Nahöstliche Identitäten

Die Menschen im Nahen Osten haben oftmals „eine Fülle von Identitäten“. Das beobachtet der Benediktinerpater Nikodemus Schnabel, der seit sechzehn Jahren in der Dormitio-Abtei in Jerusalem lebt. In einem KNA-Interview veranschaulicht er diese Spannungen an einer jungen, aufgeklärten griechisch-katholischen Frau, die in Nazareth lebt:

„Sie ist einerseits Palästinenserin, das ist ihre Nationalität. Sie ist aber auch Israelin, wie ein Blick in ihren Pass beweist. Zudem ist sie West-Christin, weil sie zur katholischen Weltkirche gehört, aber auch Ost-Christin, weil sie als Melkitin nach byzantinischem Ritus feiert. Und sie ist Frau in einer Machogesellschaft. Diese Frau wird sich je nach Situation unterschiedlich positionieren. Sie würde sich beispielsweise niemals freiwillig zur israelischen Armee melden, weil sie diese – wie viele Palästinenser – als Besatzer erlebt. Sie wird sich aber selbstverständlich an israelischen akademischen Austauschprojekten beteiligen, weil sie sich als weltoffene Israelin und Akademikerin versteht. Dass sie den Führerschein macht, steht für sie außer Frage. Da wird sie sagen: ‚Ich lasse mir doch von keinem Mann vorschreiben, was ich mache!‘ Urlaub wird sie zu Weihnachten nehmen und da zwei Wochen Tabouleh (Bulgursalat; d. Red.) schnippeln und die Verwandten beköstigen, also den sehr traditionellen Rollenerwartungen entsprechen.

Die daraus resultierenden Spannungen können einen aber auch in den Wahnsinn treiben. Ich beobachte vor allem drei Varianten, wie Menschen damit umgehen: Es macht sie aggressiv, das nehmen wir wahr, wenn es wieder zu Gewaltausbrüchen im Heiligen Land kommt. Andere werden depressiv, resignieren. Auch das sehen wir. Der dritte Weg, den ich leider immer öfter beobachte, vor allem bei Ausländern, die sich im Heiligen Land engagieren: Man wird zynisch. Wenn man nicht in diese drei Sackgassen geraten will, die einen kaputt machen, dann geht es nur über ein beständig liebendes Ringen um das komplizierte Heilige Land und um seine faszinierenden Bewohner.“

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