Die drei Geheimnisse der LeselustSo begeistern Sie Kinder – insbesondere Jungen – für Bücher

Jungen wird weniger vorgelesen. Später fällt ihnen das Lesenlernen schwerer. Das sagt die aktuelle Vorlesestudie der „Stiftung Lesen“. Doch was sagen Expert*innen? Was motiviert Kinder eigentlich, sich mit Büchern zu beschäftigen?

Die drei Geheimnisse der Leselust
© Harald Neumann, Freiburg

1. Geheimnis: Helden und Action

Ein Beitrag von Olga Neufeld

Die Beschäftigung mit Büchern ermöglicht Kindern die Erfahrung, dass die abgedruckten Zeichen beim Vorlesen lebendig gemacht und erzählt werden können. Beim Ausbilden der Lesekompetenz spielt Vorlesen ebenfalls eine zentrale Rolle. Von Bedeutung ist in diesem Zusammenhang auch, ob Väter oder andere männliche Erwachsene als Vorbilder dienen. Die vorlesende Person muss Spaß an der Geschichte haben, um das Vorlesen zu einem authentischen und gewinnbringenden Erlebnis für das Kind zu machen. Was lesen Männer gerne vor? Finden sie die Geschichte selbst spannend, lustig, interessant? Oder quälen sie sich durch Texte, die sie öde und sinnlos finden?

Abenteuerlustig und knobelfreudig
Um Jungen an Bücher heranzuführen und die spätere Leselust zu fördern, braucht es eine große Vielfalt an Büchern, Heften, Broschüren und Zeitungen. Erwachsene, die sich für dieselben Inhalte interessieren und dies in ihrem Leseverhalten zeigen, können dazu beitragen, das Interesse zu wecken. Nach meinen eigenen Erfahrungen aus Fortbildungen und dem persönlichen Umfeld dienen etwa u. a. Bücher zum Rätseln oder Knobeln der Unterhaltung, aber auch die damit einhergehende Kommunikation untereinander scheint für viele Jungen ansprechend zu sein. Mit anderen etwas herauszufinden, die eigene Begeisterung zu teilen und über Inhalte zu diskutieren, wirkt anregend. Daraus lassen sich spontane Aktivitäten und sogar Projekte entwickeln, durch die Fantasie und Kreativität ausgelebt werden können.
Kurze Geschichten, die in kleinen Portionen Wissen vermitteln und informativ sind, z. B. von Dinosauriern, Fahrzeugen, Fußball, Rittern, griechischen Göttern usw., kommen sehr gut an. Helden spielen in der Jungenliteratur eine große Rolle. Jungen, die womöglich im realen Leben schwächlich oder gar unbeliebt sind, gelingt in diesen Geschichten eine bedeutsame Tat, aus der sie heldenhaft und angesehen hervorgehen. Das Überwinden von Ängsten und Hindernissen ist hierbei ein weit verbreitetes Thema. Sich mit dem Helden der Geschichte zu identifizieren und selbst Mut zu fassen, spricht Jungen an und hilft ihnen bei der herausfordernden Aufgabe, ihren Platz in der Welt zu finden. Inhaltlich meiden Jungen, die noch nicht das „Abtauchen“ in fremde Welten erlebt haben, lange Texte und ausführliche Beschreibungen von Situationen oder Gefühlslagen. Dies bedeutet im Umkehrschluss, dass eine Geschichte mit viel Handlung und Abwechslung notwendig ist, um die Leselust von Jungen zu gewinnen. Manchen Jungen gelingt der Zugang zur Literatur durch Figuren, die ihnen in den Medien begegnen (z. B. „Star Wars“ oder „Lego“). Bücher solcher Themenbereiche können als Türöffner dienen und dazu führen, dass der Sinn des Lesens und das Leseerlebnis als Wert erkannt und ausgebaut wird. Jede Einrichtung sollte regelmäßig überprüfen, ob die eigene Bibliothek in Sachen Literatur für Jungen aktuell ist. Gut ist, wenn Jungen sich selbst an der Auswahl der Bücher beteiligen können und z. B. durch regelmäßige Besuche in der Stadtbibliothek oder einer Buchhandlung inspiriert werden. Viele Stadtbibliotheken bieten für Einrichtungen bereits vorsortierte Themenboxen an, die je nach Bedarf bestückt werden können.

2. Geheimnis: Tiere ziehen immer

Ein Interview mit Christine Kranz, Referentin bei der „Stiftung Lesen“

Frau Kranz, Mädchenbücher, Jungenbücher – gibt es das überhaupt?

C. Kranz: Ich tue mich schwer mit solchen „Etiketten“. Für mich zählt zuallererst einmal das Potenzial eines Buchs, Kinder zu begeistern. Viele Bilderbuchklassiker, die seit Jahrzehnten geliebt werden, bedienen das Jungs-Mädchen- Klischee in keiner Weise, zum Beispiel „Die kleine Raupe Nimmersatt“. Es gibt allerdings sicher eine gewisse Vorliebe vieler Jungs für bestimmte Sachthemen, auch schon im Kindergartenalter. Der Klassiker sind Bücher über Fahrzeuge (Bagger!), Polizei, Feuerwehr oder Dinosaurier. Aber es gibt durchaus auch Mädchen, die sich schon früh für Sachbücher begeistern können. Zum Glück gibt es ja viele Reihen, bei denen man ganz nach dem individuellen Interesse der Kinder thematisch passende Bände wählen kann. Viele sehr erfolgreiche erzählende Bilderbücher für die Altersgruppe haben ohnehin tierische Helden, die nicht unbedingt einem Geschlecht zuzuordnen sind – bzw. es spielt effektiv keine Rolle, ob z. B. der Grüffelo nun männlich ist oder nicht. Es geht um Witz, Spannung, gerne auch um tolle Reime und einen Refrain – und um eine gelungene Pointe am Schluss.

Wie lassen sich Jungen in der Kita für Bücher begeistern?
Genauso wie Mädchen. Zum Beispiel durch regelmäßiges Vorlesen spannender und lustiger Geschichten, die primär den Kindern – und nicht zwingend den Erwachsenen – gefallen sollten. Allerdings ist es sinnvoll, die Kindergartenbibliothek auch an den Interessen aller Kinder auszurichten und z. B. schöne Sachbücher zu integrieren, aktuelle Wimmelbücher oder Bücher zu Medienthemen, die den allermeisten Kindern, insbesondere auch denen, die zu Hause nicht unbedingt an Bücher herangeführt werden, vertraut sind: z. B. die beliebten Lego-Bücher oder auch Disneygeschichten. Die Mischung macht’s.

Was gilt es bei der Auswahl von Büchern zu beachten, damit sich Jungen und Mädchen gleichermaßen angesprochen fühlen?
Das Thema „Tiere“ zieht immer. Und – insbesondere, aber nicht nur – für die Jungs dürfen das auch gern mal eklige oder gefährliche sein. Spinnen zum Beispiel. Wichtig: einen Mix aus Geschichten und Sachbüchern anbieten. Letztere sehr gern mit spektakulären Details wie Klappen und anderen Spielelemente, integrierten Soundchips, angehängten Lupen, ungewöhnlichen Formate oder derzeit auch wieder Foto-Illustrationen. Auch „anrüchige“ Themen funktionieren prächtig. Man denke nur an den „Kleinen Maulwurf, der wissen wollte, wer ihm auf den Kopf gemacht hat“. Zudem sollte man, bei allen Kindern, darauf achten, dass an deren Lebenswirklichkeit angeknüpft wird und Themen der Altersgruppe behandelt werden: neue Freunde finden (und zwar sehr unterschiedliche!), Ausgrenzung und Mobbing (ja, das gibt’s auch im Bilderbuch!), Ängste bewältigen (z. B. Dunkelheit). Illustrationen sind grundsätzlich Geschmackssache. Wenn es also – nach Meinung der Erwachsenen – zu knallig oder kitschig ist, den Kindern aber gefällt: kein Problem. Am besten findet man den Geschmack der Kinder übrigens bei einem gemeinsamen Bibliotheksbesuch heraus, bei dem völlig unbeeinflusst ausgesucht werden darf.

3. Geheimnis: Papa als lesendes Vorbild

Ein Interview mit dem ausgezeichneten Vorleser Christian Meyn-Schwarze

Herr Meyn-Schwarze, was hat es mit der „Papa-Zeit“ in der Kinderbücherei Hilden auf sich?

C. Meyn-Schwarze: So nennen wir Vorlese- und Erlebnisstunden für Väter und Großväter, die mit ihren Kindern in die Bücherei kommen. Zunächst wird eine „Papa- Geschichte“ vorgelesen, die dann lebendig wird: Wir bauen große Tipis, tanzen um ein künstliches Lagerfeuer, verkleiden uns als Piratinnen und Piraten, gehen auf Schatzsuche oder basteln mit Materialien aus dem Gelben Sack. „Upcycling- Basteln“ heißt das neudeutsch und es entstehen tolle Schrottroboter oder Kullerbahnen. Diese „Papa-Zeit“ gibt es inzwischen in verschiedenen Büchereien in Nordrhein-Westfalen. Ich lese fast jeden Samstagvormittag in einer anderen Bücherei den Männern vor und die Kinder dürfen zuhören.

Warum sollten gerade Männer vorlesen?
Weil jeder Mann ein Vorbild ist, vor allem für die Jungs. Wenn Papa liest und vorliest, dann orientieren sich die Kinder an solchen Vorbildern und ahmen sie nach. Denn Lesen ist nicht nur weiblich, sondern gehört zu den Grundlagen des Lernens. Jedes noch so attraktive technische Kommu nikationsmedium kann ich nicht sinnvoll nutzen, wenn ich nicht lesen kann. Wem die Bildungschance seines Kindes nicht egal ist, der nimmt Bücher in die Hand und liest vor, am besten vom ersten Lebensjahr an, bis Kinder selbst lesen können.

Wie begeistern Sie Jungen im Kita-Alter für Bücher?
Ich wecke ihre Neugierde und ihren Forscherdrang. Ich lese und spiele die Geschichten wie ein Schauspieler und erlebe dann mit ihnen gemeinsam die Geschichten. Und ich zeige immer die Bilder, damit Kinder neugierig werden, dieses und andere Bücher selbst in die Hand zu nehmen.

Wie wählen Sie die Kinderbücher aus, die Sie vorlesen?
Für die „Papa-Zeit“ in den Büchereien suche ich immer Geschichten aus, in denen ein Vater vorkommt und mit einem Kind etwas erlebt. Diese Geschichte sollte dann in kurzer Zeit erlebbar sein und die Kinder sollten immer etwas als Erinnerung mitnehmen – sei es ein Stück aus der Schatztruhe, eine Muschelkette, ein selbst gebasteltes Instrument oder ein Fingerabdruckbild.

Was können (vorlesende) Männer von den Papas und Opas in Büchern lernen?
In den wenigen sehr guten Bilder- und Vorlesebüchern der heutigen Zeit werden Väter und Großväter beschrieben, die eine intensive Zeit mit Kindern verbringen. Die Titelhelden ermutigen und fordern so auf, sich für solche Erlebnisse mit Kindern Zeit zu nehmen. Diese Zeit nennen Fachleute inzwischen „Quality Time“. Und dann gibt es lesenswerte Vorlesebücher, in denen starke Mädchen und Jungen mit der Botschaft „Kinder sind toll!“ auftreten. Dazu gehören nicht nur die Klassiker Pippi, Pumuckl und Pinocchio, heute heißen sie in den Büchern Mathilda, Paul und Klein Brumm.

Welches ist Ihr Lieblingsbuch zum Vorlesen?
Beim nationalen Vorlesetag lese ich immer „Der kleine Bär und das Zirkusfest“ vor. In der Geschichte überzeugt das Bärenkind seinen Papa, dass viele Tiere mit ihren Fähigkeiten eine Zirkusaufführung zeigen können. Die Botschaft: Suche dir Unterstützung durch andere Kinder und ein paar Erwachsene und ihr könnt etwas gemeinsam schaffen, das euch große Anerkennung verschafft.

Die Fragen stellte Barbara Brengartner, Redaktion kindergarten heute.

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