KulturSpuren des Kreuzes

Hinter einem Buch mit dem Titel „Das verleugnete Kreuz“ könnte man eine Polemik vermuten, irgendetwas über Gipfelkreuze, den bayrischen Kreuz-Erlass und den Auftritt von Kardinal Reinhard Marx auf dem Jerusalemer Tempelberg. Doch davon findet sich wenig in dem Band des Hildesheimer Publizisten Uwe Wolff. Stattdessen umkreist der Autor das Symbol des Kreuzes in den unterschiedlichsten Dimensionen: Anthropologisches und Religionsgeschichtliches reiht sich an Apokryphes, Legendarisches und Mystisches und verbindet sich dabei mit Tagesaktuellem und Höchstpersönlichem aus der Biographie des Autors. Zu Wolffs Gewährsleuten gehören Kaiserin Helena und Franz von Assisi ebenso wie Joseph Beuys und Leonard Cohen.

Auf diese Weise entsteht keine systematisch vorgehende theologische Abhandlung mit Anspruch auf Vollständigkeit, sondern neun eher meditative Kapitel, die der Autor als „Anstöße“ für eine neue Debatte um das Kreuz verstanden wissen will. Wolff will nicht „wiederholen, was alle wissen“, sondern „in den Kern der Dinge vorstoßen.“ Das Kreuz scheint auf als Ursymbol des Kosmos wie des Menschen, als Zeichen des Todes wie des Lebens, des Scheiterns wie des Sieges.

Wolff, der Privatdozent am Hildesheimer Institut für literarisches Schreiben ist und Biografien unter anderem über Walter Nigg, Erwin Iserloh und Edzard Schaper veröffentlicht hat, geht mit seinem Material in einer gewissen literarischen Freiheit um. Manches erscheint dadurch etwas zufällig oder spekulativ, an manchen Stellen freut sich der Leser aber über überraschende Assoziationen – etwa, wenn Wolff die Christen unter Verweis auf die Klimaproteste zu mehr eschatologischem Ernst mahnt und Johannes den Täufer bei einem „apokalyptischen Klimagipfel am Ufer des Jordan“ auftreten lässt: „Dass der Gekreuzigte eines Tages kommen werde, zu richten die Lebenden und die Toten, wird in den Kirchen gebetet, aber nicht mehr mit dem Herzen geglaubt. (...) Ein Priester oder eine Pastorin, die vom Weltgericht (...) predigte und dabei der Gemeinde zuriefe ‚I want you to panic!‘, geriete in arge Bedrängnis.“ Benjamin Leven

Herder Korrespondenz-Newsletter

Ja, ich möchte den kostenlosen Herder Korrespondenz-Newsletter abonnieren und willige somit in die Verwendung meiner Kontaktdaten zum Zwecke des eMail-Marketings des Verlag Herders ein. Dieses Einverständnis kann ich jederzeit widerrufen.

Uwe Wolff

Das verleugnete KreuzAnstöße für eine überfällige Debatte.

Claudius Verlag, München 2019, 160 S. 18,00 € (D).

Bestellen bei Amazon