EhrenamtDie Helden von nebenan

Ohne ehrenamtliches Engagement würde unsere Gesellschaft schnell bröckeln. Ein Plädoyer zum Nacheifern.

Die Berichterstattung über den Krieg Russlands gegen die Ukraine macht auch in Deutschland plötzlich wieder bewusst, dass unsere offene und demokratische Gesellschaft keine Selbstverständlichkeit ist. Vielmehr benötigt sie im Wettstreit der global miteinander konkurrierenden Werte- und Gesellschaftssysteme beständige Pflege und beherzten Einsatz. Der gesellschaftliche Zusammenhalt ist tagein, tagaus auf ehrenamtlich Tätige angewiesen, das wird angesichts der zahlreichen Berichte zum Freiwilligenengagement auch im Blick auf die Not in der Ukraine eindrucksvoll deutlich. Genau das will auch der internationale Ehrenamtstag am 5. Dezember in Erinnerung rufen. Bei der Pflege unseres Gemeinwesens sind jene kaum sichtbaren Strukturen und Güter wichtig, die unsere Öffentlichkeit „kapillarisch durchziehen und sie buchstäblich am Leben erhalten“, wie Carolin Emcke, die Trägerin des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels 2016, kürzlich in der Süddeutschen Zeitung hervorhob.

Mit ihren vielfältigen Engagements zeigen Ehrenamtliche, wie viel Freude es bereiten kann, sich für andere einzusetzen und so den Zusammenhalt aller zu stärken. Man muss diese Menschen nicht wie Stecknadeln im Heuhaufen suchen: Helden wohnen nebenan, um es mit dem Buchtitel des Passauer Religionspädagogen Hans Mendl (2020) zu sagen. Seine Publikation, die im Mittelpunkt der folgenden Überlegungen stehen soll, beeindruckt, weil sie einsatzfreudige Menschen gerade nicht entrückt, sondern sie vielmehr lebensnah präsentiert und sie persönlich zu Wort kommen lässt. Wie nebenbei eignen sich diese erfahrungsgesättigten Statements für ein „Lernen an fremden Biografien“.

Wie stark sich Hans Mendl vom Kult des Übermenschlichen abwendet, gibt er als Freund der kleinen Leute von Anfang an zu: „Die großen Heiligen sind mir, bei aller Wertschätzung, vor allem in pädagogischen Zusammenhängen suspekt geworden – zu weit zeitlich weg, zu zölibatär, zu viel Patina, zu sehr entrückt, zu tot.“ Stattdessen ist er wie ein Kulturanthropologe mit einem besonderen Sinn auch für die alltägliche Religiosität als Sinnressource unterwegs. Aus dieser Motivation heraus hat er vor mehr als zwanzig Jahren an der Universität Passau die Homepage Local Heroes ins Leben gerufen. Unter Rückgriff auf die mediale Berichterstattung stellt er dort Menschen vor, die sich kirchlich-sozial engagieren.

Die Homepage dient ihm als didaktisches Schlüsselelement seiner wissenschaftlichen Forschung zum Lernen an Biografien. So versteht er den Internet-Auftritt partizipationsgenerierend: Hier kann sich jeder Mensch bedienen und beteiligen, der sich inner- und außerschulisch für Alltagsheldinnen und Alltagshelden interessiert oder gern selbst einen Beitrag online stellen möchte. Vor allem soll eine eigene Spurensuche nach Helden des Alltags vor Ort hilfreiche Inspiration finden. Dabei ist es ihm als Religionspädagoge wichtig, dass diese Funde auch im Religionsunterricht zum Einsatz kommen, um so Begegnungen zwischen Kindern oder Jugendlichen und den Local Heroes zu ermöglichen.

Ein Großteil des Quellenmaterials stammt aus der Tagespresse. Es ist also jedem und jeder zugänglich und bietet sich als Orientierung auch für jene an, die nach eigenen Möglichkeiten für ehrenamtliches Engagement im heimatnahen Radius suchen: „Der engere Fokus meines Projekts“, so Mendl, „bezieht sich auf ein ehrenamtliches Engagement von Privatpersonen im sozialen und kirchlichen Bereich, also auf den direkten Umgang mit Menschen, die der Hilfe bedürfen, sowie auf Menschen, die zeigen, wie sie trotz Einschränkungen ein gutes Leben führen.“

30 Millionen Menschen sind in der Bundesrepublik Deutschland ehrenamtlich tätig – also mehr als jeder dritte Einwohner. In der Entwickling nimmt das ehrenamtliche Engagement in unserem Land zu, wobei sich ein Trend beobachten lässt, der vom regelmäßigen Mittun im Rahmen von Vereinsstrukturen weggeht und sich stattdessen auf überschaubare, zeitlich oftmals begrenzte Weisen der Alltagssolidarität hinbewegt. Und während früher Vereinsmitglieder dafür sorgten, dass weitere Vereinsmitglieder folgten und das Vereinsleben weitergeht, gestalten sich inzwischen auch diese Rekrutierungsmechanismen oftmals anders, wie der Psychologe Philipp Zombardo herausstellt: „Jeder von euch kann ein Held sein. Helden erzeugen einen Dominoeffekt in der Gesellschaft und vermehren das Gute in der Welt.“ Dabei sind Menschen mit Konfessionszugehörigkeit öfter ehrenamtlich tätig als Menschen ohne Konfessionszugehörigkeit, wie die soziologische Forschung herausgefunden hat.

Wie wunderbar es ist, dass sich Menschen ohne jede Bezahlung für andere einsetzen, lässt sich in verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen erleben. Hans Mendl nimmt 18 verschiedene Handlungsfelder alltagskonkret und anhand ausgewählter Biographien in den Blick. Ihr Spektrum reicht vom Einsatz gegen Armut bis zum Engagement für Fairplay, von der Flüchtlingshilfe bis zur Kranken- und Sterbebegleitung, von der Organspende bis zur Unterstützung von trauernden Menschen, vom Sozialen Jahr bis zur Nachbarschaftshilfe. Jedes dieser Einsatzfelder präsentiert er einleitend anhand von Daten und Fakten, bevor er ein konkretes Projekt herausgreift und einen darin ehrenamtlich engagierten Menschen vorstellt. So wird den Leserinnen und Lesern etwa anhand der Passauer Tafel erschlossen, wie Menschen ehrenamtlich zur Linderung von Armut beitragen.

Die Begegnung mit den vielfältigen Sozialprojekten und den motivierten Ehrenamtlichen lädt zur Auseinandersetzung mit sich selbst ein. Mir jedenfalls haben sich viele Fragen gestellt: Könnte mich ein solches Arbeitsfeld locken? Welche Akzente wären mir wichtig? Was mögen Bedürftige empfinden, denen ich in diesem oder jenem sozial-kirchlichen Arbeitsfeld ehrenamtlich begegnen würde? Auch bietet Helden wohnen nebenan weiterführende Anregungen, die der Begegnung mit Bedürftigen dienen: „Sammelt geeignete Begriffe – zum Beispiel Hilfsbereitschaft –, die das Team der Bahnhofsmission beschreiben!“ Oder: „Stellt ein Kochbuch mit ‚Reste-Essen‘ zusammen!“

Wer sich heutzutage Gedanken macht über ehrenamtliches Handeln, nimmt in Übereinstimmung mit den Erkenntnissen der empirisch fundierten Sozialwissenschaften unmittelbar wahr, dass sich Werte weder einfach durch Predigten noch durch Vorträge, Appelle oder Lektüre weitergeben lassen. Vielmehr kommt es darauf an, dass sich diese ethischen Grundüberzeugungen mit menschlichem „Geruch“ oder mit einem Gesicht verbinden, also dass sie biografiekonkret vermittelt werden. Doch auch hier scheint Vorsicht geboten: Die entscheidende Schwierigkeit beim Nachahmungslernen liegt darin, dass das Nähe-Distanz-Verhältnis zwischen dem Vorbild und den Lernenden schnell aus dem Gleichgewicht kommen und so die reflexive Distanz verloren gehen kann.

Hier hilft Mendls Ansicht nach ein diskursethischer Ansatz weiter: Diese Perspektive sieht davon ab, direkte Handlungsanweisungen aus der Begegnung mit fremden Biographien abzuleiten. Schließlich ruft etwa das Zusammentreffen eines Praktikanten mit einer im Ehrenamt vorbildlichen Persönlichkeit nicht als Erstes den Nachahmungsimpuls hervor; vielmehr inspiriert sie genaues Hinsehen, kritisches Nachfragen oder das Ausprobieren unterschiedlicher Distanz-Nähe-Konstellationen zwischen beiden Beteiligten. Es geht Hans Mendl deshalb nicht um ein einfaches Nachahmen von Vorbildern, sondern um eine Eigenprüfung, inwiefern im Handeln eines Local Hero exemplarische Momente aufscheinen, die zur Entwicklung der eigenen Handlungskonzepte beitragen können. Anders gesagt: Ziel einer Auseinandersetzung mit den Ehrenamtsbiografien ist es, von der Fremdorientierung auf die Eigenverantwortlichkeit hinzuarbeiten.

Die persönliche Begegnung mit Ehrenamtlichen fördert zudem das Verständnis, dass sich niemand 24 Stunden am Tag und sieben Tage in der Woche engagieren kann. Für Mendl ist wichtig, dass ein Local Hero für andere ehrenamtlich Interessierte menschlich in Reichweite bleibt. Aus diesem Grund legt er Wert darauf zu zeigen, was die Helden von nebenan über ihre ehrenamtlich-soziale Arbeit hinaus sonst noch tun, welche Hobbys sie haben, wie sie leben und was ihnen wichtig ist. Dazu zählen auch die für das ehrenamtliche Tun jeweils maßgeblichen Motivbündel, die Aussagen wie „Das macht Spaß“ oder „Ich bin gern mit ähnlichen Verrückten unterwegs“ selbstverständlich umfassen dürfen.

Über Hans Mendl heißt es, dass er ein Freund der Band Die Alten Bekannten, der Nachfolgeband der Wise Guys, ist, auch weil sie den in der Corona-Krise besonders belasteten Berufsgruppen – Krankenschwestern, Supermarktangestellten – ein eigenes Lied gewidmet hat: „Ihr seid die wahren Helden, weil ihr für uns so viel riskiert. Ihr seid die wahren Helden, weil ohne euch nichts funktioniert.“

Im Blick auf das eingangs zitierte Plädoyer von Carolin Emcke, dass die tragenden Streben einer Gesellschaft heute mehr denn je gepflegt werden müssen, ist festzuhalten: Das christlich mitmotivierte ehrenamtliche Engagement vieler im kirchlich-sozialen Bereich übernimmt in der Gegenwart unseres Landes eine entscheidende, weil für das Individuum und das Gemeinwesen gleichermaßen verlebendigende und verbindende Rolle. So gesehen sind Local Heroes ein wichtiger Schutzfaktor für eine intakte Öffentlichkeit. Sie schützen unsere demokratisch organisierte Gesellschaft, weil ihr Ringen um ein Miteinander auf Augenhöhe im Interesse füreinander wurzelt und Geschwisterlichkeit über Milieu- und Statusgrenzen hinweg generiert.

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