Die Willensfreiheit aus der Sicht der HirnforschungFiktive Freiheit?

Aus den Ergebnissen der jüngeren Hirnforschung resultieren massive Anfragen an die philosophisch und theologisch zentrale Vorstellung eines freien menschlichen Willens. Hans Goller, Professor für Christliche Philosophie in Innsbruck, skizziert den derzeitigen Diskussionsstand.

Die in den USA ausgerufene „Dekade des Gehirns“ ist vorbei, die Zukunft der Hirnforschung aber hat erst begonnen. Ihr Hauptinteresse gilt dem „Organ der Seele“. Damit zählt sie auch klassische Themen der Philosophie und Psychologie wie Bewusstsein und Willensfreiheit zu ihren Untersuchungsgegenständen. Die Frage, ob die wissenschaftliche Psychologie sich auch mit dem Freiheitsproblem befassen solle, ist dabei erst seit rund fünf Jahren wieder aktuell und wird derzeit interdisziplinär zwischen Psychologie, Philosophie und Hirnforschung erörtert (vgl. Mario von Cranach und Klaus Foppa [Hg.], Freiheit des Entscheidens und Handelns. Ein Problem der nomologischen Psychologie, Heidelberg 1996). In den Anfängen der empirischen Psychologie waren Wille und willentliches Handeln noch zentraler Gegenstand psychologischer Forschung. Der Behaviorismus, der die akademische Psychologie bis in die siebziger Jahre prägte, wollte im Gegensatz zur Bewusstseinspsychologie jedoch eine objektive Verhaltenswissenschaft aufbauen. Als Forschungsgegenstand akzeptierte er nur beobachtbares, messbares und quantifizierbares Verhalten. Willensphänomene waren damit quasi tabuisiert. Burrhus Frederic Skinner, der wohl prominenteste Behaviorist, betrachtete die Vorstellung von Freiheit als eine Illusion (vgl. Beyond freedom and dignity, New York 1971). Erst im Zuge der sogenannten „Kognitiven Wende“ in der Verhaltenspsychologie tauchte dann das Thema Erleben und Bewusstsein in der Psychologie wieder auf. Wie es – zumindest in seiner frühen Phase – für Sigmund Freud selbstverständlich war, dass jede brauchbare psychologische Theorie mit dem Wissensstand der Anatomie und Physiologie des Nervensystems vereinbar sein müsse, sollten heute Aussagen über Erleben und Verhalten auch den Ergebnissen der Hirnforschung nicht widersprechen.

Während wir die Willensfreiheit im Alltag als selbstverständlich gegeben voraussetzen und als unverzichtbare Grundlage unseres Zusammenlebens und unserer Rechtsordnung verstehen, versucht die Hirnforschung die neuronalen Vorgänge zu identifizieren, die unserem Erleben der Willensfreiheit zugrunde liegen. Ihrer Grundthese zufolge ist das gesamte Erleben und Verhalten vom Gehirn und seinen Funktionen abhängig. Ohne funktionierendes Gehirn erleben wir nichts. Damit hat auch alles, was je über Seele, Materie und Bewusstsein gedacht und geschrieben wurde, seinen Ursprung in Gehirnvorgängen (vgl. Hubert Rohracher, Einführung in die Psychologie, Wien 1965). Bedeutet aber die Entdeckung der neuronalen Grundlage unseres Erlebens der Willensfreiheit zugleich ihr Ende?

Die Vorstellung, Emotionen stünden reflektierten und verantwortlichen Entscheidungen im Wege, ist weit verbreitet. Nach dem vorherrschenden Entscheidungsmodell, das auch viele Ökonomen favorisieren, führen wir uns verschiedene Alternativen vor Augen, wägen ihre Vorteile und Nachteile ab und nach dieser Kosten-Nutzen-Analyse entscheiden wir uns für die beste Alternative. Neuere Befunde aus Psychologie und Hirnforschung zeigen jedoch, dass Emotionen bei Entscheidungen nicht bloß hilfreich, sondern notwendig sind. Ohne Emotionen können wir keine persönlichen Entscheidungen treffen, wie zum Beispiel einen bestimmten Beruf ergreifen, ein Studienfach wählen oder uns für einen konkreten Lebenspartner entscheiden. Wenn eine Möglichkeit sich genauso anfühlt wie jede andere, oder wenn die einzelnen Alternativen für uns keinerlei Gefühlsqualität besitzen, ist eine Entscheidung nicht mehr als das Werfen einer Münze. Gefühle bilden die Grundlage unseres subjektiven Wertungssystems.

Dies belegen Untersuchungen an hirngeschädigten Patienten. Der Neurologe Antonio Damasio (vgl. Descartes’ Irrtum. Fühlen, Denken und das menschliche Gehirn, München 1995, 64–85) berichtet unter anderem von einem Patienten mit Namen Elliot, der eine seltsame Unfähigkeit zum Treffen von Entscheidungen zeigte. Bei Elliot musste ein Tumor im Bereich des Stirnhirns entfernt werden. In der Zeit nach der Operation veränderte sich seine Persönlichkeit. Seine Intelligenz, sein Denken, sein sprachlicher Ausdruck und seine Motorik waren zwar intakt, aber er war nicht mehr in der Lage, vernünftige Entscheidungen zu treffen und einen Zeitplan einzuhalten. Elliot wirkte emotional verarmt und ungewöhnlich distanziert. Damasio kam zur Überzeugung, dass die Gefühllosigkeit des Denkens Elliot daran hinderte, verschiedenen Handlungsmöglichkeiten unterschiedliche Werte zuzuordnen, so dass seine Entscheidungslandschaft völlig abflachte.

Emotionen dienen offenbar dazu, bei Entscheidungen eine günstig erscheinende Vorauswahl zu treffen und die Konsequenzen zukünftiger Ereignisse abzuschätzen. Sie sind außerdem notwendig, um rationale Erkenntnis handlungswirksam werden zu lassen. Neuropsychologische Befunde weisen darauf hin, dass dem Gyrus cinguli anterior eine wichtige Rolle beim Wollen zukommt: Diese Hirnregion bildet den vorderen Teil einer Hirnwindung, die sich wie eine Sichel an der inneren Oberfläche des Kortex befindet, und von vielen Autoren zum Stirnhirn gerechnet wird. Neben ihrer Bedeutung bei der Auswahl von Handlungen ist sie eine Schnittstelle zwischen Emotion und Kognition. Beidseitige Schädigungen dieser Hirnregion verursachen einen Zustand, der als akinetischer Mutismus, als Bewegungslosigkeit und Sprachlosigkeit, bezeichnet wird (vgl. Antonio Damasio, Ich fühle also bin ich. Die Entschlüsselung des Bewusstseins, München 2000, 126–128). Dieser Terminus verweist, wie medizinische Termini im Allgemeinen, auf das, was von außen beobachtbar ist, vernachlässigt jedoch das Erleben der Betroffenen. Obwohl ihr Bewusstsein beeinträchtigt ist, sind diese Patienten wach. Ihre Wahrnehmung funktioniert, und ihre primären Sprachareale und Bewegungsareale sind intakt. Sie könnten eigentlich sprechen und sich bewegen, tun es aber nicht. Eine Patientin, die aus diesem Zustand erwachte, berichtete über ihr rätselhaftes monatelanges Schweigen und ihre Bewegungslosigkeit. Im Gegensatz zu dem, was ein flüchtiger Beobachter hätte meinen können, war ihr Geist nicht wie in einem Gefängnis eingesperrt gewesen. Vielmehr war von ihrem Geist nicht viel übrig geblieben. Sie hatte keine Erinnerung an bestimmte Erfahrungen während der langen Zeit des Schweigens. Nie hatte sie Furcht oder Angst empfunden, nie den Wunsch nach Kommunikation verspürt. Damasio betont, dass diese Patientin unter all dem auch nicht gelitten habe. Es gab keine emotionalen Reaktionen.

Was ihr fehlte, war offensichtlich jeglicher Antrieb, jegliche Motivation, tätig zu werden. Wie sie selbst sagte, lag es nicht daran, dass sie nicht verstand, was um sie herum vor sich ging. Es war vielmehr so, dass sie nichts tun oder sagen wollte. Francis Crick zog aus dieser Schilderung den Schluss: Die Frau hat ihren Willen verloren (vgl. Francis Crick, Was die Seele wirklich ist. Die naturwissenschaftliche Erforschung des Bewusstseins, München 1994, 327). Folgende neuroanatomische Erklärung des akinetischen Mutismus drängt sich auf: Der Gyrus cinguli anterior liegt nahe der Schnittstelle zwischen Stirnhirn, motorischen Zentren und ist Teil des limbischen Systems, das bei Emotionen eine wichtige Rolle spielt.

Das Wollen-Können selbst kann gestört sein

Das Gefühl, Urheber der eigenen Handlungen zu sein, ist eine wesentliche Komponente der Willensfreiheit. Willensfreiheit setzt voraus, dass wir auch anders hätten handeln können, dass wir selbst es sind, die die Entscheidung getroffen haben. Entscheidungen sind dann authentisch, wenn der Entscheidende sich als Person mit ihr identifiziert. Das Selbsterleben gibt der Person das Gefühl der Individualität, der Einzigartigkeit und der Selbstbestimmung. Dieses Erleben aber kann gestört sein. Die Psychopathologie spricht dann von Ich-Störungen. Bei Menschen, die an Schizophrenie leiden, können solche Störungen auftreten. Der Ausdruck „Ich-Störung“ meint, dass jemand sich nicht mehr als Person wahrnehmen kann. Er kann nicht mehr sagen, wer er eigentlich ist. „Ich werde beeinflusst, in mir ist noch ein anderer.“ Häufig entsteht der Eindruck, die Gedanken und Gefühle werden eingegeben oder abgezogen, so dass nur Gefühle der Leere und Kälte übrig bleiben. Die Gefühle und Gedanken bedrohen den Menschen von außen. Andere Menschen oder übernatürliche Kräfte beeinflussen sein Tun, und er fühlt sich ihnen ohnmächtig ausgeliefert.

Den Verlust der „Meinhaftigkeit“ verbinden die Betroffenen häufig mit dem Erleben des von außen Gemachten. Die erlebte Entfremdung führen sie zum Beispiel auf Fernbeeinflussung, auf Hypnose oder auf Bestrahlung zurück. Eine psychische Störung, die das Fühlen und Denken verändert, beeinflusst auch das Wollen und Handeln. Manfred Bleuler, der den Terminus Schizophrenie 1911 prägte, war der Ansicht, dass ein Großteil der Betroffenen an Willensschwäche litt. Es scheint jedoch eher so zu sein, dass bei diesen Patienten das Wollen und das Wollen-Können selbst gestört sind. Wer das Abreißen oder den Entzug der eigenen Gedanken erlebt, kann weder wollen noch handeln. Es gibt eine Forschungsstrategie, die versucht, diese psychopathologischen Phänomene als neuropsychologische Kernstörungen zu rekonstruieren. Demnach liegt bei Schizophrenie eine so genannte Selbst-Monitoring-Störung vor, die eine normale Beobachtung interner Vorgänge unmöglich macht. Zwar finden Wahrnehmungen, Gedanken und Urteile an sich statt, aber diese werden nur mehr eingeschränkt als die eigenen erkannt. Die Erfahrung der Urheberschaft darüber, dass ich es bin, der diese Wahrnehmungen, Gedanken und Urteile hat, geht verloren (vgl. Kai Vogeley, Psychopathologie des Selbstkonstrukts, in: Michael Pauen und Gerhard Roth [Hg.], Neurowissenschaften und Philosophie, München 2001).

Für viel Aufruhr in der Diskussion über Willensfreiheit sorgten auch die Experimente des kalifornischen Neurophysiologen Benjamin Libet. Seine Untersuchungsergebnisse legen die Vermutung nahe, dass das Bewusstsein unseren Wahrnehmungen und Entscheidungen bis zu einer halben Sekunde hinterherhinkt. Ist damit auch die Willensfreiheit eine Illusion? Libets Experimente zum Bewusstwerden sensorischer Reize in den siebziger Jahren zeigten, dass nach wiederholter elektrischer Stimulation des somatosensorischen Kortex eine halbe Sekunde verstreicht, bis eine bewusste Wahrnehmung auftritt.

Willentliche Handlungen werden unbewusst initiiert

Ähnliche Zeitverzögerungen stellte er bei Versuchspersonen fest, denen er einen kurzen Stromstoß auf die Hand verabreichte. Die Versuchspersonen merkten nicht, dass es eine Verzögerung bis zu 0,5 Sekunden gab, bis sie die Stimulation empfanden. Das Eintreffen des Reizes im Gehirn ist bereits nach 15 Millisekunden (ms) als sensorisch evoziertes Potenzial nachweisbar. Obwohl die Hautreizung bis zu ihrer Wahrnehmung 0,5 Sekunden kortikaler Aktivität benötigte, entstand bei Probanden der Eindruck, dass sie diese früher wahrgenommen hatten. Libet spricht von einem Zeitangleichungsmechanismus des Gehirns, von einer subjektiven zeitlichen Rückversetzung der Empfindung. Wir erleben eine einfache Hautreizung subjektiv unmittelbar nach Einsetzen der Reizung und nicht erst eine halbe Sekunde später. Das Erleben wird mit Hilfe des sensorisch evozierten Potenzials so rückdatiert.

Nach Libet hinkt das Bewusstsein nicht nur bei Wahrnehmungen, sondern auch bei absichtlichen Bewegungen hinterher. Das zeigte die Entdeckung des so genannten Bereitschaftspotenzials durch Hans Helmut Kornhuber und Lüder Deecke (1965). Der Ausdruck Bereitschaftspotenzial meint den Prozess der Vorbereitung einer Körperbewegung. Es wird als Zeichen der Hirnaktivität angesehen, die mit der Vorbereitung und Initiierung von Willkürbewegungen korreliert. Libet untersuchte in seinen Aufsehen erregenden Experimenten die Beziehung zwischen dem Auftreten des Bereitschaftspotenzials und dem Zeitpunkt des Entschlusses, eine bestimmte Bewegung auszuführen (vgl. Benjamin Libet, Do we have free will?, in: Ders. u. a. [Hg.], The Volitional Brain. Towards a Neuroscience of Free Will, Thorverton 1999, 49–57). Seine operationale Definition des freien Willens steht in Einklang mit der verbreiteten Auffassung, dass eine Handlung dann frei ist, wenn sie von innen kommt, absichtlich ist und die Person erlebt, dass sie selbst bestimmen kann, ob und wann sie die Handlung ausführt. Libet instruierte Probanden, spontan den Entschluss zu fassen, einen Finger oder die ganze Hand zu bewegen. Er protokollierte folgende Ereignisse: den Zeitpunkt, an dem die Versuchsperson den Willen äußerte, die Bewegung auszuführen; den Zeitpunkt, an dem sich erstmals ein Bereitschaftspotenzial im Gehirn aufbaute, das die neuronale Ursache für die Bewegung darstellt, und den Zeitpunkt der tatsächlichen Bewegung. Man würde nun Folgendes erwarten: Zuerst findet der Entschluss, die Bewegung auszuführen, statt. Als Folge davon baut sich ein neuronales Bereitschaftspotenzial im Gehirn auf, das dann über die Nervenbahnen an die Fingermuskeln weitergeleitet wird und schließlich die gewünschte Bewegung auslöst. Entgegen diesen Erwartungen entdeckte Libet nun aber folgende Reihenfolge: Das Potenzial baut sich schon eine halbe bis eine Sekunde vor dem Bewegungsbeginn auf. Der bewusste Entschluss, die Handlung durchzuführen, tritt 200 ms vor der Handlung auf. Es verstreichen mehr als 300 ms, ehe das Bewusstsein merkt, dass das Gehirn begonnen hat, die beschlossene Handlung durch den Aufbau eines Bereitschaftspotenzials im motorischen Kortex einzuleiten. Das Bewusstsein verspätet sich. Die willentliche Absicht zu handeln, tritt nach dem Beginn des Bereitschaftspotenzials auf, jedoch vor dem neuronalen Kommando, das die Muskelkontraktionen kontrolliert. Libet folgerte daraus: Willentliche Handlungen werden zwar unbewusst initiiert, sind aber Gegenstand bewusster Kontrolle.

Wenn uns Willensentschlüsse erst bewusst werden, nachdem die neuronale Maschinerie zu ihrer Durchführung bereits angelaufen ist, ist unser Wille dann noch frei? Das Wollen kann gar nicht die Ursache der neuronalen Aktivität sein, weil es erst nach dem Aufbau des Potenzials auftritt. Manche Autoren ziehen aus Libets Befunden den Schluss: Wir tun nicht, was wir wollen, sondern wir wollen, was wir tun (vgl. Wolfgang Prinz, Freiheit oder Wissenschaft?, in: Cranach und Foppa, Freiheit des Entscheidens und Handelns, 86–103). Demnach werden Handlungsentscheidungen zunächst subpersonal fabriziert und dann personal reinterpretiert. Der Gehirnforscher Michael Gazzaniga meint sogar: Wir sind die letzten, die erfahren, was unser Gehirn vorhat. Ganz so machtlos ist unser Bewusstsein nach Libet nun jedoch nicht. Zwischen dem Bewusstwerden des Entschlusses, die Hand zu bewegen, und der Bewegung selbst liegen 200 ms. In dieser Zeit kann das Bewusstsein intervenieren und entscheiden, ob die Bewegung ausgeführt wird oder nicht. Das Bewusstsein mag zwar nicht die Macht besitzen, die neuronale Aktivität zu initiieren, aber es ist immer noch in der Lage, die einmal in Gang gesetzte Aktivität zu stoppen. Die Macht des Willens ist eingeschränkt. Der Wille ist kein Initiator, sondern ein Zensor. Indem er nur solche neuronalen Impulse passieren lässt, die ihm genehm sind, steuert er den Körper. Diese Rolle des freien Willens steht nach Libet in Einklang mit religiösen und ethischen Geboten. Der Großteil der zehn Gebote beginnt mit „Du sollst nicht!“ Libet fragt: Wenn wir den Drang verspüren, etwas Unerlaubtes zu tun, ist dies bereits als Sünde zu betrachten, selbst dann, wenn wir den Drang nie in die Tat umsetzen? Manche Religionen würden diese Frage mit Ja beantworten. Derartige Wünsche und Absichten werden im Gehirn jedoch unbewusst entwickelt. Das bloße Auftauchen einer Handlungsabsicht können wir nicht bewusst kontrollieren, wohl aber deren Durchführung. Geht dem bewussten Veto, eine Bewegung nicht auszuführen, auch ein Bereitschaftspotenzial voraus? Kontrolliert die Versuchsperson bewusst, oder wird sie sich lediglich der unbewusst initiierten Wahl, die Bewegung nicht auszuführen, im Nachhinein bewusst? Libet vertritt die Hypothese, dass das bewusste Veto nicht das Ergebnis eines vorausgehenden unbewussten neuronalen Prozesses ist. Er argumentiert für die Unabhängigkeit der bewussten Kontrolle von neuronaler Aktivität, nicht weil es dafür empirische Belege gibt, sondern weil eine solche Unabhängigkeit logisch und empirisch nicht ausgeschlossen ist. Libet postuliert ein bewusstes mentales Feld, das die neuronalen Ereignisse im Gehirn verursacht, welche die Handlung entweder ausführen oder durch ein Veto stoppen. Libets Experimente werden sehr kontrovers diskutiert. Gegenüber dem Vorwurf, er wolle eine nicht-neuronale Grundlage, ein Art mentales Feld, für den freien Willen ausfindig machen, betont Libet, dass er in seinen Experimenten nur einiges darüber entdeckt habe, wie der freie Wille funktioniert. Damit habe er noch nicht die Frage beantwortet, ob unsere Handlungen ähnlich den Aktivitäten der Neuronen im Gehirn durch die Naturgesetze determiniert oder bis zu einem gewissen Grad davon unabhängig sind. Bezweifelt wird auch, ob eine Entscheidung tatsächlich ein momentaner Akt ist, der sich, wie Libet annimmt, auf Millisekunden genau bestimmen lässt. Wenn eine Entscheidung ein Prozess ist, der sich über längere Zeit erstreckt, dann könnte der Aufbau des Bereitschaftspotenzials von bewussten Vorentscheidungen abhängen, die bereits vor dem Einsetzen der von ihm vorgenommenen Messungen gefallen waren.

Das Bereitschaftspotenzial nicht mit der Entscheidung verwechseln

Libet zeigte durch seine Experimente, dass das Bereitschaftspotenzial keine hinreichende Bedingung für eine Handlung ist, denn es kann in Abwesenheit jeglicher Handlung auftreten. Man sollte deshalb das Potenzial nicht mit der unwiderruflichen Entscheidung zu handeln verwechseln, deren wir uns als Ursache unserer willentlichen Handlungen bewusst sind.

Kann die Erfahrung, frei entscheiden und handeln zu können, mit der Vorstellung in Einklang gebracht werden, dass wir als Entscheidende selbst Teil der Welt der Ursachen und Wirkungen sind? Die Hirnforschung leidet an der Unvereinbarkeit zweier Perspektiven, der Ersten-Person-Perspektive und der Dritten-Person-Perspektive. Denken, Fühlen und Wollen beschreiben wir aus der Perspektive der ersten Person. Sie sind uns nur in dieser Perspektive direkt zugänglich. In der Dritten-Person-Perspektive einer naturwissenschaftlichen Beschreibung kommen diese Phänomene gar nicht vor. Die beiden Perspektiven lassen sich auch nicht aufeinander reduzieren (vgl. Wolfgang Singer, Das Ende des freien Willens?, in: Spektrum der Wissenschaft, Februar 2001, 72–75). Für Wolfgang Prinz gilt es deshalb, zwei verschiedene gesellschaftliche Spiele auseinanderzuhalten: Wissenschaft und Moral. Im Sprachspiel wissenschaftlicher Erklärungen von Handlungen gibt es für die Idee der Willensfreiheit keinen Platz, wohl aber im Sprachspiel der moralischen Bewertung von Handlungen. Beide Spiele haben ihre Berechtigung, Wissenschaft muss genauso sein wie Moral. Entscheidend sei, die beiden Spiele und die dazugehörigen Sprachspiele zu entflechten. Jeder Sprechende sollte festlegen, in welchem Spiel er sich gerade befindet. Wer diese Regel beachte, dürfe durchaus in beiden Spielen mitmischen. In ähnlicher Weise unterscheidet Theo Herrmann zwischen einem Freiheits-Handlungs-Jargon und einem naturwissenschaftlichen Determinationsjargon, die sich letztlich auf ein und dasselbe beziehen („Willensfreiheit – eine nützliche Fiktion?“, in: Cranach und Foppa, Freiheit des Entscheidens und Handelns, 56–85). Für Kompatibilisten sind Freiheit und Naturkausalität vereinbar. Nach Gilberto Gomes löst sich der Widerspruch zwischen dem freien Willen, wie wir ihn aus der Ersten-Person-Perspektive erleben, und der natürlichen Verursachung auf, wenn wir die erstaunliche Hypothese annehmen, dass wir selbst als frei Handelnde Hirnsysteme sind, welche die Fähigkeit besitzen, zu wählen, zu entscheiden und zu handeln. Gomes zitiert Max Planck: „Von außen, objektiv betrachtet, ist unser Wille kausal gebunden; von innen, subjektiv betrachtet, ist der Wille frei“ (zit. nach Gilberto Gomes, Volition and the readiness potential, 61–62).

Die Hirnforschung ist weit davon entfernt, die neuronale Grundlage des Erlebens der Willensfreiheit identifiziert zu haben. Es gibt erste interessante Hinweise. Diese belegen das Faktum, dass bestimmte Hirnareale und -funktionen eine notwendige Bedingung für Willenserlebnisse sind. Sind sie auch eine hinreichende Bedingung? Die interdisziplinäre Erörterung der Willensfreiheit zeigt, dass unser Wissen über das Gehirn und dessen Leistungen in einem fundamentalen Sinne unvollständig ist. Wir haben nicht die geringste Ahnung, wie das Erleben des freien Willens, das uns nur in der Ersten-Person-Perspektive zugänglich ist, aus objektiv beschreibbaren Hirnprozessen hervorgeht (vgl. David J. Chalmers, Das Rätsel des bewussten Erlebens, in: Spektrum der Wissenschaft, Februar 1996, 40–47). Dieses Problem ist auch experimentell nicht zugänglich. Die Frage, ob unser Wissen über phänomenale Zustände aus der Erlebnisperspektive mit unserem objektiven Wissen aus der Beobachterperspektive in Einklang gebracht werden kann, ist zur Zeit eine der größten Herausforderungen für die interdisziplinäre Erforschung des Bewusstseins.

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