Von Kindern lernenOffen für die Welt

Wir Erwachsene denken oft, dass wir den Kindern alles beibringen müssen. Doch Kinder sind selbst Lebenskünstler. Sie haben viele Fähigkeiten, von denen wir uns etwas abgucken können.

Offen für die Welt
Kinder haben viele Fähigkeiten, von denen wir lernen können © Daniela Kohl

Viele betrachten die Kindheit in erster Linie als eine Zeit des Lernens. Kinder lernen laufen, sprechen, Schuhe binden, Rad fahren, teilen, Konflikte lösen, lesen, abstrahieren und kochen. Die Liste kann beliebig ergänzt werden und verdeutlicht, dass in den ersten Lebensjahren tatsächlich viele grundlegende Fähigkeiten erworben werden. Doch kann es sein, dass Kinder auch einiges „verlernen“? Ist es möglich, dass wir Eltern ihnen manches „aberziehen“? Gibt es Dinge, die Kinder besser können als wir Erwachsene? Ich kenne niemanden, der Kinder hat, und diese letzte Frage mit Nein beantworten würde. Und trotzdem vergessen wir immer wieder, welche wunderbaren Fähigkeiten uns unsere Kinder lehren können, wenn wir uns auf das Abenteuer einlassen.

Im Augenblick leben

Jedes Kind ist einzigartig und das gilt auch für uns Erwachsene. Dennoch scheinen die meisten Kinder ein Soft Skill zu besitzen, das seit einigen Jahren in aller Munde ist. Wir Großen versuchen es uns in kuscheligen Wochenendseminaren mühsam anzueignen, weil es uns offenbar im Laufe der Adoleszenz abhandengekommen ist. Die Rede ist von der Achtsamkeit. Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich sagen, die Kinder hätten sie erfunden, sind sie doch Experten darin, vollständig im Hier und Jetzt zu sein, ohne ständig zu bewerten oder zu vergleichen. Kinder schaffen es, sich im Moment zu verlieren und mit jeder Faser zu leben, als gäbe es kein Gestern oder Morgen. Was zählt, ist der Augenblick, und den kosten sie intensiv aus. Oscar Wilde war seiner Zeit weit voraus und fasste das Manko von uns Erwachsenen prägnant in Worte: „Leben, das ist das Allerseltenste in der Welt, die meisten Menschen existieren nur.“ Alltagssorgen, schmerzhafte Erlebnisse, Zukunftsängste oder unsere hohen Ansprüche reduzieren unser Sein manchmal auf das Existieren und ersticken die Freude an der Gegenwart, am Augenblick, an Kleinigkeiten. Wir blicken ständig nach vorne oder zurück und verlieren dabei manchmal das echte Leben aus den Augen, das, was wirklich zählt. Kinder können uns lehren, uns immer mal wieder vollkommen im Jetzt zu verlieren, unsere Sinne auf das Wesentliche zu fokussieren und innezuhalten.

Sich dem Zeitdruck entziehen

Eine zweite, typisch kindliche Fähigkeit hängt eng mit Achtsamkeit zusammen. Kinder haben die Gabe der Langsamkeit! Sie sind Meister im Trödeln und Königinnen im Bummeln. Kinder können sich Zeit nehmen und Zeit lassen, ungeniert und ungefragt und meist dann, wenn wir Eltern es eilig haben. Beim Spaziergang durch den Wald geht es für sie mehr ums Entdecken als ums Bewegen, in Bilderbüchern stoßen sie auf Details, die uns Erwachsenen entgangen wären, weil wir in unserem gewohnten Tempo durch die Geschichte blättern. Ich persönlich ertappe mich immer wieder dabei, dass ich meine drei Kinder antreibe. Ich habe oft einen inneren Fahrplan, möchte in 30 Minuten mehr als einen Kilometer zurücklegen und mag es, wenn es „vorwärts“ geht. Ich finde auch, dass die Wimmelbücher Wo ist Walter? verboten gehören. Jedenfalls dann, wenn das Kind darauf besteht, sie mit Mama anzuschauen und den absonderlich winzigen Walter auf jeder Seite zu finden, bevor es ins Bett geht. Doch manchmal schaffe ich es, meine innere Uhr auszuschalten und mich bewusst nach dem Tempo der Kinder zu richten. Ich bleibe stehen, wenn sie etwas entdecken, und zwar so lange, bis sie weiterwollen. Wir schauen Bilderbücher an und ich überlasse ihnen das Umblättern und wir suchen den im Bild versteckten Walter so lange, bis wir ihn finden. Solche bewusst gewählten „langsamen Tage“ entschleunigen ungemein, sie senken den Puls und drücken den Blutdruck. Wir tun gut daran, uns immer mal wieder nach dem Tempo der Kinder zu richten.

Immer neugierig und offen

Ich beneide meine Kinder sehr um ihre Unvoreingenommenheit. Bei mir selbst beobachte ich, dass ich innerhalb von Sekunden entscheide, ob ich etwas gut oder schlecht finde, ob etwas schön oder hässlich ist, richtig oder falsch. Kategorien sind nicht grundsätzlich schlecht und können uns Sicherheit geben. Dennoch ist mein Eindruck, dass Kinder generell eher bereit sind, sich auf Neues und Unbekanntes einzulassen. Die Folge ist, dass sie Erfahrungen sammeln und Dinge entdecken, die uns Erwachsenen manchmal entgehen, weil wir eine vorgefasste Meinung haben. Viele Kinder sind flexibel und anpassungsfähig und bringen eine große Portion Neugier mit, die sie die Welt auf eine Art und Weise erleben lässt, wie wir es nicht mehr können. Albert Einstein soll gesagt haben: „Ich habe keine besondere Begabung, sondern bin nur leidenschaftlich neugierig.“ Neugierde und Unvoreingenommenheit scheinen mir die Mutter aller Innovation zu sein, kein Wunder, dass jede junge Generation neue Ideen hervorbringt.

Eng verbunden damit ist die Bereitschaft, nicht nachtragend zu sein. Immer wieder verblüfft es mich, wie gut Kinder darin sind, Konflikte oder Streitigkeiten hinter sich zu lassen und ohne zu zögern einen Neuanfang zu wagen. Wenn es darum geht, mir meine Unzulänglichkeiten zu verzeihen, sind meine Kinder immer großherzig und versöhnlich. Ich selbst bin oft deutlich unbarmherziger im Umgang mit anderen Menschen als sie und längst nicht immer bereit, ein Fehlverhalten zu akzeptieren oder Verständnis für andere aufzubringen. Gleichzeitig bin ich natürlich bei Weitem keine perfekte Mutter. Dennoch habe ich es noch nie erlebt, dass meine Kinder nicht bereit gewesen wären, mir zu verzeihen, wenn ich sie darum bat – welch wunderbare Eigenschaft!

Leben ist spielen

Vielen von uns Erwachsenen ist irgendwann die Fähigkeit zu spielen verloren gegangen. Damit meine ich nicht, dass wir uns wieder vermehrt mit Bauklötzen beschäftigen sollen, obwohl auch das vielleicht schön wäre. Es geht vielmehr um die unglaubliche Gabe von Kindern, Alltagssituationen in ein Spiel und Alltagsgegenstände in Spielzeug zu verwandeln. Auf diese Weise schaffen Kinder unbegrenzte Möglichkeiten, nehmen neue Blickwinkel ein, werden zu Erfinderinnen und Forschern und sehen Wege, wo es für uns keine gibt. Diese kindliche Fähigkeit kommt erst so richtig zum Vorschein, wenn es keine herkömmlichen Spielmöglichkeiten mehr gibt. Unsere Familie war im vergangenen Jahr für drei Monate in den USA. Wir wohnten mitten in Miami in einer kleinen Wohnung im 26. Stock und hatten uns bewusst entschieden, keinerlei Spielsachen mitzunehmen oder anzuschaffen. Innerhalb kürzester Zeit verwandelten die Kinder alle möglichen Alltagsgegenstände in Spielzeuge. Sie spielten stundenlang mit einem Pingpongball, den sie gefunden hatten, bauten Schiffe aus Verpackungsmaterial und übten Tricks mit Pappbechern. Egal, wo wir hingingen, egal, was wir unternahmen, ihre Herangehensweise an die neuen Umstände war spielerisch. Mit Leichtigkeit ließen sie sich auf die neue Sprache, das neue Klima, das ungewohnte Essen und die unbekannte Umgebung ein. Alles war ein Spiel und die riesige, unbekannte Stadt ihr Spielplatz. Ich bin mir fast sicher, dass Erwachsene mit großartigen und weltverändernden Ideen ausnahmslos Menschen sind, die die Fähigkeit zu spielen nicht verlernt haben. So erstaunt es auch nicht, dass Kinder pro Tag 27-mal häufiger lachen als wir Großen, denn Spiel und Spaß sind untrennbar miteinander verbunden. Und schon Astrid Lindgren wusste: „Es gibt kein Verbot für alte Weiber, auf Bäume zu klettern.“

"Kinder wollen immer volle Beute machen"

kizz sprach mit dem Kinderarzt und Autor Herbert Renz-Polster

Im Gegensatz zu uns Erwachsenen leben Kinder noch völlig im Moment. Lässt sich das erklären?

Aber sicher doch. Kinder sind ja voll im Auge des Entwicklungssturms, da müssen sie jede Gelegenheit nutzen, um vorwärtszukommen. Sie wollen sozusagen immer volle Beute machen, im Hier und Jetzt. Und sie werden ja auch dafür belohnt, wenn sie voll in die Gegenwart eintauchen! Wenn sie nämlich die Dinge tun, die jetzt gerade in ihrer Entwicklung anstehen, dann fängt es innerlich bei ihnen zu kribbeln an, sie bekommen einen Motivationsschub. Ein Baby beispielsweise, das von seiner motorischen Entwicklung her bereit ist sich aufzurichten, wird jetzt für das Aufrichten belohnt. Kein Wunder, dass die Kleinen so zäh üben, auch wenn sie das dann erst nach und nach schaffen.

Manchmal entdecken Kinder Dinge, die uns gar nicht mehr auffallen.

Sie MÜSSEN eine andere Wahrnehmung haben, denn ihre Aufgaben sind andere. Wir gehen raus, um unseren Stand in der Welt zu sichern, also für unser Auskommen und unsere Familie zu sorgen. Kinder stehen morgens auf, um in ihrer Entwicklung weiterzukommen. Klar fallen ihnen da Möglichkeiten auf, an denen wir vorbeigehen. Ein Mäuerchen etwa, darauf kann man klettern und balancieren und dabei seine Entwicklungslust ausleben. Wir Großen aber wollen rasch zum Supermarkt kommen, die Mäuerchen haben wir da nicht im Blick.

Gibt es so etwas wie eine kindliche Haltung gegenüber der Welt?

Es ist eine offene Haltung: Ich will verstehen und spüren, wie das hier läuft. Wie Menschen ticken, wie die Welt aufgebaut ist. Die Erwachsenenhaltung ist eher auf einen direkten Zweck gerichtet; nicht immer, aber oft. Der Zweck des Kindes ist indirekt: Ich will wachsen. Dennoch gibt es auch eine gemeinsame Haltung. Sowohl Kinder als auch Erwachsene brauchen nämlich für ihren jeweiligen „Zweck“ denselben Rückenwind: Ich fühle mich sicher, ich bekomme Anerkennung, ich gehöre dazu. Und ich bekomme Raum, Luft und Freiheit, um zu „wirken“. Wenn wir diese Signale erhalten, fühlen wir uns wohl und stimmig. Ob groß oder klein.

Können wir uns von Kindern etwas abschauen?

Ich denke, jeder Mensch braucht seine eigenen Wege und Brücken und Andockstellen, die zu seiner Persönlichkeit und seiner Art zu leben passen. Und zu den Karten, die er momentan in der Hand hält. Da wird man nicht dauernd leuchtende Kinderaugen haben können, aber vielleicht ab und zu einen hoffenden Blick. Jedes Alter hat seine Herausforderungen.

Webseite von Herbert Renz-Polster: www.kinder-verstehen.de

Anzeige
Anzeige: Zwei Freunde im Fußballfieber

kizz Newsletter

Ja, ich möchte den kostenlosen kizz Newsletter abonnieren und willige somit in die Verwendung meiner Kontaktdaten zum Zwecke des eMail-Marketings des Verlag Herders ein. Dieses Einverständnis kann ich jederzeit widerrufen.