Den Kindern vertrauenMontessori für zu Hause

Montessori-Pädagogik ist genial einfach. Sie braucht nur die passende innere Einstellung

Kinder brauchen Eltern, die auf ihre Fähigkeiten vertrauen - das gilt auch für ganz alltägliche Dinge
Kinder brauchen Eltern, die auf ihre Fähigkeiten vertrauen - das gilt auch für ganz alltägliche Dinge © Oksana Kuzmina - Adobe Stock

Auf dem Esstisch steht eine Schale Erdbeeren. Benedikt ruft: „Und wo ist die Sahne?“ Konstantin, sein gerade mal drei Jahre alter Bruder, springt auf: „Ich hole sie!“ Mama seufzt – eine Schüssel Sahne im Kühlschrank, unterwegs ein Wollteppich, rutschiger Parkett- und Fliesenboden, eine Stolperschwelle. Na und? Mama sagt: „Okay“. Konstantin zieht los. Der Kühlschrank ist oben eingebaut. Zu hoch für den Jungen. Er zieht einen Küchenstuhl herbei, klettert hoch und öffnet die Kühlschranktür. Vorsichtig greift er nach der Sahneschüssel, kniet sich auf den Stuhl und rutscht behutsam herab. Er stellt die Schüssel auf den Küchentisch, klettert wieder auf den Stuhl, schließt die Kühlschranktür. Mit der Schüssel macht sich Konstantin auf den Weg zurück zum Esstisch, Schritt für Schritt. Ruhig und selbstsicher kommt er dort an.

Lernprozesse sehen und verstehen

Hätten Sie gedacht, dass diese Situation aus unserem Familienalltag eine Lerngeschichte ganz im Sinne von Maria Montessori ist? Die italienische Ärztin war ihrer Zeit weit voraus, als sie Anfang des 20. Jahrhunderts ihren pädagogischen Ansatz entwickelte, der weltweit Anerkennung fand und auch nach heutigem Wissenstand nichts von seiner Aktualität verloren hat. Montessoris Weg geht konsequent von dem aus, was zu beobachten ist. Und damit vom Kind selbst und nicht von der erwachsenen Vorstellung davon, wie Kinder zu sein haben. Maria Montessori, selbst eine exzellente Beobachterin, hätte in der beschriebenen Situation erkannt, dass Konstantin sehr aufmerksam ist. Das Kind glaubt, dass es etwas zur Problemlösung beitragen kann, und beschließt zu handeln. Wie es dann weitergeht, hängt von den „Machthabern“ (Eltern, ErzieherInnen, LehrerInnen …) ab. Lassen sie sich auf den Perspektivwechsel ein, den die Montessori-Pädagogik von den Erwachsenen fordert? Wie viel Freiheit gestehen sie dem Kind zu? Sind sie bereit, ein Risiko einzugehen? In unserem Fall offensichtlich ja. Konstantin lernt, dass ihm etwas zugetraut wird: Ich darf das tun, ich tue es – und es gelingt. Und genau hier liegt der Schlüssel zum Lern- und Bildungserfolg der Montessori-Pädagogik. Denn Kinder brauchen eigentlich keine Bestätigung von außen, die von ihnen vollbrachte Leistung hat ihren Wert in sich selbst. Für den Umgang mit Kindern, egal ob in der Kita oder im Elternhaus, bedeutet das, den spontanen Lernaktivitäten freien Raum zu gewähren. Aber diese muss man zunächst entdecken und dann auch erlauben.
Die Chancen dafür erhöhen sich ungemein, wenn Eltern passende Bedingungen schaffen – in erster Linie durch ihre Haltung, aber beispielsweise auch durch ganz alltägliche Dinge wie der Einrichtung der Wohnung. Denn wer sich gezwungen sieht, sein Zuhause ständig gegen sein Kind zu verteidigen, hat etwas Wesentliches nicht bedacht: Kinder brauchen Gelegenheit, ihrem eigenen Lernbedürfnis zu folgen. Denn sie wollen lernen. Aber eben nicht irgendetwas, das wir Erwachsene uns ausgedacht haben, weil wir es gerade besonders wichtig finden. Sie wollen ihren Willen entfalten und freie Entscheidungen treffen. Nur so können sie lernen, selbstständig zu denken und zu handeln. Handliche, kindgerechte Alltagsgegenstände etwa ermöglichen es dem Nachwuchs, sich aktiv einzubringen und Tätigkeiten nachzuahmen, die er bei Mama und Papa beobachtet.
Dem eigenen Sohn oder der eigenen Tochter solche Wahlfreiheiten (wie, wann, wo und mit wem lerne ich was) zuzugestehen, bedeutet nicht, alles einfach laufen zu lassen. Eltern wie ErzieherInnen haben den Auftrag, für das Kind den Rahmen der Freiheit eindeutig festzulegen. So gibt es zum Beispiel für das Verhalten anderen Menschen oder Dingen gegenüber klare Grenzen, die nicht verletzt werden dürfen.
Wer einen kindlichen Lernprozess zu einer lustvollen und sinnhaften Erfahrung machen will, muss sein Kind sehr genau kennen – und sich in abwartender Beobachtung üben. Das ist oft nicht so leicht. Gelingt es aber, wird man bald erkennen, dass das Kind Signale aussendet, wenn es für bestimmte Lerninhalte besonders offen ist. Übrigens: Diese Signale können für Eltern durchaus anstrengend sein. Montessori nannte solche Zeitfenster „sensible Perioden“. Des Weiteren gilt es, für sein Kind ein gutes Lernumfeld zu schaffen („vorbereitete Umgebung“), also Materialien und Aktivitäten anzubieten, die seinem aktuellen Entwicklungsbedürfnis entsprechen.

Das Montessori-Phänomen

Doch woran können Sie erkennen, dass bei Ihrem Kind tatsächlich ein Lernprozess stattfindet, der von ihm selbst ausgeht? Hierfür gibt es ein eindeutiges Kriterium, Montessori nannte es die „Polarisation der Aufmerksamkeit“. Sie können dieses Phänomen Tag für Tag beobachten: Ihr Kind ist in sein Spiel versunken, vielleicht draußen im Sandkasten oder in seinem Zimmer. Sie bekommen das Gefühl, Ihr Kind ist gar nicht mehr da. Sie hören nichts und werden eventuell ein wenig nervös. Sie schleichen sich an und stellen fest, dass es dem Kind richtig gut zu gehen scheint. Es hat sich etwas ausgesucht, das genau zu ihm passt, und wiederholt sein Spiel ausdauernd und zum Teil variantenreich. So funktioniert auch die Montessori- Pädagogik. Sie gibt keine Lernrezepte, beschreibt aber sehr klar erfolgreiche Lernbedingungen. Die Verantwortung für diese haben zu Hause Sie als Eltern.
Machen wir uns klein, damit unsere Kinder groß werden können. Vertrauen wir auf sie, seien wir bereit von ihnen zu lernen, in der Überzeugung, dass Kinder ihren Weg kennen.

Blick in die Kita

Montessori-Einrichtungen verstehen sich als Orte, an denen Kinder beim selbstverantwortlichen Lernen begleitet werden. Die angebotenen Materialien fordern die Jungen und Mädchen heraus; ihre Erfolge können sie selbst kontrollieren. Bei sogenannten Übungen des praktischen Lebens eignen sich die Kinder zahlreiche Fertigkeiten an, auch das übersichtlich geordnete Sinnesmaterial ermöglicht ihnen vielseitige Erfahrungen. Mit dem Mathematikmaterial arbeiten sie im Zahlenbereich bis 10 000 (eine Tatsache, die so manchen Außenstehenden erstaunt). Auch im Sprachbereich findet sich abwechslungsreiches Material, das zum Lesen und Schreiben einlädt; Musik, ökologische Bildung, Rhythmik, Tanz und Kunst sind weitere Lernfelder.
Die „Ermutigungspädagogik“ der Maria Montessori knüpft an die wirklichen Möglichkeiten von Kindern an, auch der ganz jungen. So ist in dem Gästebuch einer Montessori-Krippe zu lesen: „Für mich war es ein Schlüsselerlebnis zu sehen, wie ein Kleinkind eine Möhre schält, sie in Stücke schneidet, in ein Schälchen tut und dann herumgeht und anderen Kindern anbietet. Ich muss umlernen!“  

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