Papst der Widersprüche

Eine neue Biografie erklärt, warum Johannes Paul II. Geschichte schrieb – und bis heute polarisiert.

Papst Johannes Paul II. war eine Jahrhundertgestalt. Kein Rückblick auf sein Leben kommt ohne die Aufzählung von Superlativen aus: der erste Nichtitaliener auf dem Stuhl Petri seit 455 Jahren; der globale Papst, der wie kein anderer vor ihm die Welt bereiste, um nicht selten vor Millionen von Menschen kraftvoll und konsequent die Botschaft des Evangeliums zu verkünden; ein Geistlicher, der sich – erfolgreich! – mit dem Kommunismus und, in seinen wegweisenden Sozialenzykliken, mit dem Kapitalismus anlegte; ein Charismatiker, der 483 Heilig- und 1316 Seligsprechungen vornahm und der schließlich selbst im Rekordtempo zum Seligen und Heiligen erklärt wurde.

Zwischen Krakau und Auschwitz

Auch Matthias Drobinski, seit 1997 in der „Süddeutschen Zeitung“ für Kirchen und Religionsgemeinschaften zuständig, und Thomas Urban, von 1988 bis 2012 Osteuropakorrespondent derselben Zeitung, stellen im Vorwort ihrer Biografie die vielen Superlative zusammen – um freilich mit einem „Dennoch“ fortzufahren. Denn so sehr Karol Wojtyła (1920–2005) zu inspirieren vermochte und das Papstamt im medialen Zeitalter neu definierte, so sehr wurde sein 26 Jahre andauerndes Wirken von massiver Kritik begleitet. Hinter dem unbestrittenen Charisma, so der Grundvorwurf, verberge sich ein rückwärtsgewandter Geist, der sich niemals gegenüber der Moderne geöffnet habe. Sein Beharren auf einer „lebensfernen“ Sexualmoral, seine Maßregelung zahlreicher „abweichender“ Theologen, sein kategorisches Nein zur Priesterweihe der Frauen und nicht zuletzt sein eher nachlässiger Umgang mit Vorwürfen gegen Bischöfe und Priester hinsichtlich sexueller Gewalt bilden nur einige der Kritikpunkte. War der Papst, „der aus dem Osten kam“, also zugleich ein Revolutionär und ein Reaktionär, ein so brüderlicher wie selbstherrlicher „Stellvertreter“?

Wer sich ein solides Urteil bilden möchte, der wird diese Biographie mit Gewinn lesen. Nicht zuletzt, weil die beiden Autoren auch Werke berücksichtigen, die für die meisten Leser schwer zugänglich sind, so die bestens informierte, vierbändige Biographie des Polen Jacek Moskwa. Die „polnische Spur“ aber ist unbedingt zu beachten, will man der Persönlichkeit des ersten slawischen Papstes gerecht werden. So ist Wadowice, der Geburtsort, nur eine halbe Autostunde von Krakau, aber auch von Auschwitz entfernt. Schon diese Stichworte deuten an, dass das Leben Karol Wojtyłas anders dimensioniert war als das Leben seiner italienischen Vorgänger.

Der am 18. Mai 1920 geborene Karol war zutiefst in der Geschichte und Frömmigkeit Polens verwurzelt. Wenn der spätere Würdenträger und Weltbürger so „kompromisslos“ an seiner Version des christlichen Humanismus festhält, dann hat das auch mit der tragischen Historie seines Heimatlandes zu tun – die Garnisonsstadt Wadowice war noch eineinhalb Jahre zuvor dem Gebiet der Habsburger zugeschlagen. Vom Tag der Empfängnis bis zum letzten Atemzug sei das menschliche Leben, seine Unantastbarkeit, zu schützen. Wer daran rühre, fördere die Kräfte, die die Unheilsgeschichte des 20. Jahrhunderts bewirkten.

Von diesem Leitgedanken ausgehend lässt sich das vielfache Non possumus („Wir können nicht!“) des Bischofs und Papstes nachvollziehen – gegenüber der gottlosen Ideologie und Praxis des Kommunismus genauso wie angesichts der verlockenden Angebote eines Kapitalismus, der Arbeitskraft wie Umwelt als Mittel, nicht als Zweck betrachtet.

Rolle in Gottes Drama

In den fünfzehn Kapiteln ihres Werkes stellen Matthias Drobinski und Thomas Urban das epochale und an Abenteuern reiche Leben des polnischen Papstes dar. Dabei gehen sie im besten Sinne des Wortes kritisch vor, wissen das Große dieses Lebens wie seine Beschränktheiten klar zu benennen. „Und dann ist da noch dieser feste und unerschütterliche Glaube des Karol Wojtyła, das messianische Bewusstsein, in Gottes Plan eine Rolle zu spielen, im Drama vom Menschen und der Welt.“ Dieser Satz findet sich auf der vorletzten Seite und fasst ein Leben zusammen, das in seiner Geradlinigkeit „so ärgerlich wie bewundernswert“ anmuten mag.

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Drobinski, Matthias / Urban, Thomas

Johannes Paul II.Der Papst, der aus dem Osten kam. Eine Biographie

C.H. Beck Verlag, München 2020, 336 S., 24,95 €

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