ErziehungspartnerschaftEin Ideal, dem in der Praxis nicht entsprochen werden kann

Gleichberechtigung, Einstimmigkeit und das Wohl des Kindes stets vor Augen – ein hoher Anspruch an die Bildungs- und Erziehungspartnerschaft. Die Expertin für Kindheitsforschung Prof. Tanja Betz erläutert, welches Dilemma sich dahinter verbirgt.

Erziehungspartnerschaft - Ein Ideal, dem in der Praxis nicht entsprochen werden kann
© Harald Neumann, Freiburg

In den letzten Jahr(zehnt)en wurde ein Konzept prominent: die Partnerschaft zwischen allen Beteiligten. Dies geht aus der fachlichen und politischen Debatte zur frühen Bildung, Betreuung und Erziehung von Kindern und aus den entsprechenden Dokumenten wie z. B. den Bildungsund Erziehungsplänen der Länder hervor. Dieses Konzept – zumeist ist von einer Bildungs- und Erziehungspartnerschaft die Rede – dient zunächst einmal dazu, das (neue) Verhältnis zwischen Kita und Familie sowie zwischen Schule und Familie zu beschreiben und näher zu bestimmen. Mit dem Begriff Partnerschaft wird dabei zumeist Wechselseitigkeit, geteilte Verantwortung, Dialogbereitschaft, intensive Kommunikation, Kooperation auf Augenhöhe, Offenheit, Vertrauen, Respekt, Mitwirkung, Machtteilung und Gleichwertigkeit verbunden.1

Nicht ohne Meinungsverschiedenheiten

Auf den ersten Blick wirkt es oftmals so, als ob mit dem Konzept das Verhältnis von Kita und Familie so beschrieben wird, wie es in der frühpädagogischen Praxis ist. In Fachtexten wird alles, was mit Partnerschaft zu tun hat, positiv beschrieben, wie z. B., dass sich Kita und Familie gegenseitig unterstützen. Zudem werden ausschließlich positive Wirkungen der Erziehungs- und Bildungspartnerschaft skizziert: Die Fachkräfte werden entlastet, die Eltern als Expert*innen anerkannt und wertgeschätzt. Es profitieren vor allem die Kinder davon, wenn Fachkräfte und Eltern eine Partnerschaft aufbauen und etablieren.2 Ein typisches Beispiel liefert der Bildungs- und Erziehungsplan für Kinder von 0 bis 10 Jahren in Hessen.3 Dort wird u. a. festgehalten, dass in der Zusammenarbeit mit Eltern eine Erziehungspartnerschaft angestrebt werden soll. Diese soll sich durch Offenheit, Austausch und Kooperation zum Wohl der Kinder auszeichnen. Zugleich werden vermeintliche Tatsachen vermerkt, wie z. B., dass das Kind „ideale Entwicklungsbedingungen“ vorfindet und was das Kind „erlebt“, nämlich u. a., dass beide Seiten sich dem Kind gegenüber „erzieherisch ähnlich verhalten“.4

Wirklichkeit oder Wunschvorstellung?

Insgesamt wird erst auf den zweiten Blick erkennbar, dass hier ein normativer Maßstab festgesetzt wird. Es wird also nicht dargelegt, wie das Verhältnis ist, sondern wie es aus der Perspektive der Autor*innen sein soll. Allerdings geschieht dies in Form eines Tatsachenberichts,5 sodass zunächst davon auszugehen ist, dass der Inhalt der Realität entspricht. Dabei ist auffällig, dass die vermeintlichen Tatsachen – insbesondere mit Blick auf die Kinder – ausschließlich positiv sind. Im Text wird die Partnerschaft sogar als „ideal“ für das Kind dargestellt.6
Für Fachkräfte ist es wichtig, Position gegenüber diesem Konzept einnehmen zu können und sensibel auf die Thematik zu reagieren. Kritik an diesen normativen Vorgaben ist deshalb unausweichlich:

1. Gerade bei Bildungs- und Erziehungsplänen handelt es sich um offizielle Dokumente mit mehr oder weniger verbindlichem Charakter. Die Fachkräfte sind aufgefordert, ihr pädagogisches Handeln an diesen Vorgaben auszurichten. Das Gesagte wirkt durch die Art und Weise, wie es dargestellt wird, so, als ob es gültig wäre bzw. den Tatsachen entspricht. Aber es gibt keine belastbaren Studien, die in dieser Eindeutigkeit nachweisen könnten, was Kinder in der Partnerschaft erleben und ob eine Partnerschaft für Kinder „ideal“ ist.7

2. Es wird suggeriert, dass es (heutzutage) keine Alternative dazu gibt, partnerschaftlich mit den Eltern zusammenzuarbeiten. Damit aber steckt in vielen Darstellungen nicht nur der normative Maßstab, wie das gegenwärtige Verhältnis zwischen Fachkräften und Eltern gestaltet werden soll. Vielmehr handelt es sich um einen moralischen Appell, wie Fachkräfte (und Eltern) handeln sollen, den es nicht zu hinterfragen gilt. Denn wer möchte schon falsch mit den Eltern zusammenarbeiten oder gar riskieren, dass er oder sie nicht zum Wohl des Kindes handelt und dessen ideale Entwicklung gefährdet? Dabei wird der Eindruck erzeugt, dass das Gesagte wissenschaftlich eindeutig und ausschließlich positiv zu sehen sei. Dies ist nicht der Fall.

3. Die Problematik liegt auch darin, dass Fachkräfte und Eltern, die keine solche Partnerschaft realisiert haben, unter Druck gesetzt werden. Ihr jeweiliges Verhalten entspricht nicht den Vorgaben dafür, wie ein gutes Verhältnis zwischen Kita und Familie sein müsse. Dabei ist zum einen davon auszugehen, dass es die in der Fachliteratur beschriebene Form von Partnerschaft in der empirischen Realität in Kitas nur selten gibt, sodass die Mehrheit der Kitas in dieser Hinsicht schlecht bewertet werden müsste. Zum anderen gibt es ebenso wenig eindeutige empirische Befunde dafür, dass nur ein partnerschaftliches Verhältnis zwischen Fachkräften und Eltern als qualitativ hochwertig eingestuft werden kann und nicht z. B. eine wertschätzende, aber deutlich asymmetrische Form der Zusammenarbeit mit Eltern.

4. Die Maßgabe „Partnerschaft!“ wird dabei in der Literatur häufig damit verbunden, dass beide Seiten, Fachkräfte und Eltern, an einem Strang ziehen (sollen), konsensorientiert kommunizieren und gemeinsam handeln (sollen). Damit ist ein vierter Kritikpunkt angesprochen: Der alleinige Maßstab, dass in der (guten) pädagogischen Praxis Konsens herzustellen und stets das Gemeinsame hervorzuheben sei, verdeckt, dass es auch Dissens, Irritationen und Infragestellen geben kann und geben muss. So kann für Unterschiede und gegenläufige Ansichten sensibilisiert und diese einer gemeinsamen Bearbeitung zugänglich gemacht werden.8 Anstatt Fachkräften und Eltern die Möglichkeiten zu eröffnen, auch Widersprüche und gegenteilige Ansichten und Vorstellungen darzulegen, wird suggeriert, dass dies kein Ausdruck einer guten Partnerschaft sein könne. Dieser Maßstab wird auch mit Blick auf das Kind betont. Es geht um Konsistenz, Gleichheit und Ähnlichkeit zwischen Kita und Familie. Denkbar wäre aber z. B., dass es auch für Kinder bereichernd sein kann, wenn es Unterschiede zwischen Kita und Familie gibt und das Kind in der Kita etwas anderes erlebt als zu Hause. Auch gibt es zahlreiche Hinweise dafür, dass bestimmte Fachkräfte und auch Eltern nicht partnerschaftlich zusammenarbeiten wollen, und dies ist nicht automatisch damit gleichzusetzen, dass sie nicht am Wohl des Kindes interessiert wären.9

Partnerschaft auf Augenhöhe?

In den meisten Studien wird deutlich, dass die Erwachsenen, ihre Positionen und Perspektiven als Forschungsschwerpunkte und in Fachdebatten dominieren. Nur ein sehr kleiner Teil der Literatur beschäftigt sich damit, welche Perspektiven Kinder auf Zusammenarbeit sowie Bildungs- und Erziehungspartnerschaft haben und welche Positionen Kinder im Verhältnis zwischen Kita und Familie einnehmen.10 Damit aber erfolgt nur selten eine Sensibilisierung dafür, was es für Kinder bedeuten kann, wenn sich ihre Eltern und ihre Fachkräfte intensiver austauschen, stärker kooperieren und sich wechselseitig öffnen. Eine Partnerschaft kann für Kinder viel ambivalenter sein als bislang diskutiert. Die Maßgabe, dass Kita und Familie viel voneinander wissen und sich dem Kind gegenüber erzieherisch ähnlich verhalten, ist, aus der Perspektive von Kindern, nicht ausschließlich positiv zu sehen. Negativ kann z. B. sein, dass damit auch Freiräume für Kinder eingeschränkt werden.

In der Forschung wird zudem deutlich, wie voraussetzungsvoll die Rede von einer symmetrischen Kommunikation und Kooperation ist. Die Sozialwissenschaftler*innen Peter Cloos, Marc Schulz und Severine Thomas kommen zu dem Schluss, dass in Elterngesprächen keine Partnerschaft „auf gleicher Augenhöhe“ hergestellt wird11. Vielmehr wird „Bildung als institutionelle Leis tung des Kindergartens aufgeführt“, wobei „Eltern bzw. zumeist Mütter dabei Zuschauerinnen und Kommentatorinnen der Bildungsinszenierung werden und diese institutionellen Leistungen zu honorieren haben“.12 Dies spiegelt ein asymmetrisches Verhältnis zwischen Fachkräften und Eltern bzw. Müttern wider.
Durch die Professionalisierung frühpädagogischer Fachkräfte und durch fachliche Vorgaben, wie eine gute Kita-Praxis auszusehen hat, wird es zu einer großen Aufgabe, allen Eltern als gleichen Partner* innen zu begegnen. Die Eltern als Expert*innen anzuerkennen, stellt eine Herausforderung angesichts gesellschaftlicher Erwartungshaltungen an Kitas dar, wie z. B. zu mehr Chancengerechtigkeit zwischen Kindern beizutragen.

Nicht alles wird leichter

Es gibt deutliche Zusammenhänge zwischen der Gestaltung der Zusammenarbeit mit Eltern und den zur Verfügung stehenden Ressourcen der Institutionen.13 Fachkräfte stehen vor einem Umsetzungsdilemma und es liegt nahe, dass eine Partnerschaft sehr zeitintensiv und anspruchsvoll ist und nicht automatisch alles leichter wird, wenn sich Fachkräfte darum bemühen, partnerschaftlich mit den Eltern zusammenzuarbeiten.
Einschränkungen im Arbeitsalltag wie geringe Personalkapazitäten, hohe Personalfluktuation und wenig Verfügungszeit führen dazu, dass pädagogische Konzepte, die diese Bedingungen nicht mit berücksichtigen, nicht so praxisnah sind, wie sie zunächst scheinen. Die alltäglichen Bedingungen von Fachkräften – ebenso die der Eltern wie z. B. wenig Zeit aufgrund von Arbeitstätigkeit – wären daher stärker zu reflektieren und systematisch zu berücksichtigen.14
In der Debatte wird nicht deutlich genug, dass in der Literatur ein vermeintliches Ideal beschrieben wird, das nicht der Realität entsprechen muss, dem höchstwahrscheinlich auch in den meisten Kitas nicht entsprochen wird und auch nicht entsprochen werden kann. Viel zu selten wird gefragt, was Partnerschaft für Fachkräfte, für Eltern und für Kinder bedeutet und inwiefern es im Alltag realisiert werden sollte. Die pädagogische Praxis vor Ort hat mehr Gestaltungsmöglichkeiten, das Verhältnis zwischen Fachkräften, Eltern und Kindern auszugestalten, als es zunächst scheint. Damit eröffnen sich für die Beteiligten Handlungsspielräume. Sie können im Dialog miteinander aushandeln, wie sie angesichts mitunter einschränkender Rahmenbedingungen auf beiden Seiten gut zusammenarbeiten wollen und dabei die Perspektiven aller Beteiligten – auch die der Kinder – in Betracht ziehen (wollen).

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