StatistikAller-Heiligen?

Jeder ist zur Heiligkeit berufen! Das war eines der große Versprechen des Zweiten Vatikanums. Doch die Zahlen zeigen: Ganz so weit ist man in der Kirchenleitung noch nicht.

Verteilung in der Kirche vs. Verteilung unter den Heiliggesprochenen 1900-2022
Verteilung in der Kirche vs. Verteilung unter den Heiliggesprochenen 1900-2022

Verteilung in der Kirche vs. Verteilung unter den Heiliggesprochenen 1900-2022
Verteilung in der Kirche vs. Verteilung unter den Heiliggesprochenen 1900-2022
Das Zweite Vatikanum hat ein neues Verständnis von Heiligkeit grundgelegt. Wer heute heilig werden möchte, muss dafür nicht mehr den Märtyrertod sterben oder ein zölibatäres Leben führen. Jeder und jede Gläubige ist zur Heiligkeit berufen und kann ein heiligenmäßiges Leben führen, egal in welchem Beruf und welcher Berufung. Wir alle sind zur Heiligkeit befähigt. Folglich sollten wir uns auch in den Personen wiederfinden, die ganz offiziell heiliggesprochen werden. Denn ihr Leben soll uns in den Herausforderungen unseres eigenen Lebens inspirieren, so jedenfalls ist das in Lumen Gentium formuliert.

Ganz naiv könnte man also denken: Heiligsprechungen sollten zumindest ungefähr repräsentativ sein. Der Anteil heiliger Männer und Frauen, Priester, Ordensleute, Laien, Eheleute, oder der Anteil Heiliger aus verschiedenen Regionen sollte ungefähr dem Anteil dieser Gruppen unter den katholischen Gläubigen entsprechen. Das heißt auch, es sollte eine wachsende Menge an Laien beiderlei Geschlechts geben, denen die Kirche bestätigt, ein heiliges Leben geführt zu haben, und zwar ganz ohne Keuscheitsgelübde und Martyrium. Falls das bislang nicht der Fall war, sollte sich die Realität der Heiligsprechungen zumindest im Laufe des 20. Jahrhunderts spürbar dahin entwickeln. Doch ein Blick auf die Heiligsprechungen von 1900 bis heute zeigt, dass dem nicht so ist. Nach wie vor scheint Heiligkeit von Beruf, Berufung und Herkunft abzuhängen und nur für einige wenige bestimmte Menschen erreichbar zu sein.

Während Männer und Frauen unter katholischen Gläubigen ungefähr zu gleichen Teilen vertreten sind und Frauen Studien zufolge sogar aktiver am kirchlichen Leben teilnehmen, sind mit Abstand die meisten Menschen, die in den vergangenen 122 Jahren heiliggesprochen wurden, Männer. Während der Anteil derjenigen Menschen, die ein Zölibatsversprechen abgelegt haben, einen verschwindend geringen Anteil der Gläubigen der römisch-katholischen Kirche ausmacht, stellen sie fast 90 Prozent all derjenigen, die in den vergangenen 122 Jahren heiliggesprochen wurden.

Wenn man diese beiden Bereiche weiter aufschlüsselt, wird deutlich: Weniger als drei Prozent der Menschen, die in den vergangenen 122 Jahren heiliggesprochen wurden, waren gläubige Laien, die weder ein Keuschheitsgelübde abgelegt noch ein Martyrium erlitten haben. Dabei besteht die Kirche nicht nur zu 99 Prozent aus solchen ganz „normalen“ Menschen, sondern sie legt seit Jahrzehnten Wert darauf, dass gerade diese Menschen heilig werden können. Dennoch werden sie nicht in größerer Zahl zur Ehre der Altäre erhoben. Dagegen stellen Kleriker, die zwar einen verschwindenden Anteil der katholischen Gläubigen ausmachen, bis heute den mit Abstand größten Teil der Heiligen. Je höher das Amt, desto stärker sind sie im Verhältnis zu ihrer eigentlichen Anzahl unter den Heiligen repräsentiert. Unter allen Berufen in der Kirche ist das Papstamt schließlich das einzige, das seit Jahrhunderten mehr heilige Vorbilder besitzt als aktuell lebende Vertreter.

Ein näherer Blick auf die in den letzten 122 Jahren heiliggesprochenen Laien, die keine Märtyrer oder Märtyrerinnen waren, zeigt weitere Auffälligkeiten, beispielsweise im Blick auf Geschlechternormen. Wäre eine Mutter heiliggesprochen worden, die ihren Mann mit ihren zehn Kindern zurückgelassen hätte, um ein Leben als Einsiedlerin zu führen? Das ist eine Lebensgeschichte, die wohl nur für einen Mann und Vater als vorbildlich gelten kann, wie im Fall von Nikolaus von der Flüe. Genauso wenig wäre es wohl umgekehrt denkbar, dass ein Mann dafür heiliggesprochen wird, dass er eine gegen seinen Willen eingegangene Ehe, in der er über Jahre misshandelt wird, geduldig erträgt, um erst nach dem Tod seiner Frau seinem Herzenswunsch nachzukommen, in ein Kloster zu gehen. Das ist eine nur von heiligen Frauen erzählte Geschichte, wie beispielsweise von Rita von Cascia. Ein Vorbild für katholische Ehefrauen, die zu einer Ehe überredet und Opfer von Partnerschaftsgewalt werden? Und wie soll man damit umgehen, dass Mädchen wie Maria Goretti, Antonia Mesina, Teresa Bracco oder Karolina Kózka, die von einem Vergewaltiger ermordet wurden, als „Märtyrerinnen der Jungfräulichkeit“ gefeiert werden? Erst 2018 bestätigte Papst Franziskus, Anna Kolesárová, die als 16-Jährige von einem Soldaten ermordet wurde, habe das Martyrium „in defensum castitatis“ („zur Verteidigung der Keuschheit“) erlitten. Vorbilder für Kinder und Jugendliche oder für Missbrauchsbetroffene? Für jene, die sexuelle Gewalt überlebt haben, klingt dabei womöglich durch, sie hätten sich wehren können und sterben müssen. Eine fatale Botschaft. Wie aber lassen sich diese Geschichten und Äußerungen des Papstes anders deuten?

Im Heiligenkalender der katholischen Kirche gibt es ebenso wenig ein männliches Pendant zu den „Heiligen Jungfrauen“ wie ein weibliches Pendant zu den männlichen „Hirten“. Sexualität, Mutterschaft, sexuelle Gewalt und Tod durch die Hand eines Vergewaltigers sind in den Augen der Kirche anscheinend weibliche Wege zur Heiligkeit. Regieren, Führen, Predigen und Missionieren dagegen männliche. Ausnahmen gibt es dennoch. Die Geschichte der Märtyrer von Uganda beispielsweise handelt von jungen Männern, die von einem sexuell ausbeuterischen König zum Tod verurteilt wurden. Diese Geschichte ist zwar weniger bekannt als die von weiblichen europäischen „Märtyrerinnen der Jungfräulichkeit“. Die Funktion der sexuellen Gewalt in den Geschichten ähnelt sich aber. An die Stelle der sexistischen Konnotation, durch die weiblichen Opfern die Last der Wehrhaftigkeit und Vergebungsbereitschaft auferlegt wird, tritt hier eine homophobe und rassistische Konnotation, wodurch die Missionierungsbedürftigkeit „primitiver“ Völker deutlich werden soll.

Das Martyrium von Achilleus Kiwanuka und seinen Gefährten galt als ein Beispiel für die moralische Verkommenheit des vorkolonialen, vorchristlichen Afrikas. Ein von einem britischen Priester verfasster Bericht legt Kiwanuka die Worte in den Mund, der König habe „die Taten von Sodom“ praktiziert. „Moslems und Heiden“ hätten sich dazu bereit erklärt. Nur die Katholiken hätten sich verweigert. Deshalb habe der König sich „mit den Heiden und Moslems“ darüber beraten, „uns zu töten, uns, die Katholiken.“ Berichte wie dieser wirken heute zumindest fragwürdig. Vor allem, wenn man bedenkt, dass unter den Heiligen der vergangenen 122 Jahre nur knapp sechs Prozent aus Afrika stammen und die Märtyrer von Uganda die absolute Mehrheit von ihnen ausmachen.

Nicht zuletzt steht die geographische Verteilung der katholischen Gläubigen in der Welt in einem auffallenden Kontrast zur Herkunft der Personen, die in den vergangenen 122 Jahren heiliggesprochen wurden. Wie soll man mit dieser Diskrepanz zwischen der Vielfalt der Gläubigen in unserer Kirche einerseits und der Einseitigkeit der Heiligen dieser Kirche andererseits umgehen? Solange der „typische Heilige“ ein weißer europäischer Priester ist, solange es keine afrikanische Mutter, keinen asiatischen Familienvater, keine lateinamerikanische Ärztin, keinen australischen Arbeiter gibt, die zur Ehre der Altäre erhoben worden sind, ganz ohne Martyrium und Keuschheitsgelübde, sondern einfach, weil sie in ihrem Beruf und ihrer Berufung ein heiliges Leben geführt haben, so lange fehlt dieser Kirche etwas Wesentliches, das Vorbild und die Sichtbarkeit der Gemeinschaft der Heiligen, von denen nicht nur Lumen Gentium spricht.

Wer sind die unbekannten, unterschätzten oder unsichtbar gemachten Heiligen der jüngeren Kirchengeschichte? In den nächsten Monaten wollen wir einige von ihnen aufspüren, sie sichtbar machen und zum Leuchten bringen – mit Ihrer Hilfe, liebe Leserinnen und Leser: Wer gilt Ihnen als Heilige oder Heiliger jenseits des Kanons? Schreiben Sie uns unter: leserbriefe-cig@herder.de. Wir freuen uns auf Ihre Vorschläge!

Anzeige: Mein Tumor, meine Filme und mein neues Leben auf Zeit von Max Kronawitter

Der CiG-Newsletter

Ja, ich möchte den kostenlosen CiG-Newsletter abonnieren und willige in die Verwendung meiner Kontaktdaten zum Zweck des E-Mail-Marketings durch den Verlag Herder ein. Den Newsletter oder die E-Mail-Werbung kann ich jederzeit abbestellen.
Ich bin einverstanden, dass mein personenbezogenes Nutzungsverhalten in Newsletter und E-Mail-Werbung erfasst und ausgewertet wird, um die Inhalte besser auf meine Interessen auszurichten. Über einen Link in Newsletter oder E-Mail kann ich diese Funktion jederzeit ausschalten. Weiterführende Informationen finden Sie in unseren Datenschutzhinweisen.