielleicht ein bisschen helfen, fettarme Milchprodukte zu essen.“ Dennoch ist seit Jahren unumstritten, dass eine gesunde Ernährung vor allem pflanzlich sein sollte. Und dass die Ernährungsempfehlungen eben nur einen groben Rahmen bieten. „Auch bei der Optimierten Mischkost geht es nicht darum, dass sich Eltern im Detail an die genauen Mengenempfehlungen halten. Vielmehr reicht es aus, wenn sie sich an den drei Komponenten für die Lebensmittelauswahl orientieren“, sagt Kersting. Eltern sollten also immer verschiedene und frische Lebensmittel anbieten; was und wie viel das Kind dann isst, muss es selbst entscheiden. So schwankt das Ernährungsverhalten eines Kindes sehr stark, etwa je nach Tages- oder Wachstumsphase, aber auch untereinander unterscheiden sich Kinder immens. Oft überschätzen Eltern die Mengen, die Kinder benötigen. Wer Sorge hat, dass die Ernährungsgewohnheiten des Kindes allzu einseitig oder ungesund sind, sollte sich an den Kinderarzt wenden. Einige Eltern fürchten auch Pestizide in Obst und Gemüse und schälen deshalb Äpfel und Gurken oder kaufen nur bio ein. Rückstände auf Lebensmitteln sind laut Mathilde Kersting in Deutschland jedoch in der Regel kein Grund zur Besorgnis, solange Kinder abwechslungsreich ernährt werden.

Verbote sind kontraproduktiv

Verbote gibt es in der Optimierten Mischkost nicht. Kinder dürfen also ab und zu Fast Food oder auch Fertigprodukte essen. Vorgefertigte Lebensmittel wie Linsen und Erbsen aus der Dose oder Teigmischungen können bedenkenlos verwendet werden. Fertigprodukte wie Pizza lassen sich aufwerten, indem sie etwa mit frischen Zutaten wie Paprikastreifen belegt werden. Das Konzept der Optimierten Mischkost macht zwar keine Mengenangaben zu Fertigprodukten, wohl aber zu Süßigkeiten und Knabberartikeln wie Chips, die als hochverarbeitete Lebensmittel gelten: Ein vier- bis sechsjähriges Kind sollte täglich nicht mehr als 125 Kalorien aus Süßigkeiten, Softdrinks oder Knabberartikeln beziehen. Dabei liefern eine Kugel Eis oder ein 0,2-Liter-Glas Limonade etwa 100 Kalorien. In Sachen Fast Food, also Burger und Pommes, empfiehlt das FKE Bochum, dass diese nicht häufiger als ein- bis zweimal pro Woche auf dem Speiseplan stehen sollten.
Insgesamt ist jedoch Gelassenheit angesagt. Zu viel Wissen kann laut Wissenschaftlerin Kersting sogar kontraproduktiv sein: „Eine allzu große Sorge der Eltern führt oft dazu, dass das Essen zum Thema gemacht wird und bestimmte Vorstellungen der Eltern penibel umgesetzt werden sollen.
Und dann wird es ein unangenehmes Thema.“ Dabei können sich Eltern nicht nur auf die natürlichen Mechanismen der Nahrungsregulierung verlassen, sondern auch auf sich selbst. Bereits im Mutterleib und beim Stillen wird das Kind auf bestimmte, familientypische Geschmacksvorlieben geprägt. Zudem lernen Kinder vor allem über Vorbilder. Wer selbst abwechslungsreich isst, dessen Kind wird sich alsbald diese Ernährungsweise abschauen. Wichtig für eine gesunde Ernährung sind darum auch Familienmahlzeiten. Studien belegten, dass Kinder bei gemeinsamen Mahlzeiten mehr Obst und Gemüse essen.
Mit Zwang und Verboten erreicht man hingegen gar nichts. Zwang führt dazu, dass Kinder als „gesund“ deklariertes Essen erst recht ablehnen. Zudem verlernen die Kinder dadurch, auf ihre Hunger- und Sättigungssignale zu achten. Werden Kindern dagegen die „ungesunden“ Lieblingsspeisen versagt, können sie diese als be sonders attraktiv empfinden. Eltern sollten Ernährung auch nicht als Bestrafung oder Belohnung einsetzen. Denn wer Nahrung als Trostspender sieht, hat ein höheres Risiko, übergewichtig zu werden.

Vorsicht mit besonderen Diäten

Kinder können auch vegetarisch ernährt werden, wenn Eltern darüber Bescheid wissen, wie etwa eine ausreichende Versorgung mit Eisen gewährleistet werden kann. Eine vegane Diät sehen Experten jedoch kritisch, weil es zu Defiziten bei verschiedenen Nährstoffen kommen kann. „Hier ist viel Ernährungswissen der Eltern gefragt, die Einnahme von Nährstoffsupplementen ist nötig und auch eine Beratung durch den Kinder- und Jugendarzt“, sagt Prof. Kersting. Auch der Trend, besonderen Ernährungsweisen zu folgen wie Steinzeitkost, Makrobiotik, glutenfrei oder laktosefrei, ist im Kinder zimmer angekommen. Und das ist bedenklich. „Milchfreie Ernährung, ohne dass es notwendig ist, ist ein Risiko für die Kinder“, sagt Martin Claßen, Kinderarzt in Bremen. Schließlich braucht der kindliche Körper das Kalzium aus der Milch für den Knochenaufbau. Ungünstig können auch glutenfreie Diäten sein, die keine medizinische Notwendigkeit haben und Nudeln oder die meisten Brotsorten verbieten: „Hier besteht die Gefahr, dass die Teilhabe dieser Kinder an altersgerechten Aktivitäten wie Kindergeburtstagen vermindert ist“, sagt Claßen. Zudem sind glutenfreie Produkte wie Gebäck genauso zucker- und fetthaltig wie die Originale. Eltern halten sie jedoch für gesünder und erlauben sie häufiger. 1

kizz Info

Zuckerkonsum: Politik muss Handeln

Eine Studie der Universität Paderborn hat kürzlich belegt, dass Kinder mehr Zucker als empfohlen konsumieren. Es sollten nur zehn Prozent der täglichen Kalorien aus Zucker stammen, bei den Kindern waren es durchschnittlich 16 Prozent. Die gute Nachricht: Seit 2005 ist der Konsum aber gesunken. Zur weiteren Senkung geht die Mahnung der Wissenschaftler an die Lebensmittelhersteller: „Nun bedarf es einer abgestimmten Kombination von ernährungspolitischen Maßnahmen zur Verringerung des Zuckerzusatzes zusatzes in unseren Lebensmitteln“, sagt Studienleiterin Anette Buyken.

Zwei Beispiele für einen Tagesplan

Frühstück: Cornflakes mit Apfel und Milch, Tee

1. Snack: Weizenschrotbrötchen, Möhre, Tee

Mittagessen: Linseneintopf mit Kartoffeln, Gemüse und Würstchen, Mischbrot und Wasser

2. Snack: Apfelsine, Milchschokolade, Tee

Abendessen: Müsli mit Joghurt, Tee

ODER

Frühstück: Kiwi-Vollkornbrot mit Kakao

1. Snack: Käsebrot, kleiner Apfel, Wasser

Mittagessen: Nudeln mit Tomatensauce, Tee

2. Snack: Kartoffelchips, Apfel, Limonade

Abendessen: Kartoffelsalat, Wasser

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