ElternbeschwerdenDie Wut-Mutti

Geduld und Güte wünscht sich unsere Kolumnistin ASTRID HERBOLD – für sich selbst und ihre Umgebung. Leider kommt es meistens anders Geduld und Güte wünscht sich unsere Kolumnistin ASTRID HERBOLD – für sich selbst und ihre Umgebung. Leider kommt es meistens anders

ICH BIN AUF 180! ERNSTHAFT! Am liebsten würde ich diesen Text KOMPLETT in Großbuchstaben schreiben. Ich komme heute Morgen in die Kita, wie immer im Laufschritt. Will nur schnell meinen Sohn in den Gruppenraum schieben und weiterhetzen. Doch statt Kindergeplapper aus der Bauecke empfängt mich ohrenbetäubendes Gepiepe. Piiiiiep. Piiiiiep. Piiiiiiiep. In Feuermelder-Lautstärke. „WAS IST DENN HIER LOS?“, rufe ich. Die Praktikantin sitzt achselzuckend am Tisch, die Gruppenleiterin ist nicht zu sehen. Die Kinder schieben stoisch Autos über den Teppich.
Das Geräusch kommt vom Sideboard. Da steht eine Ampel, Lichtsignal auf Rot. „WIE GEHT DAS DING AUS?“ Jetzt schreie ich schon, aber nur aus Notwehr. Drehen die hier in der Einrichtung nun völlig durch? Weil niemand sich rührt, gehe ich in die Knie und ziehe den Stecker. Aaaah, Ruhe, wie wunderbar. In dem Moment kommt die Gruppen leiterin angerannt. Unser Wortwechsel ist kurz und unhöflich. Sinngemäß (nicht wörtlich) sage ich, dass sie das Ding aus dem Fenster schmeißen soll.
Ab ins Büro, Rechner hochfahren, E-Mail an die anderen Eltern schreiben. Eine sogenannte Lärmampel, die bei erhöhtem Geräuschpegel der Kinder auf Daueralarm schaltet, in einer INTEGRATIONSGRUPPE? Mit einem derart schrillen Warnton, dass selbst friedfertige Zeitgenossen binnen Minuten Amok laufen wollen? Das kann ja wohl nicht wahr sein!! DIE AMPEL MUSS WEG!!!
Ich kürze die Geschichte an dieser Stelle ab. Sie gehört nicht zu meinen liebsten Kindergartenerinnerungen. Es gab eine Aussprache im Beisein der Kitaleitung. Es wurden Entschuldigungen formuliert, alle Seiten zeigten sich irgendwie einsichtig. Dann wurden Vorfall und Ampel ad acta gelegt.
Ich hätte mich gerne besser im Griff gehabt. Ich hätte lieber „konstruktiv das Gespräch gesucht“. Meinem Gegenüber nur Ich-Botschaften gesendet: „ICH finde die Funktionalität dieses Geräts fragwürdig. ICH befürworte den Einsatz angesichts unserer aktuellen Gruppenstruktur und -dynamik nicht. ICH würde gerne die Studien sehen, die die pädagogische Wirksamkeit belegen.“ Den Teil mit den Vorwürfen und Anklagen hätte ich dagegen lieber weggelassen.
Ich möchte keine Wutbürgerin sein. Der Empörungsvirus, der uns seit der Erfindung von Social Media kollektiv befallen hat, ist mir zuwider. Ich liebe TIEFENENTSPANNTE Menschen, die ohne Großbuchstaben und Ausrufezeichen auskommen! Leider bin ich noch nicht ganz an dem Punkt. Ich rege mich genauso schnell auf wie alle anderen. Und hinterlasse bei meinen Explosionen gelegentlich verbrannte Erde.
Daher gehen die nächsten Zeilen vor allem an mich selbst (bitte morgens und abends lesen): Wut ist ein sehr schlechter Ratgeber. Wenn Mutterhirn und -herz von Adrenalin durchflutet sind, dann tritt einen Schritt zurück. Cool down. Nimm deine elektronischen Devices vom Netz. KOMMUNIZIERE NICHT! Erst wenn du dich gründlich abgeregt hast, kannst du den Vorfall analysieren und über Handlungsoptionen nachdenken. Dann darfst du deine innere Ampel wieder auf Grün stellen: GO!   

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