Die Kathedrale – ein eucharistischer Irrgarten

Gotische Kathedralen sind Höhepunkte christlicher Kunst, Hauptwerke europäischer Architektur. In kühner Technik verbinden sie viele Räume zu einer gestuften Einheit. Angesichts ihrer bildkräftigen Schönheit wird jedoch meist vergessen, dass sie in der Geschichte des Gottesdienstes, besonders seiner höchsten Feier, der Eucharistie, einen Irrgarten darstellen.

Die Kathedrale Notre Dame in Amiens war einst das größte französische Kirchengebäude. Mit ihren vielen Kapellen zielt sie ganz auf die Klerikerliturgie ab.
Die Kathedrale Notre Dame in Amiens war einst das größte französische Kirchengebäude. Mit ihren vielen Kapellen zielt sie ganz auf die Klerikerliturgie ab.© Foto: akg-images / euroluftbild.de / Bernd Clemens

Nehmet und esset alle davon“, „Trinket alle daraus“, „Tut dies zu meinem Gedächtnis“ – so lauten die Worte des Hochgebets, entwickelt aus den Abendmahlserzählungen der drei synoptischen Evangelien und des ersten Korintherbriefs (11,23–26). Seit 600 n.Chr. wurde die Eucharistie, das Brotbrechen, wie es die frühen Christen nannten, nicht nur am Sonntag, sondern täglich gefeiert, wozu Papst Gregor I. (590–604) ausdrücklich ermunterte. Der heilige Bischof Ulrich von Augsburg (923–973) stand täglich sogar drei Messen vor. Als adeliger Bischof konnte er vermutlich einige Diener und Gefolgsleute verpflichten, mit ihm dreimal am Tag zu feiern, aber eine Gemeinde war das nicht. Diese blieb bei der Vervielfältigung der Messen auf der Strecke. Widergespiegelt wird dies durch die Architektur der Kathedralen wie auch der großen Klosterkirchen. Hier wurden Räume und Altarstellen geschaffen, damit täglich viele Priester allein essen und trinken können.

Zwischen 600 und 900 war aus dem „Brotbrechen“ das „Messopfer“ geworden. Der Münsteraner Kirchengeschichtler Arnold Angenendt hat diese Entwicklung in seinem Buch „Offertorium. Das mittelalterliche Messopfer“ geschildert. Die Kleriker „bringen an Stelle Jesu das Gebet wie das Opfer dar… Liturgiegeschichtlich vollzog sich mit dieser Zurückweisung des Volkes eine Ungeheuerlichkeit.“ Die Priester setzten sich als eigener Stand von den Laien ab, grenzten ihre Handlungsräume in den Kirchen mit Chorschranken ab und empfahlen die Messe als Bitt- und Sühnopfer. So entstand eine „gezählte Frömmigkeit“, die Messen gegen göttliche Gnaden verrechnete; die Messen wurden dazu ins Unabsehbare vervielfacht. „Das frühmittelalterliche Mönchtum wandelte sich zu klerikal-kultischen Gemeinschaften mit möglichst vielen Priestern“, so Angenendt. Die Bischofshöfe und Domkapitel ebenso. Sie wollten möglichst viel Heil, Gnade, von Gott auf die Menschen herabflehen im Sinne eines „Do ut des“ – Ich gebe, opfere, damit du, Gott, gibst.

Räume für viele Messen

Aber weder Kathedralen noch große Klosterkirchen wie die dritte und letzte Abteikirche von Cluny, 1088 begonnen, waren bloße Messmultiplikationsmaschinen. Sie waren Zeichen von Gemeinden, die in Christus ihr Haupt sahen (Kol 1,18). Mit ihrer schwindelerregenden Höhe huldigten diese Kirchen dem Gott in der Höhe, der in Gebeten als der Höchste gepriesen wird. Daneben waren sie Herrschaftszeichen der Bischöfe, Äbte, der Könige, Herzöge und Reichsstädte, die sie erbauen ließen. Viele von ihnen sind Bauwerke höchsten Rangs, geschmückt mit Skulpturen und Malereien auf Wänden und Holztafeln und Glasmalereien in den Fenstern. Etliche, vermutlich die meisten, wurden von Steinbildhauern erbaut, wie zum Beispiel dem „Naumburger Meister“, dessen Weg die Kunstgeschichte von Mainz über Naumburg bis Meißen verfolgen kann (vgl. CIG Nr. 45/2011). Auch die Parler in Prag, Schwäbisch Gmünd, Köln und Burgos waren Steinbildhauer ebenso wie der „Erminoldmeister“, der den zweiten Bauabschnitt des Regensburger Doms geleitet hat. Ihr Skulpturenschmuck an Portalen, Lettnern, Kapitellen und Schlusssteinen ist deshalb nicht nachträglich hinzugefügt, sondern gebiert den Bau, bringt ihn aus sich heraus hervor. Aus einer liturgischen „Ungeheuerlichkeit“ (Angenendt), den vielen Altären und Kapellen, entwickelten sie Räume höchster Komplexität. Kapellen begleiten das Längsschiff, bilden einen Kranz um den Chorraum, offen zum Kirchenraum und durch ihre farbigen Fenster zum Licht des Tages – und doch jede für sich zentriert, ihren Altar überhöhend. Skulptur und Malerei vermitteln Heilsgeschichte, für den, der sie lesen kann. Bilder von Weltgericht und Hölle wiederum drohten auch Unheil an, was die Finanzierung des Baus beförderte. Denn die Angst vor Gericht und Hölle führte zu Stiftungen zum Heil der Seele, der eigenen und der der Väter, Mütter, Kinder und Enkel. Die Stiftungsgelder flossen in den Bau sowie seine Ausstattung – und ernährten Priester, die an den Altären Messen lasen. Aber dass der Klerus sich als eigener Stand neben dem Adel und den Bauern etablierte, war der eigentliche Skandal, eine Absage an die Gemeinschaft derer, die vom Geist Gottes getränkt sind (1 Kor 12,13). Die Absonderung einer Priesterklasse von dem „königlichen Priestertum, dem geheiligten Volk“, das alle bilden, die an Christus glauben (1 Petr 2,5f.), ist der Geburtsfehler aller Kathedralen.

In Cluny und bei den ersten Zisterzienserkirchen waren die geosteten Altäre in Reihen neben- und hintereinander geordnet. In der Abteikirche von Saint Denis wurden seit 1140 sieben Kapellen mit ihren Altären um den Choraltar radial angeordnet und mit einem Umgang verbunden. Aus dieser neuen Ordnung der Vielheit zur Einheit entstand die Bauweise der Kathedralen mit Hilfe von Spitzbogen aus Burgund, Kreuzrippen aus der Normandie, Bauplastik aus der Provence, und zwar im Umkreis von Paris, im französischen Kronland. Dort waren König, Kirche und Volk verbunden im Kampf gegen einen räuberischen Adel. Die Zeit war damals offen für Neuerungen. Der Philosoph und Theologe Petrus Abaelardus (1079–1142) hat sein Anliegen bei der Deutung heiliger Texte formuliert: „non per usum sed per ingenium“ (nicht wie üblich, sondern ingeniös, mit geistreichem Einfall). Die Ingenieurstechnik, die Bauten von unbekannter Kühnheit hervorbrachte, ist Zeitgenossin jener Philosophie und Theologie, die wir unter dem Namen Scholastik zusammenfassen. Sie blühte an den Kathedralschulen und brachte als Frucht die Universität hervor.

Die Kathedrale von Amiens wurde zwischen 1220 und 1264 nacheinander von drei Architekten erbaut: Robert de Luzarches, Thomas und Regnault de Cormont. Ob sie auch aus dem Handwerk des Steinmetzes aufgestiegen sind, ist nicht sicher. Jedenfalls gab es für den Bau einen gezeichneten Grundriss, der sehr genau eingehalten wurde. Die Kalksteine fertigte man in der Bauhütte und versetzte sie anschließend. Der Bau wurde an der Westfassade begonnen. Mit ihren Flankentürmen diente sie als Gegengewicht gegen das fragile Langhaus, das auf seinen runden Pfeilern in drei Geschossen zu einer Höhe von 42,30 Metern aufsteigt. Der Chorbau des abgebrannten Vorgängerbaus blieb zunächst noch in Funktion. Mit 133,50 Metern Länge ist diese Kathedrale das größte französische Kirchengebäude des Mittelalters. Sie war Vorbild für den Kölner Dom.

Das Domkapitel zählte vierzig Kanoniker und vierzehn Vikare, dazu kamen zwölf Kapläne, insgesamt also 66 Priester. An den 25 Altären flüsterten sie vieltausendmal, jeder für sich: „Esst und trinkt alle davon“ – um dann allein zu essen und zu trinken. Den Laien wurde erklärt, dass es genüge, wenn sie die bei der Wandlung erhobene Hostie andächtig sähen. Diese Schaufrömmigkeit brachte unzählige Bilder hervor, aber vom gemeinsamen Mahl war nur im Flüsterton die Rede. Die vielen Kapellen waren zuerst eucharistische Flüsterzellen, daneben boten sie auch Raum für die Verehrung von heiligen Patronen, für das Gedächtnis von Stifterfamilien, Zünften und geistlichen Vereinigungen.

Die Mitte neu finden

Jedes große Kunstwerk – und die Kathedrale von Amiens ist eines der größten – fordert den Betrachter heraus. Rainer Maria Rilke kam aus Anlass der Betrachtung eines „Archaischen Torsos“ zu dem Schluss: „Du musst dein Leben ändern.“ Der Philosoph Peter Sloterdijk hat dieses Zitat zum Titel eines bemerkenswerten Buchs gemacht. Aber in welche Richtung soll diese Änderung gehen? Die Kathedrale von Amiens fordert von uns, dass wir den Geburtsfehler dieses Bautyps, die Zurückweisung des Volks durch die Priester, die Verweigerung der Eucharistie für Laien, bedenken. Dies soll bei der Deutung und Vermittlung dieser und anderer Kathedralen berücksichtigt werden, aber auch im Blick auf Kirche 2020: Ist die mittelalterliche Definition von Priestertum als „Macht, die Messe zu lesen“ (sacerdotium est potestas missam legendi), noch zu halten? Ist die heutige Verweigerung der sonntäglichen Eucharistie wegen Priestermangels in vielen Teilen der Welt in der Angst begründet, dass Priester Macht abgeben müssten?

Im Boden der Kathedrale von Amiens ist, wie in Chartres, ein Labyrinth ins Pflaster eingelassen, das im letzten Jahrhundert zum Vorbild für unzählige Meditationsveranstalter wurde. Die Kirche 2020 muss die verschlungenen Wege gehen und als geschwisterliches Volk Gottes ohne Standesschranken neu die Mitte in Christus finden.

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