Der Theologe Eugen BiserDie Angst überwinden

Eugen Biser (1918–2014) gehört zu den bedeutendsten theologisch-philosophischen Stimmen der letzten Jahrzehnte. Allerdings, erklärt Richard Heinzmann in seiner konzisen „Theologie der Zukunft“, nimmt der „Existentialphilosoph“ mit seinem ganz ins Zentrum zielenden Neuansatz auch eine Sonderstellung ein: Der Glaubensdenker sei dabei nämlich von dem Grundanliegen getragen, „das Christentum von einem abstrakten und geschlossenen Lehrsystem zur konkreten Wirklichkeit und so zu seiner eigenen Identität zurückzuführen sowie dadurch den zentralen Angriff Nietzsches und der Religionskritik insgesamt ins Leere laufen zu lassen. In diesem Prozess einer theologischen Neu- und Rückbesinnung sieht Biser (…) in Nietzsche weniger den Gegner, den es einfach zu wiederlegen gilt, als vielmehr den Dialogpartner, von dem er sich selbst als Christ in Frage stellen lässt.“

Dass viele Menschen die Gegenwart als radikale Infragestellung ihrer eigenen Identität empfinden, hat Eugen Biser in seinem theologischen Denken umgetrieben. Die welthistorische Zäsur von 1989 begrüßte er als Durchbruch zu größerer humaner Freiheit; er erkannte jedoch auch die Gefahr, dass religiös-kulturelle Prägungen durch eine tiefsitzende Lebensangst destruktiv in ihr Gegenteil verkehrt werden könnten. Das Christentum, so Heinzmann mit Biser, sei die Religion der Angstüberwindung. „Deshalb ist das Christentum keine asketische, sondern eine therapeutische Religion.“ Die Überwindung der Angst, so Bisers Quintessenz, führe zur Eröffnung neuer Lebensmöglichkeiten: Werde der Mensch von seinen Phobien befreit, dann brauche er sich nicht mehr in Abgrenzung zum Fremden definieren, sondern er gewinne ungeahnte humane Möglichkeiten.

Ob der Münchner Religionsphilosoph, ein „konservativer oder progressiver Theologe“ sei, so Heinzmanns Fazit, einer solchen äußerlichen Etikettierung entziehe sich das immense Werk des Gelehrten. „Ohne inneren Bruch (…) ging es ihm immer und allein um das Zentrum, um die Sache des Christentums, ohne Rücksicht auf Beifall oder Missbilligung. Der ‚Wahrheit‘ Christi galt seine ganze Schaffenskraft. Gerade deshalb impliziert seine Theologie eine revolutionäre und zugleich evolutionäre Dynamik.“ Thomas Brose

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Richard Heinzmann

Theologie der ZukunftNeuansatz und Konsequenzen der Theologie Eugen Bisers

Verlag Herder, Freiburg 2019, 80 S. 14,00 € (D).

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