Mystik im AlltagSchon aufgeschlossen?

Die Kirche muss wieder lernen zu begeistern. Denn statt Neuschöpfung stehen die Zeichen allzu oft eher auf Erschöpfung.

Dass Pfingsten ein Feiertag ist, steht im Kalender. Aber gibt es derzeit Grund zum Feiern? Und wenn wir in den Kirchen „Komm, Schöpfer Geist“ singen: Ist uns dann wirklich nach Neuschöpfung zumute? Wäre derzeit nicht eher von Erschöpfung zu reden?

Es steht freilich nirgends geschrieben, dass der Heilige Geist nur etwas mit Begeisterung zu tun hat, mit dem berühmten Ruck durch die Gesellschaft und durch das Menschenherz. Auch der Leidensdruck und der Entschluss, diesen wirklich zu beachten, könnten ja geistgewirkt sein. Es ist schließlich immer der Geist Christi, des Gekreuzigten. Wenn heilsame Veränderungen in Gang kommen sollen, muss durchkreuzt werden, was dem im Wege steht. „Mache flexibel, was verhärtet ist“, heißt es im Pfingsthymnus. Der ruft gleich eine ganze Reihe von Schmerzpunkten auf, die es durchzustehen gilt, Defizite, die zu beseitigen sind: „Was befleckt ist, wasche rein, Dürrem gieße Leben ein…“

Jener pfingstliche Aufbruch, den man Zweites Vatikanisches Konzil nennt, hat besonders an zwei Prinzipien erinnert, die es auszuarbeiten gilt. Gott – dies immer zuerst – ist keine Angelegenheit, schon gar kein „Besitz“ allein der Kirchen. Er will ja das Glück jedes Menschen. Jeder Mensch ist schon als Geschöpf gotterfüllt. Er hat – mag es auch noch verstört sein – Vertrauen ins Dasein, einen Lebensglauben und ein Liebeswissen, sonst wäre er nicht. Und zweitens: Christen und Kirchen dürfen genau diese universale Gottesgegenwart mit Namen kennenlernen. Sie haben sie gastfreundlich zu leben und zu vermitteln – und dürfen nicht als exklusive und ausschließende Gottesagentur auftreten.

Das – zweite – Dokument des Konzils über die Kirche, die Konstitution über die Kirche in der Welt von heute, formulierte es so: „Christus, der schlechthin neue Adam, macht… in der Offenbarung des Mysteriums des Vaters und seiner Liebe dem Menschen selbst den Menschen voll kund und erschließt ihm seine höchste Berufung… Denn Er, der Sohn Gottes, hat sich durch seine Fleischwerdung gewissermaßen mit jedem Menschen vereint.“ Wohlgemerkt: mit jedem Menschen! Gerade im Namen Christi, so heißt es weiter, „müssen wir festhalten, dass der Heilige Geist allen die Möglichkeit anbietet, in einer Gott bekannten Weise diesem österlichen Mysterium zugesellt zu werden“ („Gaudium et spes“, 22).

Da ist nichts von herablassender, gar überheblicher Aufteilung in Glaubende und Unglaubende. Es geht um das „Geheimnis (je)des Menschen“. Für Christen ist dies sichtbar geworden in dem Unvergesslichen aus Nazaret. An ihm ist maßstäblich erkennbar, was jeder Mensch im Grunde weiß und ersehnt: „Glaubwürdig ist nur Liebe.“ Die entschiedene Bindung an Christus schließt nicht ab, sondern auf – so zeigt sich das Wirken des Geistes.

Für die reale Kirchengestalt(ung) bedeutet das, wirklich aufgeschlossen zu werden für alle Menschen, ohne Wenn und Aber. Es gilt deshalb, um Gottes willen endlich Abschied zu nehmen von jeder Art Selbstvergöttlichung der Kirche und ihrer Ämter. Sakrosankt ist nur, was Gott und dem Menschen dient – und der geplagten Mutter Erde. Ob wir in diesem Sinn derzeit ein blaues Wunder erleben, ein Pfingstwunder? Fangen wir vielleicht gerade erst an, wirklich katholisch zu werden, also gottgemäß von (je)dem Menschen her zu denken und zu handeln?

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