Pragmatik der Nächstenliebe

Otto Kallscheuer spannt einen kritischen Bogen über zwei Jahrtausende Papst- und Kirchengeschichte – mit einem Seitenblick auf Pfingsten und den Heiligen Geist.

Meister der Mehrdeutigkeit: Papst Pius XII. (1939–1958) bei einer Weihnachtsansprache über Radio Vatikan, 1950. (Foto: KNA Bild)
Meister der Mehrdeutigkeit: Papst Pius XII. (1939–1958) bei einer Weihnachtsansprache über Radio Vatikan, 1950. (Foto: KNA Bild)

Der Heilige Geist habe eben seine Hand im Spiel – das jedenfalls behaupten nicht wenige auf die Frage, wie die katholische Kirche über nahezu zwei Jahrtausende ihre Existenz hat behaupten können, trotz aller Widrigkeiten und Anfechtungen von außen, aber auch aus der eigenen Mitte. Und so könnten – behaupten dann einige von ihnen weiter – auch heutige Katholikinnen und Katholiken in Zeiten eines wachsenden Bedeutungsverlusts der Kirche(n) und steigender Zahlen der Kirchenaustritte auf den Heiligen Geist vertrauen: Kirchengeschichte sei eben Heilsgeschichte.

Man kann solch bemühten Optimismus mit dem Wahlspruch der Kölner „Et hätt noch immer jot jejange“ vergleichen und dann zur Tages- und Gottesdienstordnung übergehen. Aber unter denen, die der Kirche den Rücken kehren, sind eben nicht wenige, für die „der biblische Grundcode als Spur der Verheißung“, der am Anfang dieser ältesten Institution der Welt stand, schon lange nicht mehr erkennbar ist. Ihnen ist offenbar das Buch Papst und Zeit des Politologen und Philosophen Otto Kallscheuer gewidmet, dessen Titel mit Martin Heideggers epochemachendem Werk Sein und Zeit (1927) kokettiert.

Tatsächlich kommt der Name Heidegger auf den über 900 Seiten dieses Buchs nicht vor. Dabei könnte ein einziger Satz aus Heideggers Sein und Zeit das ganze Projekt Otto Kallscheuers schlaglichtartig erhellen. „Alles Ursprüngliche ist über Nacht als längst bekannt geglättet. Alles Erkämpfte wird handlich. Jedes Geheimnis verliert seine Kraft“, heißt es dort. Und genau dies macht – folgt man den verschlungenen Pfaden von Kallscheuers Buch durch den Dschungel von Heilsgeschichte und Weltpolitik – Glanz und Elend des Papsttums aus: Nämlich das Bemühen, ein Geheimnis zu verzeitlichen, das seine Leuchtkraft zu verlieren droht angesichts des helleren, zumindest schrilleren Glanzes ganz anderer Heilsversprechen – und angesichts der eigenen Verfehlungen.

Verschlungen sind die Pfade durch die einzelnen Kapitel dieses Buches in der Tat, weshalb der Autor ihm eine Gebrauchsanweisung voranstellt: Es sei bewusst nicht chronologisch angelegt und müsse auch gar nicht vom Anfang bis zum Schluss gelesen werden. Und in der Tat ist es im besten Sinn ein Lesebuch, in dem die einzelnen Kapitelüberschriften das Interesse mal auf die Universalität der katholischen Kirche richten, mal auf die Rolle des Vatikans in der Neuzeit, mal auf die Sakramentenlehre und das, was das Lehramt des Papstes mit ihr zu tun hat, ein anderes Mal – unter der Überschrift „Missbrauchte Reinheit“ – auf den Zölibat und seine Geschichte und Begründung, um nur einige der Themen zu nennen.

In jedem Kapitel packt Kallscheuer die heißen Eisen der katholischen Tradition an, die zu Zerwürfnissen, Abspaltungen und herrischen Unfehlbarkeitseinforderungen geführt haben – aber an keiner Stelle wird er polemisch, abschätzig oder mokant, wie man dies aus manchem Buch und von manchen Autorinnen und Autoren kennt, der aus persönlicher Enttäuschung oder sonstigen Desillusionierungen mit der Kirche „abrechnet“.

Otto Kallscheuer behandelt jedes der Themen mit einer beeindruckend nüchternen und dabei kühl-analysierenden Präzision, welche vieles von dem, was viel zu oft und viel zu voreilig unter der Rubrik mysterium fidei eingeordnet wird, verstehbar macht – und damit annehmbar. Eine Passage aus dem Unterkapitel „Wie entsteht eine neue Religion?“ zeigt dies exemplarisch und sei daher ausführlich zitiert. Es geht um das Pfingstfest und gleichzeitig um nichts Geringeres als die Differenz-Identität von jüdischer und christlicher Religion: „Nur dadurch, dass das Gottesreich neu codiert wurde (also zur individuellen Umkehr, zur inneren Einstellung, zur aktiven Orientierung geworden ist), ist es auch universalisierbar geworden. Und eben davon handelt das Pfingstfest. In diesem mythischen Gründungsereignis der christlichen Mission wird der Endkampf um die feste Burg Zion ersetzt durch die Geburt eines neuen Mediums: den Heiligen Geist globaler Kommunikation.“

Dieser Heilige Geist ist einer, der „ein kommunikatives Ereignis transformiert und somit potentiell universalisiert“ – oder mit anderen Worten: verzeitlicht, das heißt in die Zeit übersetzt und damit über zwei Jahrtausende und mehr kommunizierbar macht. Otto Kallscheuer nimmt den Auftrag des Papsttums, das Offenbarungsereignis in die Zeit zu übersetzen, sehr ernst – und umso härter fällt sein Urteil über diejenigen Päpste aus, die diesen Auftrag zugunsten berechnender Machtspiele oder kleinmütiger Anpassungen verraten haben. Die üblichen Verdächtigen sind bekannt. Selbst bei einem umstrittenen Papst wie Pius XII. wägt der Autor vorsichtig ab und erkundet, was denn für seine Entlastung angesichts der realen Weltgeschichte wie auch der Idee einer Heilsgeschichte sprechen könnte.

Wenn es einen Papst der jüngeren Geschichte gab, der das Prinzip des tönenden Schweigens, der Zwei- oder Uneindeutigkeit verinnerlicht hatte, dann war es Eugenio Pacelli: Pius XII. verkörperte in der Tat die Ambiguität als Überlebensprinzip der katholischen Kirche, worauf der Islamwissenschaftler Thomas Bauer vor einigen Jahren in seinem Buch Die Vereindeutigung der Welt. Über den Verlust an Mehrdeutigkeit und Vielfalt (2018) hinwies: „Ein guter Indikator für die Ambiguitätstoleranz westeuropäischer Gesellschaften ist der jeweilige Zustand der katholischen Kirche, denn die katholische Kirche ist überraschend ambiguitätstolerant.“ Keine andere Institution halte so viele Zweideutigkeiten aus, so viele Widersprüche und kulturelle Unterschiede und mache sich der jeweiligen Zeit so anpassungsfähig.

Prinzipielle Mehrdeutigkeit als Überlebensprinzip? Otto Kallscheuer gibt sich in Papst und Zeit damit nicht zufrieden: Das ganze Buch atmet in all seinen Verästelungen den Geist einer solidarischen Kritik, denn sein Autor verzichtet nicht auf den hohen Anspruch, an dem Papsttum und Kirche sich messen – und an dem er sie misst. „Der Papst ist ein ponti-fex, ein Brückenbauer: zwischen dem vor aller Zeit, in der Ewigkeit gründenden göttlichen Willen und dem Handeln sterblicher Menschen in der Weltzeit – auf Kirchenlateinisch: im saeculum.“

Kallscheuers Buch ist ein Plädoyer für eine Säkularisierung als Hinwendung zur Welt, die alles andere ist als anbiedernde Verweltlichung. Es gibt zwei Passagen dieses Buches, die dieses Plädoyer veranschaulichen und den Spannungsbogen dieses päpstlichen Kaleidoskops zwischen Heilsgeschichte und Weltpolitik verankern. Zu Beginn schreibt Kallscheuer: „Wo also die Idee der universellen Brüderlichkeit aller Menschenkinder keine Inkarnation findet, bleibt sie folgenlos.“ Mehrere Hundert Seiten später und gegen Ende resümiert er: „Ja, vielleicht ist das Reich Gottes gar kein Endzustand mehr, keine prophetische Phantasie, sondern eine Pragmatik der Nächstenliebe in der jeweiligen Gegenwart, weltweit vor Ort.“

Womöglich ist das der Sinn der Heilsgeschichte: dass sie in der Pragmatik der Nächstenliebe an ihrem Ziel ankommt. Und womöglich liegt darin die Chance für die älteste Institution der Welt, auch die kommenden Jahrhunderte nicht nur zu überdauern, sondern mitzugestalten.

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