Gott entdecken, Europa retten?

Kann Europa nur bestehen, wenn es sich auf seine christlichen Wurzeln, letztlich auf Gott besinnt? Diese Überzeugung vertritt der Theologe und Unternehmenscoach Stefan Vatter.

Ein Buch, das Sie überraschen wird“, kündigt der Verlag an. Dass das Buch mit „Stimmen zum Buch“ – Kurzrezensionen also – beginnt, ist tatsächlich ungewöhnlich. Was den Leser dann erwartet, verspricht der Autor Stefan Vatter selbst, indem er die sechs Teile des Buches vorstellt und entsprechende Erwartungen weckt. Denn es sollen die fundamentalen Fragen des Menschen behandelt werden: Woher kommen wir? Was suchen wir? Wie leben wir? Wem vertrauen wir? Wer ist Gott? Dazu nimmt der Autor die Leser mit auf eine Reise durch die Geschichte, zu Entdeckern wie Mondfahrern, Religionskritikern, Naturwissenschaftlern, Künstlern und Philosophen. Diese höchst unterschiedlichen Persönlichkeiten werden befragt, ob und wie Gott in ihrem Leben und Denken eine Rolle spielt.

Das Buch ist leicht zu lesen, und Zitate sind in Anmerkungen belegt, aber es irritiert eine Darstellung, die doch zu einer gewissen Schwarz-Weiß-Malerei neigt. Wo der Glaube fehlt, werden sofort die negativen Auswirkungen hervorgehoben: Das Mittelalter wird vom Vorwurf, finster gewesen zu sein, freigesprochen. Immerhin gab es doch die Scholastik. Die Neuzeit hingegen wird durch die Hexenverfolgungen überschattet. Die Aufklärung, die auf Vernunft setzte, erzeugte ein Glaubensvakuum und nahm unaufgeklärt die Sklaverei hin. Die Postmoderne schließlich ist vom Relativismus geprägt und lehnt allgemein gültige Wahrheit ab. Das Muster findet sich auch auf der persönlichen Ebene. Während Voltaire als religiöser Mensch und Darwin als Gottsucher vorgestellt werden, starb Karl Marx, der Religion für Opium erklärte, „hoffnungslos und verzweifelt“, und auch seinen Kindern ging es elend. Das klingt wie eine Bestrafung wegen Gottesleugnung. Und ist Nietzsche wirklich begriffen, wenn er als radikaler Atheist gezeichnet wird? Ist er nicht eher einer, der verzweifelt nach Gott sucht?

Dass die Gottesfrage immer deutlicher ins Bewusstsein tritt, wo die Sinnfrage noch gestellt wird, ist nicht zu übersehen. Der von Johannes Röser herausgegebene CIG-Band „Gott?“ zeugt davon. Vatter will die Gottesfrage mit dem Schicksal Europas verknüpfen. Ohne ein christliches Menschenbild könne Europa keine Zukunft haben, resümiert er. Begriffe wie Gleichheit, Solidarität und Friede blieben Floskeln. Für eine politische Neuausrichtung empfiehlt er die zwölf Schritte der Anonymen Alkoholiker.

Vatters gewählter Ansatz, Gott aufzuspüren in den Lebens- und Denkentwürfen von Menschen in der Vergangenheit, ist zweifellos fruchtbar. Denn er ruft ins Bewusstsein, dass wir mit unserem Nachdenken und Fragen nach Gott nicht bei Null anfangen, sondern uns in einem langen Prozess des Suchens und Fragens befinden. Aber wenn das Ziel der Überlegungen ist anzubieten, „was unsere Gesellschaft braucht“, dann darf man fragen, ob sich nicht eine andere Akzentuierung nahelegt.

Die „Zeit“ fragte jüngst: „Wie solidarisch sind wir noch?“ Tatsächlich ist es genau das, was unsere Gesellschaft braucht, um nicht von Ideologie überrollt zu werden: Solidarität. Es gilt, hier alle Menschen ins Boot zu holen, die bereit sind, dem Egoismus und der Gewalt die Stirn zu bieten. Sie müssen dafür nicht ausdrücklich an der Gottesfrage interessiert sein. Möglicherweise sind es ja nach einem Wort von Karl Rahner „anonyme Christen“.

Und die Exploration Gott? So wertvoll das Aufspüren Gottes in Lebensentwürfen von Menschen ist: Es fragt sich doch, ob nicht näherliegt anzuregen, Gott in allen Dingen zu finden, wie es Ignatius von Loyola ausdrückte, Alltagserfahrungen durchsichtig zu machen auf Überraschendes, Unbegreifliches, Rätselhaftes zu achten. Das, was uns begegnet, der Banalität des Gewohnten zu entreißen und hinter allem den Ruf des Lebens zu spüren.

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Vatter, Stefan

Exploration GottWas unsere Gesellschaft jetzt braucht

(Verlag Herder, Freiburg 2020, 304 S., 24 €)

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