Erziehungsstile anderer LänderUnd wie lebst Du?

Einwanderer trifft Auswanderer: ein Elterntalk der Gegensätze

„Kinder sollen diszipliniert und tugendhaft sein“

Sie leben als chinesische Mutter in Deutschland. Welche Unterschiede im Erziehungsstil fallen Ihnen auf?

Bei der Kleinkinderziehung sind wir fast gegensätzlich. Chinesische Eltern glauben an die Frühentwicklung des Gehirns, weniger die des Körpers. Deshalb ist es von großer Bedeutung, so früh wie möglich mit Mathe und Fremdsprachen anzufangen. Sport hingegen ist nie wichtig. Diese naturnahe und sorgenfreie Kindheit in Deutschland überzeugt nur wenige chinesische Eltern. Als meine Mama zu Besuch war, fand sie es furchtbar, dass mein vierjähriger Sohn immer noch nicht rechnen konnte. Sie bekam auch einen Schreck, als die Kinder auf den kleinen Obstbaum geklettert sind. Aber dass mein Sohn schon ganz allein Fahrrad fahren kann, ist bereits eine Legende in der Nachbarschaft meiner Eltern geworden.

Was ist chinesischen Eltern in der Erziehung besonders wichtig?

Dass die Kinder diszipliniert, lernbegierig und tugendhaft sind. Nicht ohne Grund haben wir das Image von gutherzigen, aber introvertierten Bücherwürmen.

Wer erzieht strenger – deutsche oder chinesische Eltern?

Ich sicherlich mehr als mein deutscher Mann. Ich weiß aber nicht, ob das bedeutet, dass Chinesen strenger als Deutsche sind, oder Mütter strenger als Väter.

Wenn Sie Deutschland und China vergleichen: Wie schaffen es Eltern, Beruf und Familie zu vereinbaren?

So eine Vereinbarkeit wie in Deutschland gibt es bei uns nicht. In China, vor allem in großen Städten, wird das Einzelkind (immer noch die Mehrheit) nach der Geburt von den Großeltern übernommen, mit Unterstützung von Nannys. Die Mütter gehen nach drei Monaten zurück zur Arbeit, fast immer in Vollzeit. Kindergärten gibt es erst für Kinder ab drei, und wenn man einen Platz bekommt, ist der teuer. Bei begehrten Kindergärten in Peking ist es vorgesehen, 3.000 bis 5.000 Euro zu „spenden“. Oft stehen Eltern oder Großeltern mit Schlafsäcken schon in der Nacht vor dem großen Aufnahmetag der Kindergärten an, um auf die Liste zu kommen. Danach werden Kinder und Eltern noch getestet und man vereinbart die Spendensumme. Auch deshalb bleiben einige Kinder bis zum Grundschulalter bei den Großeltern.

Ist Deutschland ein kinderfreundliches Land im Vergleich zu China?

In Sinn von Familientradition ist China kinderfreundlicher, vielleicht ähnlich wie Italien: Kinder sind überall willkommen, und sie dürfen im Restaurant laut sein, selbst Rennen und Toben wird geduldet. Infrastrukturmäßig ist Deutschland aber viel kinderfreundlicher, etwa, dass Mütter mit Kinderwägen überall hingehen können! Bei uns sind nirgendwo Wege für Kinderwägen geeignet, auch öffentliche Wickelräume oder Hochstühle sind noch neue Konzepte für uns.

Ist Ihnen mal etwas typisch Deutsches begegnet, das Sie so richtig irritiert hat?

Wenn die Kinder miteinander streiten! Die chinesischen Eltern stoppen ihre eigenen Kinder sofort und kritisieren streng, selbst wenn die Schuld bei dem anderen Kind liegt. Aber die deutschen Eltern stehen manchmal nebendran, sagen und machen gar nichts, weil sie glauben, dass die Kinder die Chance haben sollen, die Probleme selbst zu lösen. Das irritiert mich total, weil ich es einfach unfreundlich finde, obwohl ich mittlerweile weiß, dass das nur ihre Philosophie ist.

Gibt es etwas, das wir Deutschen uns von den Chinesen abgucken können – und umgekehrt?

Jeder muss das für sich wissen, schwer zu sagen, was besser ist. Auch weil ich noch nicht sicher bin, wie stark ich mich einmischen soll, wenn die Kinder sich streiten.

„Kinder haben ein Recht auf Süßes“

Sie leben seit einigen Jahren mit Ihrem brasilianischen Mann und Ihren Kindern in Brasilien. Welche Unterschiede im Erziehungsstil brasilianischer und deutscher Eltern fallen Ihnen auf?

Brasilianische Eltern sind zwar autoritärer, gestehen ihren Kindern jedoch totale Narrenfreiheit zu. Über herumrennende Kinder im Restaurant regt sich keiner auf. Brasilianer stellen außerdem weniger Ansprüche an ihre Kinder. Der Leistungsdruck ist gering. Die ganze Großfamilie ist davon überzeugt, dass ihre Sprösslinge ganz besonders intelligent sind. Dabei darf man aber nicht vergessen, dass zwischen dem behüteten Leben verwöhnter „Papasöhnchen“ und dem harten Leben armer Favelakinder Welten liegen.

Was ist brasilianischen Eltern in der Erziehung besonders wichtig?

Dass Kinder großen Respekt vor Erwachsenen haben. Vor allem was der Vater sagt, ist Gesetz – und basta! Es gibt keine Erklärungen, keine Diskussion.

Wer erzieht strenger – deutsche oder brasilianische Eltern?

Das kommt darauf an, wie man Strenge definiert. Der Klaps auf den Po ist bei brasilianischen Eltern nicht aus der Mode, Gewalt als Erziehungsmittel ist gang und gäbe. Befehle, Gehorsam und Strafen sind die Mittel der Wahl, während man in Deutschland eher versucht, dem Kind auf Augenhöhe zu begegnen.

Wie schaffen es Eltern, Beruf und Familie zu vereinbaren?

Väter müssen sich in Brasilien nicht um diese Frage kümmern. Kinderbetreuung ist Frauensache. Vor allem die Kinder armer Familien bleiben bis zur Einschulung mit den älteren Geschwistern zu Hause oder bei der Oma. In der Mittelschicht sind private Kitas gefragt, sogenannte „Escolinhas“, die sogar Säuglinge aufnehmen. Wer es sich leisten kann, hat ein Kindermädchen.

Ist Brasilien ein kinderfreundliches Land im Vergleich zu Deutschland?

Ja, auf jeden Fall! Kinder sind überall willkommen und immer mit dabei – ob auf öffentlichen Ämtern, im Café oder auf der Silvesterparty. Brasilianer sind unglaublich liebenswürdig im Umgang mit Kindern. Sie mögen es, sich mit ihnen zu unterhalten, zu spielen und Späße zu machen. Meine Töchter hatten anfangs noch große Scheu vor Fremden, inzwischen sprechen auch sie jede Frau vertrauensvoll mit „tia“ (Tante) und jeden Mann mit „tio“ (Onkel) an.

Ist Ihnen mal etwas typisch Brasilianisches begegnet, das Sie so richtig irritiert hat?

Oh ja, da hat meine Schwiegermutter so einiges auf Lager! Sie behauptet zum Beispiel, dass Kinder ein Recht auf Süßigkeiten haben. Oder sie will mir Micky Maus als Bildungsfernsehen verkaufen. Und wenn meine Töchter mal eine blaue Hose tragen, bekommen sie sofort ein rosa Kleidchen geschenkt, damit ihre Weiblichkeit keinen Schaden nimmt. Grundsätzlich habe mich noch nicht daran gewöhnt, dass ich meine Kinder nicht alleine erziehe – Verwandte, Nachbarn und wildfremde Leute auf der Straße erziehen mit.

Gibt es etwas, das wir Deutschen uns von den Brasilianern abgucken können – und umgekehrt?

Wir Deutschen können lernen, dass Kindern mehr Liebe und Aufmerksamkeit gebührt als Hunden und Katzen. Und Brasilianer können lernen, dass ein Kindergeburtstag kein Dekorationswettbewerb sein muss und dass Eltern ihre Kinder nicht aus Herzlosigkeit in den Waldkindergarten schicken, sondern ihn als eine Chance für die Persönlichkeitsentwicklung ihrer Kinder sehen.

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