Ausstellung "Procession" - Kiki SmithDie aus dem Wolf steigt

Durch die materielle Welt hat man ein spirituelles Leben. Deshalb passen Kunst und katholischer Glaube so gut zusammen, meinte einmal die Amerikanerin Kiki Smith, der in München nun eine große Ausstellung gewidmet ist. Sie lädt dazu ein, eine entschieden weibliche Sicht der Dinge kennenzulernen.

Ich schaffe Bilder für Dinge, die meiner Ansicht nach Aufmerksamkeit verdienen. Das ist eine leisere Art“, erklärte einmal die amerikanische Künstlerin Kiki Smith. Die Ausstellung „Procession“ im Münchner „Haus der Kunst“ gibt (bis 3. Juni) einen Überblick über ihr vielgestaltiges Werk. 1954 in Nürnberg als Tochter einer Opernsängerin und eines Bildhauerarchitekten geboren, lebt Smith heute in einem alten Haus am Hudson sowie in New York. Haus und Wohnung sind ihre Werkstatt, wenn sie nicht in einer Glasmalereianstalt in München, in einer Kunstgießerei in Santa Fe, einer Kunstweberei oder in einer Porzellanfabrik arbeitet. Sie reist viel, um zu sehen und zu lernen. 1976 etwa besuchte sie das Schloss von Angers in Frankreich, um sich die dortigen 101 Wandteppiche zum neutestamentlichen Buch der Apokalypse anzuschauen – und um zu lernen, wie im 14. Jahrhundert Wortbilder zu Bildern gewebt werden konnten. Nach eigener Aussage würde sie gerne eine Kapelle, noch lieber eine Kathedrale gestalten. Auch hatte sie sich in das Thema „Kruzifix“ vertieft (für die Theatinerkirche in München).

2008 äußerte sie in einem Video zur Kunst des 21. Jahrhunderts: „Ich habe so die Theorie, dass der Katholizismus und die Kunst gut zusammenpassen, weil beide an die körperliche Manifestation der geistigen Welt glauben – dass man durch die materielle Welt ein spirituelles Leben hat, dass man physisch in einem Körper hier sein muss. Man hat immer wieder mit Gegenständen zu tun, mit Rosenkränzen und Medaillen. Der Katholizismus glaubt an die materielle Welt. Er ist eine Dingkultur.“

Kiki Smith lädt zur Wahrnehmung von und zum Nachdenken über Schöpfung ein und zwar aus einer entschieden weiblichen Sicht. In einem sehr anschaulichen Film in der Ausstellung werden einige minimalistische Skulpturen ihres Vaters gezeigt, von dem sie nach eigenen Angaben viel gelernt hat, aber im Gegensatz zu seinem abstrahierenden Vorgehen wendet sie sich den Gegenständen zu, kleinen wie großen.

Die Tapisserie, der Wandteppich in unserer Abbildung links, mit dem Titel „Sky“ (Himmel) zeigt Flugwesen, Schmetterlinge, Vögel, Sterne und eine nackte Frau. Ihr Bild ist angeregt durch altägyptische Bilder der Himmelsgöttin. Im Pharaonenreich wurde der Himmel als Frau und die Erde als Mann gedacht, die ursprünglich eins waren. Erst aus ihrer Trennung entstanden Himmel und Erde. Das Bild einer nackten, mit Sternen übersäten Himmelsgöttin wurde immer wieder auf der Innenseite des Decksteins ägyptischer Sarkophage angebracht. Diese Darstellung stand damit dem oder der im Sarkophag Liegenden als letztes Bild vor Augen, bis es um sie beim Schließen des Sargs dunkel wurde. Von der ägyptischen Darstellung hat Kiki Smith die Biegung der Gestalt übernommen, aber ihr Himmel beugt sich nicht auf Füßen und Händen stehend über die Erde, sondern schwebt am rechten Rand, entlässt die Sterne, lässt Vögel und Schmetterlinge fliegen.

Davor in der Mitte liegt ein struppiges Tier, ein Wolf, auf dem Rücken. Aus seinem aufgeschlitzten Bauch steigt eine nackte Frau, die ernst und entschlossen auf den Betrachter zugeht. Ihr dunkel glänzender Leib ist ganz glatt im größten Kontrast zum rauen Fell des Tieres und zur warmen Unschärfe der Tapisserien an der Wand. Der Titel des Werks „rapture“ weist hin auf Entführung und Ergriffenheit. Die Bronze und die Wandteppiche verwandeln den strengen Galerieraum in den Prunksaal eines Renaissancefürsten. Tapisserie und Bronzeplastik waren als äußerst aufwendige Kunstprodukte das Wertvollste, mit dem ein Fürst seine Besucher beeindrucken konnte.

Krähen und Spinnennetze

Die Frau, die aus dem Wolf steigt, bezieht sich auf die Gründungssage Roms. Demnach wurde das Brüderpaar Romulus und Remus von einer Wölfin gesäugt. Bei Kiki Smith wird diese Erzählung umgestülpt. Es ist keine Wölfin, welche die Söhne des Kriegsgottes Mars nährt. In der Sage führen beide Krieg gegen die Hirten ihres Onkels. Romulus gründet Rom und erschlägt seinen Bruder. Rom weitet seine Macht gewaltsam bis zum Weltreich aus. Die nackte Frau aus dem Wolf kehrt eine von kriegerischen Männern bestimmte Weltgeschichte um, so wie der biblische Prophet Jesaja die Naturgesetze umgekehrt hat: Wolf und Lamm liegen zusammen, der Löwe frisst Stroh wie das Rind, Kuh und Bärin freunden sich an, ihre Jungen spielen zusammen (Jes 11,6f). Gaukelt uns Kiki Smith ein feministisches Paradies vor?

Ja und nein. Sie lädt uns ein, sich eine andere Welt vorzustellen, eine von Frauen bestimmte Welt ohne Krieg, frei von Gewalt, eine Gegenwelt zu der des amerikanischen Präsidenten, zu Putin, Assad und Kim. Realität aber ist Verletzlichkeit, Umweltzerstörung. Im anschließenden Raum, dem fünften der Ausstellung, liegen Vögel – Krähen – auf dem Boden. Krähen spielen bei Kiki Smith viele Rollen. 1995 schuf sie die Installation „Untitled (Crows)“. Damit reagierte sie auf eine Nachrichtenmeldung, dass in New Jersey Vögel tot aus der Luft fielen, nachdem sie durch eine Giftwolke geflogen waren. Wie Leichen liegen die Vögel am Boden, nicht wie Tiere, die sich hinlegen, weil sie sich dem Tod nahe fühlen. Vielmehr sind sie abgestürzt im vollen Flug, ihre Flügel ragen verrenkt in die Höhe. Auf der Seite, dem Rücken, dem Bauch liegen sie, ein erschreckendes Leichenfeld, eine Umkehrung des Horrorfilms „Die Vögel“ von Alfred Hitchcock: Nicht Vögel bedrohen die Menschen, die Menschen vergiften die Vögel.

Die zweite auf der Abbildung sichtbare Tapisserie trägt den Titel „Spinners“. Sie zeigt eine von Spinnennetzen umsponnene Welt, in der sich Falter, Motten, Schmetterlinge verfangen haben. Das Gewebe des Spinnennetzes wird im griechischen Mythos von Arachne mit der von Athene erfundenen Kunst des Webens verglichen. Weil die Königstochter Arachne darin die Göttin übertraf, wurde sie in eine Spinne verwandelt. Diego Velázquez (1599–1660) hat in einem seiner größten Gemälde, „Las hilanderas“ (Die Spinnerinnen), das sich im Madrider Prado befindet, die griechische Sage in die Neuzeit, in die königliche Teppichmanufaktur, verlegt.

1805 erfand Joseph Marie Jacquard in Lyon einen durch Lochstreifen gesteuerten Webstuhl, ein frühes Zeugnis digitaler Automatisierung, das die Textilherstellung revolutionierte. Kiki Smith benutzt diese Technik für ihre Tapisserien. Sie entwirft die Vorzeichnung, legt Farben und Qualität der Fäden fest und überwacht die Herstellung.

Außer Krähen, Wölfen, Spinnen und Schmetterlingen beleben Meisen, Katzen und Rehe die Tierwelt der Künstlerin. Auch Körperteile von Menschen – Hände, Füße, Köpfe, innere Organe – gehören für sie zu den „Dingen, die Aufmerksamkeit verdienen“, die sie auf „leise Art“ vor Augen stellt. Mit Louise Bourgeois (vgl. CIG Nr. 18/2015, S. 194), Annette Messager (CIG Nr. 5/2015, S. 54), Niki de Saint Phalle (CIG Nr. 27/2010, S. 302) gehört Kiki Smith zu jenen Künstlerinnen, die unsere Wahrnehmung der Welt durch einen weiblichen Blickwinkel verändert haben und immer noch verändern. Sie arbeitet mit Mythen, Märchen und Religionen, mit Wolle, Wachs, Papier, Porzellan, Glas, Bronze und Aluminium. Die Münchner Schau, von Petra Giloy-Hirtz klug kuratiert, gibt einen faszinierenden Einblick in ihr weites Werk.

Der schön gestaltete Katalog „Procession“ (deutsch-englisch; 224 S., 49,95 €) ist im Münchener Prestel Verlag erschienen.

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