Interview mit der Direktorin des Jüdischen Museums Berlin Hetty Berg„Über Gott zu sprechen, ist nicht unser Auftrag“

Nach Turbulenzen hat das Jüdische Museum Berlin eine neue Leitung und eine neue Dauerausstellung. Die Niederländerin Hetty Berg will das Haus zum offenen Debattenort machen, der aber auch Grenzen kennt. Die Fragen stellten Isabel Metzger und Volker Resing.

Über Gott zu sprechen, ist nicht unsere Aufgabe
Hetty Berg (Mitte) mit Isabel Metzger und Volker Resing© Volker Resing

Frau Berg, wie haben Sie das Jüdische Museum Berlin kennengelernt?

Hetty Berg: Das erste Mal war ich hier im Jahr 2002, kurz nach der Eröffnung. Damals planten wir, das Joods Historisch Museum in Amsterdam neu zu gestalten. Deshalb hat uns interessiert, wie das Jüdische Museum Berlin umgesetzt wurde. Wir standen in engem Austausch mit dem damaligen Museumsmanager Kenneth Gorbey und seinem Mitarbeiter Nigel Cox. Als ich im März dieses Jahres mein Büro in Amsterdam ausräumte, kurz bevor ich nach Berlin zog, fand ich sogar mein Notizbuch von damals wieder.

Was stand darin?

Berg: Mir hat offenbar gefallen, dass die Ausstellung pädagogisch sehr ansprechend gestaltet war. Da war von Schubladen, von Gegenständen zum Anfassen und einem Parcours für Kinder zu lesen. Später gab es immer wieder Begegnungen mit dem Museum. Besonders gut erinnere ich mich an eine im Jahr 2009 oder 2010, damals kuratierte ich zusammen mit Anne Hélène Hoog vom Musée d’art et d’histoire du Judaïsme in Paris die Ausstellung „Helden, Freaks und Superrabbis“. Wir sind damit durch die ganze Welt getourt, bis nach Australien und Brasilien.

Das Jüdische Museum Berlin ist mit über elf Millionen Besuchern in 20 Jahren eines der erfolgreichsten Häuser in Deutschland. Was ist das Geheimnis für seinen Erfolg?

Berg: Ich glaube, ein Grund ist die symbolische Bedeutung des Museums für die deutsche Gesellschaft. Dazu kommt der Libeskind-Bau, der für die damalige Museumsarchitektur sehr ungewöhnlich war und noch heute Anziehungspunkt für viele Besucher ist.

Auch als die Dauerausstellung im Herbst 2001 eröffnete, war dies spektakulär. Der Besucher fand sich im frühen Mittelalter wieder und schritt durch über 1000 Jahre jüdischer Geschichte in Deutschland. Der Holocaust kam als Ausstellungsthema kaum vor. Bleibt es in der neuen Dauerausstellung bei diesem Konzept?

Berg: Wir erzählen aus jüdischer Perspektive die NS-Zeit und den Holocaust eingebettet in die Geschichte der Vor- und Nachkriegszeit. Die Zeit des Nationalsozialismus sowie das Kapitel „Nach 1945“, das von der Neugründung jüdischer Gemeinden nach Kriegsende bis in die Gegenwart reicht, nehmen mehr Raum ein als vorher – ungefähr die Hälfte der Ausstellung. Aber auch in der alten Dauerausstellung kam der Holocaust vor. In der „Achse des Holocaust“ im Untergeschoss konnten und können die Besucher auch jetzt wieder persönliche Geschichten und Objekte aus dieser Zeit sehen.

Damals war die Botschaft der Ausstellung: Wir wollen ein Museum des jüdischen Lebens sein und nicht des Todes. Wie ist das bei der neuen Dauerausstellung?

Berg: Das gilt so noch immer. Ich denke sogar noch stärker: weil wir in unserer neuen Dauerausstellung mehr über das jüdische Leben heute sprechen. Historische Themen wechseln mit Einblicken in jüdische Kultur und Tradition. So wollen wir den ganzen Reichtum und die Lebendigkeit jüdischen Lebens in Vergangenheit und Gegenwart zeigen. Es geht um Ausgrenzung, Zugehörigkeit, Diversität, Identität – und ja: auch um den Tod. Aber mir ist es wichtig, dass die Menschen das Haus nicht als Holocaust-Museum wahrnehmen. Das Judentum hat auch eine Geschichte, davor und danach.

Wenn es so wichtig ist, die Gegenwart darzustellen, welche Rolle hat Israel in der neuen Dauerausstellung?

Berg: Israel ist ein wichtiger Bezugspunkt für Juden auf der ganzen Welt. Das Verhältnis von Deutschland und Israel ist dazu sehr prägend für die Beziehung von Juden und Deutschen, die hier in dieser Gesellschaft zusammenleben. In unserer Dauerausstellung haben wir dem Thema deshalb einen eigenen Raum gewidmet. Da geht es zum Beispiel um das Münchner Olympia-Attentat von 1972. Aber auch um das Luxemburger Abkommen, in dem sich Deutschland und Israel 1952 auf Reparationsleistungen einigten.

Der Gründungsdirektor W. Michael Blumenthal musste während des Holocaust mit seinen jüdischen Eltern aus Berlin fliehen – er kehrte zurück. Auch Sie kommen aus einer jüdischen Familie. Sind Sie religiös aufgewachsen?

Berg: Nein, überhaupt nicht. Ich komme aus einer säkularen Familie. Unsere Erziehung war stark vom Leitbild der sozialen Gerechtigkeit bestimmt. Mein Vater war Politiker, er arbeitete unter anderem als Parlamentarier für die sozialdemokratische Partei. Wir waren im Grunde wie viele andere jüdische Familien auch: Wir lebten kulturell sehr angepasst. Viele waren schon vor dem Krieg nicht mehr religiös gewesen. Nach dem Krieg ging dieser Prozess weiter.

Haben Sie in Ihrem Umfeld trotzdem auch religiöses jüdisches Leben kennengelernt?

Berg: Sehr wenig. Ich war ein paar Mal in der Synagoge. Mit meiner Mutter und meiner Schwester habe ich zu Purim einmal ein Kinderfest besucht. Aber viel mehr passierte da nicht. Ein entfernter Teil unserer Familie war aber sehr orthodox. Einmal wollte ich Pessach feiern. Da nahm mich meine Großmutter zu diesen Verwandten mit. Es war mein erster Sederabend, ich war 13 Jahre alt. Schon damals habe ich mich sehr für das Judentum interessiert. Zu Hause aber war das ein Thema, über das man nicht sprach.

Warum nicht?

Berg: Judentum war verbunden mit dem Kriegstrauma. Viele haben deshalb darüber geschwiegen. Dieses Muster konnte man bei vielen Familien in den Niederlanden beobachten. Nach dem Krieg wandten sich viele vom Judentum ab. Im Unterschied zu den Eltern ging meine Generation auf die Suche nach ihrer jüdischen Identität, ihren Wurzeln. Ein Teil kehrte auch wieder zum Judentum zurück: So war das auch bei mir. Mit der Zeit habe ich meine eigene Verbindung zum Judentum gefunden.

Wenn die ältere Generation nicht vom Judentum erzählt hat, wie sah der Prozess der Aneignung bei Ihnen dann genau aus?

Berg: Natürlich habe ich viele Bücher gelesen. Wir hatten außerdem einige Verwandte in Israel. Als ich 14 Jahre alt war, fing ich an, Hebräisch zu lernen, weil ich sie unbedingt besuchen wollte. Mit 16 Jahren bin ich zum ersten Mal allein nach Israel geflogen. Danach verbrachte ich immer wieder meine Sommerferien dort. Dass ich vor mehr als 30 Jahren am Jüdischen Historischen Museum in Amsterdam angefangen habe zu arbeiten, hat auch viel damit zu tun. Indem ich die Geschichten von anderen Menschen hörte und zum jüdischen Leben in den Niederlanden recherchierte, erfuhr ich auch viel über meine eigene Familie. Für mich war das ein Heilungsprozess.

Wie war Ihre Familie vom Holocaust betroffen?

Berg: In den Niederlanden wurden mehr als 75 Prozent der Juden umgebracht, ein unfassbar hoher Anteil. Daher hatte ich das besondere Glück, noch eine Urgroßmutter kennenzulernen. Sie starb mit 96 Jahren. Ich weiß noch, dass sie immer das Ma Nischtana gesungen hat, das Pessach-Lied, für mich etwas Seltenes damals. Mit der Familiengeschichte meines Vaters habe ich mich aber erst vor einigen Jahren genauer beschäftigt. Zu erfahren, wie von all den vielen Geschwistern der Urgroßeltern kein einziger überlebt hat, war sehr verstörend. Ich konnte diese Recherche erst spät beginnen. Es war zu schrecklich. Es wurde auch nicht darüber gesprochen.

Vor ein paar Monaten sind Sie nun ins „Land der Täter“ gezogen. Können Sie mit dem Begriff etwas anfangen?

Berg: Ich mag diesen Begriff überhaupt nicht. Natürlich, geschichtlich ist das ein Fakt. Heute in Deutschland nehme ich das in meinem täglichen Leben aber so nicht wahr. Es gibt nur noch sehr wenige Täter. Deutschland hat sich weiterentwickelt. Ich finde diesen Begriff deshalb schwierig und würde ihn auch nicht benutzen.

Wie war das für Sie, als Sie nach Berlin umgezogen sind?

Berg: In den Jahren 2016 und 2017 lebte ich schon einmal für mehrere Monate in Berlin. Damals kam ich mit meinem Mann hierher, er arbeitete als Fellow am Wissenschaftskolleg. In dieser Zeit habe ich Berlin intensiv kennengelernt. Anfangs war das für mich sehr schwierig. Überall sah ich die Spuren des Holocaust. Das Wissenschaftskolleg liegt im Grunewald und auf dem Weg zur S-Bahn kam ich immer am Mahnmal Gleis 17 vorbei. Dort wurden während der NS-Zeit zehntausende Juden deportiert. Das hat mich emotional sehr berührt. Als Direktorin des Jüdischen Museums Berlin habe ich nun eine ganz andere Möglichkeit, die Stadt kennenzulernen. Dass ich in Deutschland und in Berlin arbeiten kann, das hat für mich persönlich eine große Bedeutung.

Wie unterscheidet sich jüdisches Leben in Berlin von jüdischem Leben in Amsterdam?

Berg: Ich habe fast 40 Jahre in Amsterdam gelebt, eine internationale und multikulturelle Stadt, die auch durch eine jahrhundertealte jüdische Geschichte geprägt ist. An Berlin fasziniert mich, wie vielfältig sich hier das jüdische Leben zeigt. Anders als in Amsterdam gibt es auch außerhalb der Jüdischen Gemeinden viele Menschen, die eigene jüdische Foren und Initiativen gründen. Darüber, was es bedeutet, jüdisch zu sein, wird in Berlin viel diskutiert, sowohl öffentlich als auch privat. Diesen Wandel finde ich spannend und ich möchte genau diesen vielfältigen Stimmen im Museum ein Podium geben.

Wir sehen wachsenden Antisemitismus in Deutschland, besonders sichtbar etwa durch den Anschlag in Halle. Wo nehmen Sie Hass, Ausgrenzung und Vorurteile wahr?

Berg: Der Anschlag auf die Synagoge in Halle zeigt eine neue, gewalttätige Dimension des Antisemitismus. Das sind ernste Entwicklungen. Aber hier sehe ich gerade für das Museum und für mich als Direktorin eine wichtige Aufgabe, gegen vorhandene Stereotype zu kämpfen und Vorurteile abzubauen. In unserer Ausstellung haben wir beispielsweise einen Debattenraum, in dem Schülergruppen darüber diskutieren können, was Antisemitismus bedeutet, wie man ihn erkennt und einordnet. In Kurzfilmen zeigen wir alltägliche, ambivalente Fallbeispiele, über deren antisemitischen Charakter sich diskutieren lässt: Soll das „Judensau“-Relief an der Stadtkirche in Wittenberg entfernt werden? Oder: Ist es antisemitisch, wenn man zu jemandem „Du Jude!“ sagt? Wir fordern unsere Besucher auf, darüber nachzudenken und sich eine eigene Meinung zu bilden.

Wir erleben dazu sehr hitzige Diskussionen. Ihr Vorgänger, der renommierte Judaist Peter Schäfer, ist etwa zurückgetreten nach Debatten um Israelkritik und die Frage nach Ausgewogenheit von Darstellungen. Was können Sie aus solchen Konflikten lernen?

Berg: Ich will das nicht bewerten. Was passiert ist, ist natürlich sehr bedauerlich. Für die Mitarbeiter war das sicherlich auch eine schwierige Zeit. Die Debatte um das Museum hat aber auch seine besondere Rolle sowie seine Relevanz in der Gesellschaft und im kulturellen Leben deutlich gemacht. Und, dass es wichtig ist, dass wir hier offene Debatten führen können. Gerade bei Themen wie Zugehörigkeit und Diversität kann man eine starke Polarisierung und Aggressivität in unserer Gesellschaft feststellen. Deshalb wollen wir einen Raum bieten, in dem man sich auf Augenhöhe begegnet und respektvoll miteinander diskutiert. Museen sind geschützte Räume und haben in dieser Funktion heute eine besondere Bedeutung.

Der Antisemitismusbeauftragte Felix Klein kritisierte den Historiker Achille Mbembe, er bediene antisemitische Klischees. Wie bewerten Sie die Debatte? Darf der Wissenschaftler eingeladen werden?

Berg: Diese Frage möchte ich nicht kommentieren. Diese Debatte ist zu komplex, um sie hier in ein paar Sätzen zu führen.

In früheren Gesprächen sagten Sie aber, dass Sie durchaus Grenzen ziehen...

Berg: Ja, das stimmt, da ging es um den Fall BDS (Boycott, Divestment and Sanctions). Das ist eine Bewegung, die nicht nur zum Boykott von Israel, sondern auch von israelischen Künstlern und Wissenschaftlern aufruft. Hier ist für mich tatsächlich eine Grenze.

Das heißt, für bestimmte Debatten steht das Jüdische Museum Berlin nicht zur Verfügung?

Berg: Ja, das stimmt.

Einer der Vorwürfe an die BDS-Bewegung war, dass Antisemitismus sich oft der Israelkritik bedient. Nehmen Sie in Deutschland diese Debatte hitziger wahr als in den Niederlanden?

Berg: In den Niederlanden gibt es solche Diskussionen auch, sie werden vielleicht nur nicht so grundsätzlich geführt.

Antisemitismus ist ein Phänomen, das auch in anderen Ländern besteht. Wie bewerten sie die Situation?

Berg: Natürlich, Antisemitismus gibt es überall. Aber in Deutschland wird über dieses Thema aufgrund der Vergangenheit sehr emotional gesprochen.

Sie wollen das Jüdische Museum also nicht als Museum gegen Antisemitismus verstehen?

Berg: Nein, nicht allein. Es gibt schon jetzt viele Einrichtungen, die sich mit dem Thema Antisemitismus beschäftigen. In Berlin ist da zum Beispiel das Zentrum für Antisemitismusforschung eine wichtige Einrichtung. Judentum wird leider immer gleich mit Antisemitismus in Verbindung gebracht. Hier im Museum möchte ich die Lebendigkeit und Vielstimmigkeit des Judentums zeigen.

Zurück zur neuen Ausstellung: Was ist Ihr Lieblingsobjekt, Ihre Lieblingsecke?

Berg: Schwierige Entscheidung! Mir gefällt an der Ausstellung gut, dass sie immer wieder eine Beziehung zur Gegenwart herstellt. In einem Bereich geht es zum Beispiel um das Thema Gebot und Gebet. Dort erzählen Juden in einer Videoinstallation, wie sie ihr Verhältnis zum jüdischen Gesetz sehen. Zu den Sprechern gehören die französische Rabbinerin Delphine Horvilleur, ein orthodoxer Rabbiner aus Berlin und ein israelischer Philosoph. Sie spiegeln die ganze Vielfalt an Perspektiven jüdischen Lebens. Ein Objekt, das mich sehr berührt, ist ein Aufnahmegerät, mit dem der amerikanische Psychologe David Boder im Jahr 1946 Überlebende des Holocaust interviewte. Ich habe selber viele Interviews mit Überlebenden in Amsterdam geführt. Das war sehr bewegend für mich. Manche Menschen erzählten ihre Geschichte zum ersten Mal.

Sie haben vorhin gesagt, Sie sind säkular aufgewachsen. Wie viel Religion steckt im Jüdischen Museum Berlin und was haben Sie für den Dialog mit anderen Religionen hier in Berlin geplant?

Berg: Der historische Rundgang der neuen Dauerausstellung ist nicht streng chronologisch wie vorher. Die Epochen werden immer wieder mit Einblicken in jüdische Kultur und Religion unterbrochen. Hier erfährt man sehr viel über jüdisches Leben. Was ist im Judentum heilig? Was bedeutet der Schabbat? Unser Haus steht allen offen, unabhängig von der Religion. Unsere geplante Kinderwelt ANOHA bietet darum ein Angebot, das Menschen unterschiedlicher Religion und Weltanschauung anspricht. Im Zentrum steht die Geschichte der Arche Noah, die man aus der Torah wie auch aus der Bibel und dem Koran kennt. So können sich die jungen Besucher austauschen und sich auch mit dem Thema Schöpfung und aktuellen Themen wie Klima, Natur und Nachhaltigkeit auseinandersetzen.

Lassen sich damit auch mehr Berliner ins Museum holen?

Berg: Mit der Kinderwelt ANOHA schaffen wir einen dauerhaften Ort zum Entdecken und Spielen für Familien und Kinder zwischen 3 und 10 Jahren. Es ist mir sehr wichtig, dass wir mit diesem neuen Museum, das hoffentlich im November eröffnen wird, ein Ankerpunkt im Kiez Kreuzberg-Mitte werden und unser familienfreundliches Programm mit anderen Initiativen in Berlin vernetzen. Mein Ziel ist es, gerade die Berliner und die Deutschen einzuladen, die bisher nur etwa 30 Prozent der Besucher ausmachen – ohne dabei das internationale Publikum aus den Augen zu verlieren. Um eine gesellschaftliche Rolle als Museum zu spielen, muss man die Menschen erreichen, die diese Gesellschaft ausmachen.

In der unmittelbaren Nachbarschaft gibt es auch eine große muslimische Gemeinschaft. Wie wollen Sie die in das Haus bringen?

Berg: Wir arbeiten schon jetzt eng mit der muslimischen Community aus der Umgebung zusammen, stehen mit Schulen im Kiez in Kontakt. Ab 2016 traf sich zum Beispiel einmal im Monat der Kinderbeirat, der sich mit uns zur Gestaltung des Kindermuseums Gedanken gemacht hat. Das ist eine sehr diverse Gruppe.

Wie nehmen Sie das Christentum in Deutschland wahr?

Berg: Ich habe bislang wenig Berührungspunkte. In den Niederlanden schon eher, das ist eine dominant christliche Umgebung.

Ist das nicht eher eine dominant säkulare Umgebung?

Berg: Auch, aber immerhin ist Weihnachten ein nationaler Feiertag (lacht). Die Niederlande werden mehr und mehr säkular. Aber das Land wurde lange Zeit auch stark geprägt von der calvinistischen Kirche. Als ich ein Kind war, wohnten in unserer Nachbarschaft orthodoxe Christen. Am Sonntag gingen sie dreimal in die Kirche. Die Kinder durften nicht draußen spielen, nicht fernsehen, nichts. Wenn wir draußen waren, schauten sie durch die Gardinen. Wie aber nehme ich Christentum heute wahr? Schwierige Frage, es spielt keine große Rolle für mich.

In Ihrem persönlichen Judentum steckt offenbar auch gar nicht so viel Religion?

Berg: Für mich ist Religion vor allem kulturell geprägt. Ich feiere Schabbat und auch andere Festtage. Aber ob ich das nur aus Tradition tue oder ob es auch eine religiöse Bedeutung für mich hat, das ist schwierig zu beantworten. Im Judentum ist Glauben nicht so wichtig. Das Tun ist wichtiger.

Wir leben in Deutschland heute ja in einer sehr säkularen Gesellschaft. Glauben Sie, dass die Gottesfrage für ein jüdisches Museum eine Rolle spielt?

Berg: Was meinen Sie mit der Gottesfrage?

Die Frage nach Gott.

Berg: Diese Frage kann ein Museum nur schwer beantworten. Es geht uns um jüdische Praxis, Tradition und Kultur. Dazu gehören natürlich auch Themen wie Schabbat und die Torah.

Aber sind die Juden nicht die Entdecker oder Erfinder der monotheistischen Religion? Man könnte sagen: Es gibt kein Judentum ohne Gott. Und möglicherweise ohne Judentum nicht diesen Gott?

Berg: Man kann ein jüdisches Leben mit all seinen Bräuchen in der Praxis auch leben, ohne wirklich sicher zu sein, dass es diesen Gott gibt. Vielleicht ist das genau das Schöne im Judentum: dass es auch erlaubt ist, zu zweifeln.

Zweifel gibt es natürlich von Anfang an auch im Christentum. Aber Ihr Vorvorgänger W. Michael Blumenthal sagte auch einmal in etwa: Mit Gott hab ich gar nichts am Hut, ich leite das Jüdische Museum Berlin.

Berg: Genau, das sage ich auch. Das eine ist meine Rolle als Direktorin. Das andere ist privat. Die Geschichte und Kultur jüdischen Lebens in Deutschland zu präsentieren, die Komplexität der Entwicklungen in der deutschen Gesellschaft aus jüdischer Perspektive aufzugreifen, das ist der Auftrag des Jüdischen Museum Berlin. Und nicht, über Gott zu sprechen.

Die Gottesfrage ist in unserer Gesellschaft schon etwas Peinliches geworden?

Berg: Die Gottesfrage ist etwas Individuelles und Persönliches. Jeder hat seine eigene Antwort darauf. Auch in unserer Ausstellung hört man dazu unterschiedliche Stimmen, etwa in der schon erwähnten Installation „The Way you Walk“, in der fünf Rabbiner über ihren Umgang mit der Religionspraxis sprechen. Am Ende der Ausstellung ist ein Schlusschor aus 50 Jüdinnen und Juden zu hören, die in Deutschland leben und zwischen 5 und 94 Jahre alt sind. Sie beantworten auf sehr unterschiedliche Weise die Frage, was es bedeutet, jüdisch zu sein.

Zum Abschluss: Haben Sie einen Lieblingsort in Berlin, außer dem Museum?

Berg: Ich liebe all die Seen in und um Berlin, in denen man so wunderbar schwimmen gehen kann.

Die Kirchen in Berlin müssen Sie also noch entdecken?

Berg: Ich höre jeden Tag die Kirchenglocken und die Gesänge der Muezzine. Ich lebe in Wilmersdorf, ganz nah am Hohenzollerndamm. Dort bin ich von diesen schönen Klängen der Vielfalt umgeben.

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