Tagung zu Gewalt gegen Frauen in Kirche und OrdenDas Schweigen beenden

Wenn von Missbrauch in der Kirche die Rede ist, denken die meisten wohl an Übergriffe und Gewalt gegen Kinder und Jugendliche. Eine Tagung widmete sich nun dem lange übersehenen Thema des Missbrauchs an erwachsenen Frauen.

Das Schweigen beenden
© Pixabay

In der weltkirchlichen Dimension ist das Problem schon lange bekannt: Der systematische Missbrauch an Ordensfrauen und Novizinnen in Indien oder Afrika ist ein verbreitetes und weithin bekanntes Problem. Diese Art von Verbrechen findet jedoch weltweit statt, auch in Gemeinden und Orden in Deutschland sind Frauen betroffen. Doch die großen Skandalwellen mit breiter medialer und öffentlicher Aufmerksamkeit, Vergebungsbitten, Maßnahmenkatalogen oder Sondergipfeln blieben bislang aus. Die Aufmerksamkeit durch Studien (die bis in die Neunzigerjahre zurückreichen), Filme, Aufklärungsartikel, Bücher oder Zeugnisse von Betroffenen verebbte schnell wieder.

Wie auch bei sexuellen Übergriffen oder Vergewaltigungen in der säkularen Welt haben viele Frauen – wenn sie sich trauen, sich zu offenbaren – zunächst einmal mit Vorurteilen zu kämpfen: Hat sie sich „falsch“ verhalten? Hat sie ihm oder ihr „schöne Augen gemacht“? Hat sie dieses Verhalten provoziert, dazu eingeladen, gar dazu aufgefordert? Da „muss“ doch „irgendetwas“ gewesen sein und „dazu gehören doch immer zwei“…? Oft schlagen Vorurteile und Verdächtigungen den Opfern nicht nur von männlicher Seite entgegen, sondern auch von Frauen, sei es aus der Gemeinde, dem Orden oder bisweilen sogar aus der eigenen Familie.

Viele Täter sorgen auf perfide Weise dafür, dass genau das passiert. Das erklärte Doris Reisinger auf der Tagung „Gewalt gegen Frauen in Kirche und Orden“, die am letzten Septemberwochenende in Siegburg stattfand und von den 125 Teilnehmerinnen als „historischer Moment“ gewertet wurde. Reisinger hat das Thema vor einigen Jahren in Deutschland neu mit öffentlich gemacht und die Debatte darum mit angestoßen, seit sie (unter ihrem Geburtsnamen Wagner) über ihren eigenen geistlichen und sexuellen Missbrauch in der geistlichen Gemeinschaft „Das Werk“ berichtet hat.

Auf der Tagung, von der Männer ausgeschlossen waren, machte sie in ihren Impulsbeiträgen deutlich, dass viele Täter viel Arbeit und Zeit investieren, um sich ein vollkommen intaktes, hochangesehenes Image aufzubauen. Sie schlagen dann zu, wenn sie das perfekte Profil nach außen haben – für die betroffenen Frauen wird es dann umso schwerer, sich Gehör zu verschaffen und als glaubwürdig angesehen zu werden.

Oft nutzen Priester, die zu Tätern werden, ihre Rolle als Seelsorger und Vertrauensperson aus. Frauen in Not, in labilen seelischen oder körperlichen Zuständen und Frauen auf der Suche nach Verständnis, Nähe und Anerkennung können zum Opfer werden. Mancher Täter verlangt „sexuelle Gefälligkeiten“ als Dank für die Rettung einer Frau aus ihrer Notlage. Andere machen Frauen wirtschaftlich, beruflich-existenziell und persönlich vollkommen von sich abhängig. Manchmal kommen die Übergriffe schleichend, hier ein Blick, da eine Berührung oder Bemerkung. Und manchmal kommt die Gewalt schnell, brutal und umfassend, an Leib und Seele.

Doch es sind nicht nur die pathologischen Persönlichkeiten Einzelner, die zu Gewalt an Frauen in der Kirche führen. Lange Zeit war es in vielen Ordensgemeinschaften „normal“, dass die jungen Frauen, die in einen Orden eintraten, systematisch gebrochen wurden. Ihre eigene Persönlichkeit sollte ganz hinter die „neue“ Persönlichkeit, die Ordensperson zurücktreten. Dazu kam die Forderung nach Gehorsam, Gefügigkeit und leichter Lenkbarkeit, um sich nahtlos in eine Gemeinschaft einzufügen. Nicht selbst denken, nicht selbst handeln, nicht selbst das eigene Leben gestalten. Und diese Gewaltanwendung ging bis zum innersten Kern – bis zur persönlichen Beziehung mit Gott und dem Gottesbild, erzählt Reisinger in Siegburg.

Das fällt dann unter den Begriff des geistlichen Missbrauchs. Auch heute geschieht so etwas, wenn es auch eher manchen neueren geistlichen Gemeinschaften zugeschrieben wird. Die Deutsche Ordensobernkonferenz (DOK) und die in ihr zusammengeschlossenen Gemeinschaften engagieren sich schon länger beim Thema Missbrauch und Prävention. Doch bis heute werde nach „adäquaten Strukturen“ und Wegen gesucht, was die Aufklärung, Ahndung und Prävention von Gewalt gegen Frauen in Kirche und Orden angehe, so die DOK-Vorsitzende, Schwester Katharina Kluitmann, gegenüber der „Katholischen Nachrichten-Agentur“.

Manch eine Ordensfrau, die an der Tagung teilnahm, hat Unterdrückung und Ausbeutung im Orden nicht selbst erlebt und ist – auch wenn sie um die Realität solcher Erfahrungen weiß – sicher: „Ich hätte mir das nicht gefallen lassen.“ Doch kein Mensch ist davor gefeit, dass seine Charakterstärke Risse bekommt und seine Seele Schwachheit erlebt, die es unmöglich macht, sich rechtzeitig oder überhaupt zu wehren.

Und selbst die Frauen, die am Ende stark genug sind, ihren eigenen Weg in der Kirche weiter zu gehen, behalten Wunden, Narben, Traumaspuren. So erzählt eine Frau davon, wie man sie beispielsweise aufforderte, mit einem Priester zu schlafen, als sie Mitglied einer geistlichen Gemeinschaft werden wollte. Sie wurde gemobbt, unterdrückt, diskreditiert und an den Rand gedrängt.

Nicht immer entspringen Gewalt und Missbrauch im Orden dem Versuch, eine Novizin kleinzumachen und eine Mitschwester klein zu halten. Manchmal steht durchaus eine Bewunderung, Zuneigung oder auch Liebe zu einer dominanten Mitschwester am Beginn, die dann ihre Macht missbrauchte. Reisinger nennt „Risikofaktoren“ wie emotionale Bedürftigkeit, aber auch vorherige Missbrauchserfahrungen aus Kindheit und Jugend. Manche Frauen berichteten ihr, dass Priester just in dem Moment übergriffig wurden, als die Frauen von Missbrauchserfahrungen in der Kindheit oder Jugend erzählten und besonders schutzbedürftig waren, sich nach Halt, Verständnis und Nähe sehnten.

Ein Drittel der Ordensfrauen könnte betroffen sein

Es sind vor allem die persönlichen Erfahrungen, über die Stillschweigen vereinbart wurde auf der Konferenz, die berühren und bewegen. Es sind Erfahrungen von Stärke gegenüber dem Schwächeren, von Dominanz gegenüber der vermeintlichen Untergeordnetheit, von dem Bruch vollkommenen Vertrauens und dem Ausnutzen von Zuneigung. Deutlich wird, dass es letztlich immer um den Missbrauch von Macht geht.

Probleme entstehen nicht nur durch Klerikalismus und Hierarchie, sie reichen tiefer. Über Jahrhunderte galt und gilt zum Teil bis heute ein Frauenbild, das geprägt ist vom Bild der dienenden, fügsamen, schweigenden, sich „natürlich“ unterordnenden Frau. „Das steckt uns in den Knochen“, hieß es in Siegburg auch. „Darauf sind wir alle konditioniert.“ Und solange es in Kirche und Gesellschaft keine vollständige Gleichberechtigung gibt, besteht auch ein erhöhtes Risiko für Gewalt an Körper, Geist und Seele von Frauen.

Veranstalter der Tagung waren die Arbeitsstelle Frauenseelsorge der Deutschen Bischofskonferenz, die Deutsche Ordensobernkonferenz sowie die beiden katholischen Frauenverbände kfd (Katholische Frauengemeinschaft Deutschlands) und KDFB (Katholischer Deutscher Frauenbund). Aurica Jax, die Leiterin der Arbeitsstelle Frauenseelsorge und mit Reisinger Hauptinitiatorin der Tagung, zieht eine positive Bilanz der Veranstaltung. „Mich hat die Atmosphäre der Tagung insgesamt bewegt: die hohe Sensibilität von über 120 Frauen im Umgang miteinander und eine Betroffenheit, die aber nicht in der Lähmung verharrte, sondern solidarisch über weitere Schritte diskutierte“, sagte sie der „Herder Korrespondenz“.

Zu den nächsten Schritten gehört die Einrichtung eines Hilfstelefons für Betroffene, die Planung weiterer Veranstaltungen und der Ausbau der Öffentlichkeitsarbeit sowie eine Pressekonferenz am 18. November in Würzburg. Vor allem aber soll endlich die Forschung gefördert werden. „Wir brauchen empirische Daten“, hat Reisinger in Siegburg deutlich gemacht. Dann erst ließen sich Muster nachweisen. Und dann erst lasse sich das Thema in einer breiten Öffentlichkeit diskutieren – was zu Aufarbeitung, Anerkennung des Leids und einer Art Entschädigung sowie zu Prävention und mehr Bewusstsein für die Problematik führen kann. Die Regensburger Professorin Ute Leimgruber werde Promotionsprojekte begleiten, kündigt Jax nach der Tagung an. Darüber hinaus gebe es ein Buchprojekt des Katholischen Deutschen Frauenbundes, in dessen Rahmen Zeugnisse betroffener Frauen gesammelt und veröffentlicht werden.

Studienergebnisse aus anderen Ländern sowie Erhebungen aus dem säkularen Bereich legen nahe, dass rund ein Drittel aller Ordensfrauen von sexueller, körperlicher oder geistlicher Gewalt betroffen war oder ist, auch in Deutschland.

„Es liegt noch viel Arbeit vor uns, institutionell und theologisch“, sagt Jax nach der Tagung. Gerade in Bezug auf die Theologie schienen viele Debatten in Vergessenheit geraten zu sein, „die bereits geführt wurden“. Was wünscht sich die Theologin von den deutschen Bischöfen, aber auch mit Blick auf die Weltkirche? „Ich wünsche mir, dass den Betroffenen zugehört und geglaubt wird, und dass die Täter – manchmal sind es ja auch Täterinnen – kirchen- und strafrechtlich zur Verantwortung gezogen werden“, sagt Jax. „Weltkirchlich gibt es in Bezug auf Gewalt gegen Frauen in kirchlichen Kontexten unendlich viel aufzuarbeiten und zu ändern. Es kann nicht sein, dass Papst Franziskus diese Missstände zwar benennt, aber keine erkennbaren Gegenmaßnahmen ergreift.“

Bisweilen kann man den Eindruck gewinnen, dass Amtsträger wie Laien vom Thema Missbrauch mit all seinen Facetten nichts mehr hören wollen. Jax sagt dazu: „Die eigene Konfrontation mit dem Missbrauch an Kindern und Jugendlichen ist für niemanden einfach und wir neigen zum Ausweichen, weil das Geschehene und Geschehende so monströs ist. Ähnliches gilt für die Gewalt an Erwachsenen, weil die Tatsache so schwer zu ertragen ist, dass auch volljährige Menschen in diesem Ausmaß manipuliert wurden und werden und dass der Glaube dafür instrumentalisiert wurde.“

Die Herausforderung bestehe darin, trotzdem hinzusehen, das Thema anzusprechen und „dranzubleiben“. Oft können oder wollen die Opfer nicht öffentlich sprechen, betont Jax – „aber alle, die auf der Tagung waren oder die Geschichten aus ihrem Umfeld kennen, können in anonymisierter Form davon erzählen und das Thema im Bewusstsein halten“. Das sei nicht leicht, „weil wir ohnehin nur wenig angemessene Sprache für Intimes haben, aber wir müssen weiter nach Worten suchen“, fordert Jax. „Für mich ist das eine Frage der Haltung, zu der es aus dem Evangelium heraus keine Alternative gibt.“

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