Absurd: Herdenimmunität

Sollen – wenn auch verzögert – große Teile der Bevölkerung sich mit dem Corona-Virus infizieren, um so eine gewisse Immunität in der Breite der Gesellschaft zu erreichen? Von solchen Vorstellungen hält der Mediziner Gerd Fätkenheuer vom Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Infektiologie, Leiter der entsprechenden Abteilung am Kölner Universitätsklinikum, nichts. In der „Süddeutschen Zeitung“ erklärte er: Diese Idee sei „nicht zu Ende gedacht“. Und das aus zwei Gründen: „Erstens ist es eine Illusion, Menschen strikt voneinander trennen zu können. Unsere älteren Mitmenschen werden ja von den jüngeren versorgt, auch die Pflegekräfte in den Seniorenheimen sind jünger als sechzig Jahre. Und selbst wenn man diese jüngeren Menschen, die sich um Alte und Kranke kümmern, regelmäßig testet, wird das Virus dennoch in die empfindlichen Gruppen hineingetragen. Das ist ein … Überschwappen, und es gibt keinen Weg, das bei einer hinreichenden Versorgung der sensiblen Gruppen zu verhindern.“

Bei einer sogenannten Herdenimmunität müssten sechzig bis siebzig Prozent der Bevölkerung die Infektion durchgemacht haben. Das sind in Deutschland etwa fünfzig Millionen Personen. Zwar erkranken Unter-Sechzigjährige seltener schwer, aber es sei eine Fehlannahme, dass es Jüngere nicht trifft, so Fätkenheuer. „Wenn wir die Infektionen so laufen lassen, werden auch in der Gruppe der Unter-Sechzigjährigen 100000 Menschen sterben, binnen kurzer Zeit. Das kann sich im Moment niemand so recht vorstellen, aber das sind die statistischen Gegebenheiten, wenn man eine rasche Durchseuchung anstrebt. Wir sind deshalb entschieden dagegen.“

Auch der Chef des Bundeskanzleramts, Helge Braun, der selber Arzt ist, betrachtet eine „Herdenimmunität“ als Strategie zur Bekämpfung der Seuche als „untauglich“. In der FAZ erklärte er: „Um nur die Hälfte der deutschen Bevölkerung in achtzehn Monaten zu immunisieren, müssten sich jeden Tag 73000 Menschen mit Corona infizieren. So hohe Zahlen würde unser Gesundheitssystem nicht verkraften und könnten auch von den Gesundheitsämtern nicht nachverfolgt werden. Die Epidemie würde uns entgleiten.“

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