Spiritualität im AlltagAlles darf sein vor Gott

Der Kern des Christlichen liegt in der Verwandlung. Gerade in Krisen kann sich die Tür zu Wachstum und Wahrheit öffnen. Eine Anregung zur Einübung.

Schon der Erstling, „Der spirituelle Weg“ von 2016 (Echter Verlag), ließ aufhorchen. Denn da wurde das Abenteuer nachvollziehbar, das zu jenem Ashram Jesu führte, der seinen Stammsitz nahe Limburg in einer schön gelegenen alten Mühle hat. Die prägende ignatianische Herkunftsperspektive mit der Orientierung am Leben Jesu wird hier beispielhaft durch das interreligiöse Gespräch vertieft und erschlossen. Schon das Wort „Ashram“ verweist ja auf den indischen Kontext, besonders in Gestalt der Vipassana-Meditation und vieler anderer Bezüge, und auch auf muslimische Weisheit. Nicht minder wichtig ist dem Autor die Achtsamkeit für gruppendynamische und psychotherapeutische Einsichten.

Ohne auch nur einen Augenblick anbiedernd oder übergriffig zu wirken, bringt Bertram Dickerhof in der Erschließung des spirituellen Weges auch seine eigene Biografie ein. Denn immer ist „der“ Weg unverwechselbar und intim, die Geschichte je meiner Beziehungen und Erfahrungen – aus der „Idiopolis“ meiner Welt, die ja immer eine Blase ist und die ich selbst konstruiere. Dass zutiefst und im Grunde alles freigebende Liebe ist, der wir rückhaltlos vertrauen dürfen, will erprobt und gewagt sein. Zu groß ist die Angst, ins Nichts zu fallen; zu massiv deshalb die Sicherungsmechanismen, die es zu er-lösen, wenigstens zu lockern gilt.

Kraft finden durch das Kreuz

Man könnte dieses zweite Buch treffend auch „Liebe und Geburt“ betiteln, denn es geht um den Wandlungsweg in die Mitte und Fülle des Lebens. Aber die Pointe ist tatsächlich die befremdliche Dimension des Sterbens. Und die begegnet mitten im Leben überall dort schon, wo uns Widriges begegnet, das wir entsprechend meiden wie die Pest. Gerade christlich aber gilt es, sich Widerständen und Querschlägen vertrauensvoll zu stellen. Denn mitten in der Krise will sich die Tür zu Wachstum und Wahrheit weiter öffnen. Das ist schmerzlich – und bedeutet Sterben, mitten im Leben schon. Gerade im österlichen Evangelium vom Kreuz liegt die besondere Kraft, mit der sich die förmlich automatische Verknüpfung von Widrigem und Flucht davor immer mehr entkoppeln lässt. In solch kontemplativem Standhalten geht es darum, die „Botschaft“ des Un-Gelösten und Ärgerlichen zu entziffern und gerade dadurch den innersten Grund der Lebenswahrheit tiefer zu entdecken: frei gebende Liebe. Existentielles Beten und kontemplatives Alltagsleben sind die Einübung in jenes immer größere Vertrauen, dass „alles gut“ ist und wird. Aber „Enttäuschung gehört von der Sache her geradezu zum Alltag des Gebetes“.

Habt Vertrauen!

Genau das war die Lebensart Jesu, die sich in seinem Mut verdichtet, sein Kreuz wirklich zu tragen. „Es durchkreuzt das Prinzip, das Gefällige zu erstreben und das Missfällige zu vermeiden oder abzuweisen.“ Kreuz und Auferstehung sind nicht abstrakt, sondern alltägliche Realität. Wer wahrhaft zu leben und also zu glauben wagt, „hats am Kreuz“ und kann hier und jetzt schon dem Auferstandenen begegnen! Dickerhof wählt deshalb zentral auch biblische Texte wie die Seligpreisungen und das Vaterunser, um im ständigen Blick auf Jesus Wandlungsprozesse zu erschließen und anzuleiten. Zwar hätte ich mir dabei bisweilen noch mehr exegetische Differenzierung gewünscht zwischen Jesus selbst, seinen biblischen Interpreten und uns – aber die Intensität der Jesusverbundenheit in den Texten und ihre damit verbundene hoffnungsstarke Ausstrahlung sind anstiftend.

Sympathisch und einladend ist dabei, dass es in diesen Übungs- und Meditationsbüchern ganz konkret zugeht, nichts von Überanstrengung oder Überhöhung, nichts von Abwertung und Abschiebung dessen, was (geworden) ist. Ganz im Gegenteil! Alles darf sein, zumal vor Gott, es will entfaltet oder verwandelt werden. „Unserer Zeit fehlt es nicht an Moral“ und guten Vorsätzen, wohl aber an Vertrauen und gestalteter Einübung. Dem dient, wovon diese lebens- und glaubensnahen Bücher anstiftend berichten.

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Dickerhof, Bertram

Vom Lieben und vom SterbenAuf der Suche nach dem Kern des Christlichen

Echter Verlag, Würzburg 2021, 299 S., 24,90 €

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