Hoffnung einer Prophetin

Als Maria und Josef den neugeborenen Jesus im Tempel vorstellen, erkennt die Witwe Hanna sofort, wen sie vor sich hat. Wer ist die oft übersehene Prophetin?

Ganz am Ende der Kindheitsgeschichte Jesu hat sie ihren großen Moment: Hanna, die greise Witwe von vierundachtzig Jahren, die sich den Sinn für das Neue, Junge und Frische bewahrt hat. Von den Eltern Jesu ist oft die Rede, von Jesus selbst noch viel mehr. Der greise Simeon hat es mit seinem Lobgesang bis in das Stundengebet der Kirche geschafft. Aber Lukas hat seine gesamte Kindheitsgeschichte so komponiert, dass starke Frauenrollen besetzt werden: Maria ohnehin, aber auch Elisabeth, die Mutter des Täufers, die im Glauben weiter ist als ihr Mann, der Priester Zacharias, und nun, bei der „Darstellung des Herrn“, tritt Hanna auf.

Nachdem Simeon sein Gebet über das Kind und Maria gesprochen hat, tritt sein weibliches Gegenüber hervor. Lukas nennt Hanna „Prophetin“. Für ihn ist es klar, dass Gottes Geist nicht nur Männer, sondern auch Frauen reden lässt. Er kann an Mirjam aus der Exodusgeschichte gedacht haben und an die alttestamentliche Hanna, die Gott einen inspirierten Dank für die Geburt ihres langersehnten Sohnes Samuel abstattet (1 Sam 2,1–11). Lukas hat aber auch in der Apostelgeschichte, beim Pfingstfest, von Petrus den Propheten Joël zitieren lassen, dass Gottes Geist auf Jung und Alt, auf Söhne und Töchter, auf Knechte und Mägde ausgegossen wird (Apg 2,17–21; Joël 3,1–5). In der erweiterten Weihnachtsgeschichte wird deutlich, dass sich diese Verheißung nicht erst in der Kirche, sondern mitten in Israel bewahrheitet.

Mit wenigen Strichen zeichnet Lukas ein ganzes Frauenleben, wie es nicht nur damals gelebt wurde, sondern unter veränderten Bedingungen und in anderen Formen auch heute oft gelebt wird. Hanna wird zuerst von ihrer Familie her gekennzeichnet: „eine Tochter Penuëls aus dem Stamm Ascher“. Die hebräischen Namen haben einen guten Klang. Hanna heißt: die Begnadete, Penuël: Gottes Angesicht, Ascher: Glück und Heil, so wie auch Jesus einen theologisch bedeutungsvollen Namen trägt: Gott hilft. Aber so schön die Symbolik der Namen ist, am ehesten verweisen sie auf eine Personaltradition, die eine verborgene Spur zum Jesuskind legt, mitten in einem Judentum, das fromm ist und messianisch orientiert, dem Tempel zugetan und offen für die Not der Menschen, in Israel zu Hause, mit einer Hoffnung für die ganze Welt. Ein Kind, das Hanna genannt wird, ist ein Gotteskind der ganz besonderen Art. Nomen est omen: Lukas erzählt, wie sie Gottes Gnade weitergibt.

Hanna war als junge Frau verheiratet worden, aber nach sieben Jahren war ihr Mann gestorben – und sie hat nicht wieder geheiratet, obgleich dies üblich war, schon für die soziale Versorgung. Die Gründe für ihre Entscheidung teilt Lukas nicht mit. Aber die Folgen beschreibt er: Die Lücke, die ihr Mann hinterlassen hat, füllt Hanna mit ihrer Leidenschaft für Gott. Als Witwe ist sie arm, aber im Tempel bewahrt sie sich ihre Unabhängigkeit. Manche mögen sie als Betschwester belächelt haben, aber weil sie Ausdauer hat, schlägt ihre große Stunde in der Heilsgeschichte. Im Tempel ist sie unabhängig und frei: als Frau mitten im Volk Gottes.

Leider lässt Lukas sie nicht reden; desto stärker verdichtet er, was sie zu sagen hat: „Sie trat zu der Stunde herzu, lobte Gott und sprach über ihn mit allen, die auf die Erlösung Jerusalems warten.“ Jedes Kind, das die Welt erblickt, ist der beste Grund, Gott zu loben. Die „Darstellung“ im Tempel dient im Kern diesem Zweck. Hanna hat aber einen besonderen Blick für genau dieses Kind, Jesus. Deshalb macht sie das Haus Gottes zu einem Haus des Gespräches: über Gott und die Welt – und deshalb über dieses Kind, diesen Jesus.

Simeon hebt in seiner Prophetie die dunklen Seiten hervor: das Zeichen des Widerspruchs und das Schwert, das Marias Herz durchdringt. Hanna schaut auf die helle Seite: die Erlösung Israels, die hoffnungsvolle Erwartung, die gläubige Zuversicht.

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