Kinder und SterblichkeitUnd tot bist du!

Kleine Kinder sind erstaunlich kaltschnäuzig, wenn es um das Thema Sterblichkeit geht. Das hält allerdings nicht lange an, weiß Kolumnistin Astrid Herbold

Und tot bist du!
In einer kurzen Phase der Entwicklung von Kindern ist die Empathie kaum ausgeprägt- Geist und Logik allerdings schon © Daniela Kohl

Du bist schon sehr alt, oder? Bald bist du tot.“ Solche Sätze sagen nur Dreijährige. Es sind nicht mal Fragen, eher Feststellungen. Graue Haare, Schrumpelhaut – aha, das Ende naht. Warum soll man darüber nicht offen sprechen dürfen? Wer solche morbiden Worte das erste Mal aus einem Kindermund hört, zuckt unwillkürlich zusammen. Das sagt man doch nicht! Und schon gar nicht zu Oma oder Opa! Eilig wird abgelenkt oder das Thema gewechselt. Der Tod ist tabu.

Dabei sollten wir Eltern uns eigentlich freuen. Wir sollten staunen und von unseren Kindern lernen. Nur einmal im Leben gibt es diese kurze Phase, in der Geist und Logik erwachen, aber die Empathie noch nicht voll ausgereift ist. Um gesellschaftliche Konventionen scheren sich Kindergartenkinder nicht und zurückhaltende Höflichkeit ist für sie ein Fremdwort. Kinder sind Freigeister: Was sie sehen, denken, beobachten, was sie sich fragen oder was sie beschäftigt – das kommt direkt aus ihnen heraus. Wie bewundernswert!

Es ist außerdem das Alter, in dem Kinder zum ersten Mal eine Ahnung von Zeithorizonten bekommen, zum ersten Mal aus der kleinkindlichen Wahrnehmung des Augenblicks heraustreten, zum ersten Mal verstehen, dass es eine Zeit vor heute gab und nach morgen geben wird. Der Tod ist in diesem Zusammenhang natürlich ein hochinteressantes Phänomen. Was ist er? Wen ereilt er? Wie äußert er sich? Ist das wie Schlafen, nur ohne Atmen?

Kinder nähern sich dem Konzept der Sterblichkeit, mit dem wir Erwachsene lebenslang hadern, völlig unverkrampft. Und zunächst auch frei von Angst. Sie sehen, wie alles vergeht. Der Vogel im Garten, der Hamster im Käfi g, der Fuchs am Straßenrand. Sie stochern mit dem Stock in der leblosen Materie herum. Und sie stochern mit ihren Worten sorglos in unserer Metaphysik herum.

Wir Erwachsene sollten diese Zeit, in der Kinder dem Tod noch völlig nüchtern gegenüberstehen, genießen. Wir sollten nicht schweigen, sondern schöne Gespräche mit ihnen führen, über Asche zu Asche und Staub zu Staub. Für einen Moment sollten wir uns von ihrer forschenden Neugier anstecken lassen und das Thema ausnahmsweise ganz naturwissenschaftlich-chemisch betrachten. Ist es nicht faszinierend, wie aus der immer gleichen Erde seit Millionen von Jahren immer wieder neues Leben entsteht? Wie das eine wächst und das andere verfällt, wie das eine nur überlebt, weil das andere stirbt? Und wie komplex in der Natur alles ineinandergreift?

Wo keine Fragen dieser Art sind, muss man sie natürlich nicht schüren. Aber wo Fragen sind, kann man sie doch nach bestem Wissen beantworten. Denn diese unverkrampfte Stimmung kommt nie wieder. Im Gegenteil: Viel zu schnell werden Kinder von der nächsten Erkenntniswelle erfasst, die sie dann – meist zu Beginn der Grundschulzeit – mit brutaler Härte trifft: Wenn alles sterblich ist, dann ja auch ich! Dann ja auch meine Eltern! Das ist die Zeit, in der Mama oder Papa nachts an Kinderbetten sitzen und trösten und beruhigen müssen. Weil die Tränen gar nicht mehr aufhören wollen zu fließen. Denn über Nacht ist aus dem Tod plötzlich ein unendlich großer, schwarzer Schrecken geworden.

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