BuchbesprechungDen Schmerz duzen

Julia Kristeva betrachtet den christlichen Glauben aus einer psychoanalytischen Perspektive. Ein Gewinn für beide Seiten.

Die in Paris arbeitende Kultur- und Literaturwissenschaftlerin Julia Kristeva ist seit Jahrzehnten eine führende Stimme in linguistischen, feministischen Diskursen, stets wesentlich durch psychoanalytische Zugangsweisen geprägt. Just diese höchst kreative Frau, die sich als ungläubig bezeichnet, weil sie keinen Gott als „Betäubungsmittel“ will, beschäftigt sich mit dem vor-religiösen Bedürfnis zu glauben, denn die Suche nach Idealität sei wesentlich für das Menschsein, eine Art anthropologische Konstante. Gemeint ist natürlich nicht der explizite Glaube, der sich in Religionen oder Kirche ausdrückt und stets vieldeutig und ambivalent ist. Nein, dem unglaublichen Bedürfnis zu glauben korrespondiert das Begehren zu wissen – und beides sprechend (und gern auch schreibend) mitzuteilen. „Nehmen wir das prä-religiöse Bedürfnis zu glauben ernst, dann könnten wir uns nicht nur vergangenen und gegenwärtigen fundamentalistischen Entgleisungen der Religionen besser entgegenstellen, sondern auch zahlreichen Sackgassen der säkularisierten Gesellschaft“, vor allem einem panischen Glücksstreben unter Ausblendung des Negativen und einer fatalen Vernunft- und Wissenschaftsgläubigkeit rationalistischer Prägung. Besonders der junge Mensch in der Adoleszenz sei förmlich „süchtig nach Idealität“, also nach dem Größeren und Anderen. „Wir alle sind Adoleszente, wenn wir auf das Absolute versessen sind.“ In ihrer „Archäologie des Bedürfnisses zu glauben“ kommt Julia Kristeva in kritischer Weiterführung von Sigmund Freud natürlich auf die Bedeutung der „ausreichend guten Mutter“ und besonders des „lieben Vaters“, dessen „liebevolle Autorität die primäre Angst beschwichtigt und die Überzeugung vermittelt zu sein. In diesem unglaublichen Bedürfnis zu glauben sucht das ‚Ich‘ ununterbrochen nach diesem primären Bestandteil seiner Identität.“ Wortspielerisch spricht sie von „père-version“. Entscheidend ist die so heranwachsende Überzeugung, dass „das ideale Objekt existiert“.

In der Hauptstadt Bulgariens geboren, ist die Tochter eines orthodoxen Vaters mit christlichen Prägungen aufgewachsen. Sie schreibt sich in diesen erstaunlichen Texten von ihnen fort bis in die entschiedene Nicht-Gläubigkeit und gleichzeitig zu ihnen hin, mit besonderem Interesse an der „christlichen Differenz“, die die Welt nachweislich säkularisierend verändert habe und heute im Religions- und Kulturgespräch besonders wichtig sei. Dieses besonders Christliche besteht im Bekenntnis zur Passion Christi, ja zum Tode Gottes und eröffnet so eine ganz neue Geschichte, nicht nur der Leiderfahrung und -bewältigung, sondern der Subjektivität und Freiheit. Es ist ja das souveräne Leiden des Gottessohnes, des Unschuldigen, mit einer dementsprechend völlig neuen Kultur des Mit-Leidens und der österlichen Auferstehung. „Das christliche Leiden ist teilbar“ und macht sensibel für die Verwundeten, für die Verletzten und die zerstörerischen Strukturen und Dimensionen in uns. Im Geheimnis der Selbstentäußerung Christi, ja Gottes selbst entsteht „ein gewaltiges Gegengewicht zum Leiden“, weder Leid-Verliebtheit und Schmerz-Fixiertheit, noch Leid-Verdrängung und -Verhärtung, sondern „dessen Sublimierung und Durcharbeitung“. Nicht zufällig hat sich die Psychoanalytikerin intensiv mit den Schriften christlicher Mystik, besonders Teresas von Ávila, auseinandergesetzt und erweist sich als erstaunlich bibelkundig. Lapidar gesagt: Die christliche Revolution besteht darin, „den Schmerz zu duzen: indem er dem Geheimnis entrissen wurde, wo die Scham errötet, indem er von der Klage losgelöst wurde, wo das Ressentiment jammert, indem er die Empörung durchquert, wo die als Wut verkleidete Angst grollt“.

Der höchst anregende Band dieser Interviews, Reden und Reflexionen schließt mit einem Essay über die Schönheit, besonders die weibliche, „die überraschendste und paradoxeste Erfindung des Christentums“; diese habe „das Los der Frau mit der Liebe verbunden“. Mit auffallendem Interesse an der Gestalt Marias und mit zahlreichen Abbildungen aus bildender Kunst umkreist die Autorin den inneren Zusammenhang von christlichem Inkarnationsglauben, der Geschichte des Geschlechter-Begehrens und der daraus und darin erwachsenden Schönheit.

Ein aufregendes Bändchen, freilich wegen des eigenwilligen Stils nicht immer leicht zu lesen und mit seinen steilen Thesen der Diskussion bedürftig. Umso erfreulicher ist das erschließende Nachwort der erfahrenen Psychoanalytiker Elisabeth Van Quekelberghe und Eberhard Haas, der selbst wichtige Arbeiten zum Gespräch zwischen (christlicher) Religion und Psychoanalyse vorgelegt hat. Solche Ansätze werden leider immer noch viel zu wenig von der Theologie und der Kirche wahrgenommen.

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Julia Kristeva

Dieses unglaubliche Bedürfnis zu glauben

(Psychosozial-Verlag, Gießen 2014, 173 Seiten, 22,90 €)

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